Gary Ackerman und die protestantische Ethik

Während in der letzten Woche der Opel-Vorstand ins Kanzleramt fuhr und sich die Betriebsräte desselben Konzerns im Außenministerien trafen, um auf die missliche Lage der deutschen Dependance von General Motors aufmerksam zu machen und die Möglichkeiten staatlicher Unterstützungen auszutarieren, machten sich die Vorstände von Ford, General Motors und Chrysler mit dem selben Ansinnen auf nach Washington. Sie hatten ein selbst entworfenes Unterstützungspaket im Gepäck, dass die notwendige staatliche Unterstützung auf 25 Milliarden US-Dollar bezifferte.

Dort trafen sie auf einen Senatsausschuss, der sich mit der Lage der amerikanischen Autobauer vertraut machen wollte. Die CEOs der drei Konzerne traten zunächst sehr selbstbewusst auf und kamen schnell auf den Punkt: Wenn verhindert werden solle, dass hunderttausende von Arbeitsplätzen in der Branche verloren gingen, dann müsse sofort ein Regierungspaket von 25 Milliarden auf den Tisch. Sie saßen da, als sei das alles eine reine Formsache und blickten recht blasiert auf die Mitglieder des Ausschusses.

Und just in diesem Moment schlug die Stunde des New Yorker Demokraten Gary Ackerman. Er fragte die drei Herren, wie sie denn nach Washington gekommen seien. Etwas irritiert gaben diese zurück, sie verstünden die Frage nicht. Ackerman blieb ruhig, wirkte jedoch sehr streng. Er wolle wissen, mit welchem Transportmittel sie da seien. Na, mit dem Flugzeug, gaben diese immer irritierter zurück. Ackerman: Sind Sie mit einem Linienflug hier, oder wie? Nein, kam die Antwort, mit unseren Privatjets. Darauf Ackerman: Sie kommen also nach Washington, verlangen einen Riesenbetrag aus Steuergeldern und kommen mit Privatjets? Können Sie bitte erklären, wie das zusammenpasst? Hätte es ein Linienflug nicht auch getan?

Die ansonsten selbstherrlichen Herren wurden kleinlaut und gaben vor, das jeweilige Unternehmen sähe diese Art von Transport für die Vorstände vor. Daraufhin ging Ackerman noch weiter: Wenn Sie mit staatlichen Geldern zurück nach Detroit fahren, sind Sie dann auch bereit, für einen Dollar pro Jahr zu arbeiten, bis die Krise vorüber ist? Keine Antwort. Ackerman: Ich höre nichts! Zwei schwiegen beharrlich, einer gab wie ein ertappter Schuljunge an, er habe genug, er könne damit auskommen. Geld gab es am Ende keines. Die drei CEOs jetteten mit leeren Taschen zurück nach Detroit.

Was war geschehen? Ein Ausschussmitglied hatte genug Bodenhaftung, um die Vertreter einer letztlich fehlgeschlagenen Geschäftspolitik das zu fragen, was in einem normalen Prozess wirtschaftlichen Handelns und Scheiterns auf der Hand liegt. Nämlich, ob die Verantwortlichen in der Lage und Willens sind, für die von ihnen mit zu verantwortende Fehlentwicklung auch persönlich die Verantwortung zu tragen. Und der mutige Gary Ackerman sorgte dafür, einen höchst aktuellen ethischen Aspekt in den Mittelpunkt der Verhandlung zu stellen. Es ging letztendlich um die Frage, ob die Honorierung von Leistung unabhängig von den erzielten Resultaten zu bemessen ist. Und Ackerman wie der Ausschuss beantworteten diese Frage, indem sie die Herstellung dieses Zusammenhangs zur Voraussetzung für eine Unterstützung der Branche machten.

Währenddessen werden in Deutschland Diskussionen über die Höhe von Managementgehältern per se geführt, unabhängig vom Erfolg der Unternehmen und ganz in der kuscheligen Nähe von Neid und Dogma. Es scheint nach vorne zu weisen, den Zusammenhang von Erfolg und Honorierung zu thematisieren. Zumindest in den Zeiten der Krise erhält die protestantische Leistungsethik eine zweite Chance. Bei General Motors zeigten die Signale des Gary Ackerman übrigens schnell Wirkung. Die ersten geleasten Jets gingen bereits zurück an den Eigentümer.