Die Qualität von Führung und die europäischen Obamas

In diesen Tagen erleben wir viel. Zum einen können wir verfolgen, wie der neu gewählte Präsident der USA seine aktive Amtszeit konzeptionell und personell vorbereitet und welche Themen bei ihm eine entscheidende Rolle spielen werden. Dass die Wirtschaft wichtig sein wird, kann niemanden überraschen, dass ihm der Klimaschutz so unter den Nägeln brennt, konnten nur die vermuten, die von seiner strategischen Kompetenz überzeugt waren. Am interessantesten jedoch ist die Art und Weise, wie Barack Obama sein zukünftiges Regierungsteam zusammenzusetzen gedenkt. Neben den gesetzten grauen Eminenzen der Beratung, zu denen so geniale Regisseure wie David Axelrod weiter zählen werden, hat Obama bereits Sondierungsgespräche mit Hillary Clinton, John McCain und Sarah Palin geführt. Sollte es ihm gelingen, seine gestrigen Kontrahenten mit ihrer unterschiedlichen Fachkompetenz und ihrem spezifischen politischen Ansatz in die Regierungsverantwortung zu holen, dann wäre eine solch radikale Einbindung der Krokodile von gestern in die politische Agenda von morgen die erste dieser Art seit Abraham Lincoln. Dieser war ähnlich verfahren.

Das Wesen von Führung ist die Fähigkeit, Menschen für eine Vision zu mobilisieren. Neben der attraktiven Gestaltung der Idee muss das Zutrauen vermittelt werden, nicht nur den Traum artikulieren zu können, sondern auch die praktischen Fähigkeiten mitzubringen, den täglichen Weg zum Ziel auch organisieren zu können. Historisch erfolgreiche Führungspersönlichkeiten besaßen auch immer die innere Größe, sich mit Querdenkern und Oppositionellen zu umgeben, um die allgemeinen gesellschaftlichen und sozialen Tendenzen besser begreifen zu können. Die Beobachtung von Obamas gegenwärtigen Maßnahmen und Entscheidungen erlauben weiterhin eine günstige Prognose hinsichtlich seiner zu erwartenden Führungsqualität.

Zum anderen erleben wir hier in Europa rein metaphorisch eine Obamania, die nur aus den tiefen Quellen der Psychoanalyse zu erklären ist. Ehrlich gesagt, ein Typ wie Obama hätte derweil in den meisten Ländern Europas kaum eine Chance auf Avancement. Dafür ist er zu dynamisch, zu deutlich in seinen Aussagen und er verlangt zuviel von den Bürgern. Aber durch die Tatsache, dass sein Auftreten und seine Wahl weltweit in den jungen Gesellschaften für einen unbeschreiblichen Hype gesorgt haben, wollen viele jetzt auch ihren Obama. Was dabei angeboten wird, ist allerdings derartig aus der weiten Ferne geholt, dass es eher zu einer peinlichen Veranstaltung verkommt. So nennt man in Deutschland bereits von interessierter Seite Cem Özdemir den deutschen Obama, weil er ja auch ein Migrant sei. Das überzeugt, denn allein der Immigrantenstatus würde ca. 250 Millionen Amerikaner präsidentenfähig machen. Mr. Özdemir hingegen stach dadurch hervor, dass er als Bundestagsabgeordneter den Staat mit Den Boni von Miles & More übervorteilte und danach von seiner Partei zwecks beabsichtigtem kollektiven Gedächtnisschwundes nach Brüssel entsorgt wurde. Aus diesem Widerstandsnest kehrt er nun mit dem Charisma eines Eurokraten in die deutsche Politik als unser Obama zurück.

Aber auch in Frankreich drängt sich der Vergleich auf: Mr. Sarkozy ist bekanntlich Sohn ungarischer Immigranten und somit der natürliche französische Obama. Wenn der arme Junge ungarischer Einwanderer so weiter macht, wird er die Franzosen wohl derart traumatisiert haben, dass es über Generationen hinweg kein Immigrant mehr ins Präsidentenamt schafft. Soviel Großmannssucht und Chevalereskerie wie von diesem an den Tag gelegt, traut sich wirklich kein Franzose mehr, mit ins 21. Jahrhundert zu nehmen.

Um das Thema zu versachlichen und auf das bescheidene Maß der Vernunft zurück zu holen, seien folgende Fragen beantwortet:

• Welchem europäischen Politiker gestehen Sie derzeit die Fähigkeit zu, Menschen für eine Vision zu mobilisieren?
• Welchem europäischen Politiker trauen Sie derzeit zu, eine wie auch immer geartete politische Vision zielgerichtet und durch praktische Schritte zu verfolgen?
• Welcher derzeitige europäische Spitzenpolitiker umgibt sich mit unbequemen, aber qualitativ hoch stehenden Geistern, um seinen Blick für die Gesellschaft zu schärfen?

Sollten Sie Beispiele finden, wäre dem Autor an sachdienlichen Hinweisen sehr gelegen!