Die dritte Stufe der Expropriation

Indem der nicht über Produktionsmittel verfügende Mensch seine Arbeitskraft verkaufen muss, begibt er sich in ein Vertragsverhältnis, welches ihm die Reproduktion seiner Arbeitskraft sichert, in welchem er aber mehr Wert produziert, als das, was er braucht, um am Leben zu bleiben. Karl Marx leitete dies aus dem Doppelcharakter der Ware ab und nannte es Expropriation, weil es dem den Mehrwert nimmt, der ihn schafft. Es handelt sich dabei um eine Grundfeste des Kapitalismus, deren Funktionsbeschreibung bis heute keiner Revision bedurfte.

In der Geschichte des Kapitalismus gelangen dennoch Dinge, die Marx nicht in dieser Dimension prognostiziert hatte. Diejenigen, die die Werte schufen, konnten zwar nicht die Expropriateure expropriieren, wie im Kommunistischen Manifest politisch gefordert, aber sie schufen sich etwas, was man bis vor zwanzig Jahren noch guten Gewissens einen bescheidenen Wohlstand nennen konnte. Abhängig Beschäftigten gelang es durch gute Organisation ihrer Interessen und umsichtiges Wirtschaften, Geld beiseite zu legen und zu sparen, eine eigene Wohnung oder gar ein Haus zu kaufen. Und die Verfechter des beschriebenen Wirtschaftssystems straften all diejenigen Lügen, die von Verelendungstendenzen sprachen.

Der Staat übernahm in dieser Situation eine zentrale Rolle, bezeichnete sich als sozial und schuf aus den eingenommenen Steuern Stützungssysteme für diejenigen, bei denen es selbst zu dem bescheidenen Wohlstand nicht gereicht hatte. Bei Betrachtung der Bilanzen wurde vor allem in Deutschland klar, dass es auf der einen Seite signifikant steigende Ausgaben im Sozialbereich zu verzeichnen gab, auf der anderen Seite aber ein ebenso deutliches Ansteigen privater Rücklagen in Form von Sparvermögen und Zusatzrenten. In dieser Situation wurde die Illusion vom schnellen Geld aktiviert. Um an die vielen kleinen Privatbestände der Sicherung zu kommen, wurden großartige Kampagnen vom schnellen Geld gestartet, die den beschwerlichen Weg der Wertschöpfung ausblendeten.

Als eines der perfidesten Beispiele der zweiten Welle der Expropriation kann in der jüngeren Geschichte der Börsengang der Telekom bezeichnet werden. In aufdringlichen und vereinfachenden Werbekampagnen, für deren Mitwirkung sich mittlerweile namhafte Schauspieler öffentlich entschuldigten, wurde den potenziellen Investoren weisgemacht, bei schnellem Kauf mit atemberaubenden Renditen belohnt zu werden. Und die vielen legendären Kleinanleger kratzten ihre hart erarbeiteten Rücklagen zusammen und kauften sich in ein Unternehmen ein, dass durch seine wertbezogenen Bestände wie seine Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der Börsentauglichkeit spottete. Verbrannt wurden Beträge in Milliardenhöhe und somit eine zweite Stufe der Expropriation von Volksvermögen erfolgreich vollzogen.

In der gegenwärtigen Finanzkrise nun kommen diejenigen aus dem Unternehmensbereich, die als Subjekte der wirtschaftlichen Konkurrenz versagt haben, weil sie notwendige Innovationen und Investitionen unterließen oder schlichtweg selbst beim großen Roulette mitgespielt haben, diese Unternehmen kommen nun auf den Staat zu und bitten um Rettungspakete, die aus dem Steueraufkommen finanziert werden sollen. Die Folge wäre die dritte Stufe der Expropriation, weil die Veräußerung der Steuergelder für privatwirtschaftliche Zwecke Lücken dort reißen würden, wo Leistungen für die eigentlichen Wertschöpfer der Zukunft dringend notwendig sind: Bei Bildung, bei Infrastruktur und bei der Kultur.
Gelingen konnten und können die beiden letzten Formen der Expropriation nur, weil diejenigen, die dabei übervorteilt werden, im Gegensatz zur ersten Stufe der Expropriation sich dagegen wehren könnten, dieses aber aufgrund illusionärer Vernebelung nicht taten. In beiden Fällen reichte Bildung in Form historischen Wissens und Entschlossenheit schon aus. Künftigen Ansinnen erneuter Enteignung wie dem Aktiengang der Deutschen Bundesbahn kann sich jedes Individuum durch eine bloße Willensentscheidung und ein Nein zum Kauf entziehen. Und bei der dritten Stufe, der Verstaatlichung schlechten Wirtschaftens, kann der politische Wille durch die Koalition von Interessen auch dies verhindern. Man muss nur wollen, können tut man dann auch.