Der Prinz und die Unken

Die Wahlnacht vom 4. auf den 5. November 2008 hatte Format. Die einzig übrig gebliebene Supermacht hatte sich nach vielen Irrläufen und bösen Fehlentwicklungen in den letzten acht Jahren auf ihre alte Stärke zurückbesonnen. Mit dem Kandidaten Barack Obama hat die amerikanische Bevölkerung eine Figur gefunden, über die die Reanimation der Demokratie zu funktionieren scheint. Mit einer satten, überwältigenden Mehrheit hat sich Amerika für einen neuen Anfang ausgesprochen und eine alte, im Kalten Krieg aufgewachsene Generation von Politikern aufs Altenteil geschickt.

Die Form der präsidentiellen Demokratie hat zudem die Amerikaner davor bewahrt, eine Koalition unterschiedlicher Interessen in die Regierungsverantwortung zu schicken, die dann jahrelang beim Austarieren des kleinsten gemeinsamen Nenners wichtige Zeit vergeudet und alle enttäuscht. Wenn nur einer gewinnen kann, dann muss man sich entscheiden. Das ist gut so, denn wenn sich der Wähler entscheiden muss, dann wird er das auch von dem von ihm gewählten Politiker verlangen, denn dafür ist er da.

Dass Barack Obama damit kein Problem haben wird, steht außer Frage. Er wird von Anfang an Prioritäten setzen, um aus der langen Liste der Hoffnungen, die mit ihm verbunden werden, die wichtigsten gleich abzuarbeiten. Und er wird vielen Regierungen und Politikern in der Welt, die mit auf dem Versprechen auf Wandel ins Amt gekommen, dann aber im Kleinmut versunken sind, zeigen, was ein Auftakt ist. Es wird Überraschungen geben, denn er wird vielen die Macht nehmen, aber auch andere, die auf keiner klassischen Agenda stehen, daran partizipieren lassen, weil er das Land einen und nicht spalten will.

Mit der epochalen Wahl und ihrer alle Dimensionen sprengenden Emotionalität wird zudem etwas in die restliche Welt kommen. Es wird ein neuer Maßstab sein für Politik und Politiker. Als Barack Obama im letzten Sommer eine Rede an der Berliner Siegessäule gehalten hatte, jubelten ihm hunderttausende Deutsche zu. Das Motiv war wohl weniger sein dort recht allgemein gehaltenes Programm als vielmehr das Bedürfnis, einen Politiker unterstützen zu können, der Visionen formulieren kann und den Mut hat, sie in Angriff zu nehmen. Bei einheimischen Politikern, die ihre Grenzen in Pendlerpauschalen und Steuererleichterungen bei häuslichen Handwerkerrechnungen finden, mutet eine Figur wie Barack Obama wie eine lang erwartete Erlösung an.

Und so ist deren Reaktion, hier im Osten vom großen Teich, nun überhaupt keine Überraschung. Unisono verkündet die gesamte politische Klasse, die Hoffnungen, die Obama geweckt habe, könne er ja gar nicht erfüllen. Es scheint einen kleinen, bedeutsamen Unterschied zu geben. Noch in der Nacht nach der Wahl fragte man die Leute auf den Straßen genau dieses, ob in Harlem, in Boston oder Los Angeles. Und fast alle Befragten gaben an, man werde jetzt alles tun, damit dieser Mann Erfolg habe. Das spricht von einem anderen staatsbürgerlichen Selbstverständnis und hat tatsächlich Aussicht auf Erfolg. Im Reich der Selbstverantwortung, im fernen Westen, herrscht jetzt ein Prinz. Im nahen Osten, im Distrikt der Entmündigung, da haben die Unken das Sagen.