Vom Mittelpunkt der Erde in die Weiten des Kosmos

Allein die Geschichte ist so legendär, dass sie als Fiktion übertrieben anmutete. Da werden einem Gitarristen vor nunmehr über vierzig Jahren zwei Musiker über eine Agentur zugeschustert. Die finden zusammen und vollbringen eine der atemberaubendsten Entwicklungen der Musikgeschichte, werfen der Welt ein ganzes Fass neuer Dimensionen so einfach vor die Füße. Der Gitarrist stirbt schon drei Jahre später und die beiden anderen, gerade mal Anfang Zwanzig, binden sich nie wieder fest an eine neue Band, weil ihnen bewusst ist, dass sie die Climax mit ihrem letzten Ensemble hinter sich gelassen haben.

Die Jimi Hendrix Experience bescherte der Welt einen Sound, der bis heute so mächtig ist, dass selbst Kenner und Hartgesottene nicht mehr als ein oder zwei Stücke dieser atemberaubenden Musik ohne Pause der seelischen Erholung vertragen können, weil ihnen ihre Vorstellungswelt und das Unbewusste wie Partikularteilchen um die Ohren fliegen.

Am Donnerstag, den 12. November 2008, starb an der amerikanischen Westküste der letzte dieser Experience, der englische Schlagzeuger Mitch Mitchell. Er wurde 61. Als Hendrix starb war er 23, danach jammte er, ging mit der einen oder anderen Formation ins Studio, aber er verpflichtete sich nie wieder zu einer Band. Nur jetzt, in den letzten Jahren, ging er für die Experience Hendrix Tour noch mal auf die Bühne.

Ist sich die Fachwelt über die gigantische Innovation eines Jimi Hendrix zu seinen Lebzeiten schon einig gewesen, so blieb das Urteil gegenüber dem Bassisten Noel Redding und dem Schlagzeuger Mitch Mitchell eher verhalten, wahrscheinlich, weil der eine Große mental schon kaum zum Aushalten war.

Mitch Mitchell kam in das Genre des Electric Blues mit klaren Vorprägungen aus dem Jazz, Max Roach und Elvin Jones waren diejenigen, die ihn am meisten beeinflussten. Zudem kannte er Märsche aus den frühen englischen Kinderensembles. Als Hendrix zu seinem Durchbruch nach London kam, erhielt er als Schlagzeuger den Vorzug vor Ansley Dunbar.

In den Jahren von 1967 bis 1970 produzierte dass Trio drei Alben, Are You Experienced?, Axis: Bold As Love und Electric Ladyland. In ihnen wurde alles auf den Kopf gestellt, was dem eingespielten Musikgeschmack des Rock und Blues als heilig galt. Und der Schlagzeuger Mitch Mitchell begleitete den maßlos innovativen Hendrix auf seinen psychedelischen Erkundungsreisen nicht nur auf dem Schlagzeug, sondern er forderte ihn heraus, er konterkarierte ihn, stoppte ihn und riss ihn wieder los, das alles in einer Weise, die in Genres kaum beschrieben werden kann. Rock, Blues, Swing, March, alles zauberte er hervor, immer dann, wenn es nicht zu determinieren war und dennoch verblüffend passte. Mitch Mitchell war der Beschleuniger der Innovation und wenn man sich heute Songs wie Fire, Manic Depression, Crosstown Traffic, Voodoo Chile, 3rd Stone from the Sun oder Moon turnes the Tides anhört, dann war es vor allem Mitchell, der uns das Herzrasen verordnete.

Nach drei Jahren Experimendum Mundi war es vorbei und Mitch Mitchell zog sich zurück, weil er mit 23 schon ein kluger Kopf war und wusste, dass so etwas nicht fortgesetzt werden konnte. Er sollte Recht behalten, weil diese Musik noch heute das Innovativste ist, was die Musikgeschichte der Moderne in ihren Annalen führt. Der Schlagzeuger Mitch Mitchell ist tot. Er wurde 61. Der traurige Anlass erinnert uns an eine aufregende und großartige Musik, und es ist ein Privileg, in seinem eigenen Leben Zeuge einer solchen Entwicklung gewesen sein zu können. Heute Abend, so habe ich mir vorgenommen, werde ich Fire und Moon turnes the Tides auflegen und besonders auf das Schlagzeug achten. Mehr werde ich nicht aushalten. Auch heute nicht, achtunddreißig Jahre später!