Der Club von Tarifa

Die geographischen Schnittpunkte auf dieser Welt fristen oft unbemerkt ihr Dasein. Selten sind sie Regierungssitz oder Zentrum einer dominanten Kultur. Vielmehr liegen sie am Saum der einen und an der Schwelle zu einer anderen Zivilisation. Nicht selten gilt ihnen über ganze Epochen nicht einmal das Augenmerk. Ihre Randlage bewahrt sie vor der schnelllebigen Vermarktung und ihre Entdeckung bleibt meist jenen vorbehalten, die ein Gespür für Bewegungen und Substanzen haben, die unter der Fassade verborgen liegen. Aber auch jene geraten oft durch einen eher abwegigen Zufall dorthin und brauchen einige Zeit, um das zu entdecken, was den verborgenen Reichtum ausmacht.

Der Ort Tarifa liegt im Süden Andalusiens, direkt am Atlantik, etwas westlich und nahe der Meerenge von Gibraltar. Obwohl er über einen Hafen verfügt, der historisch einige Wichtigkeit besaß, um ins gegenüberliegende marokkanische Tanger zu gelangen, wurde er nie zu einem Knotenpunkt der Moderne. Hatte Tarifa während der maurischen Herrschaft über den Süden Spaniens noch eine gewisse Bedeutung, so schwand diese nach der Reconquista, nach der die Spanier den Schwerpunkt auf Algeciras im Mittelmeer legten. Tarifa versank zu einem kleinen Fischerort, von dem aus noch ab und an eine Schiff nach Tanger ging, ansonsten litt es unter dem Fluch der Winde. Abwechselnd suchen der starke Westwind des Atlantiks und der aus dem Süden kommende Mistral Nordafrikas diese Stadt heim. An kaum einem Ort Europas blasen die Winde so stark und Neuankömmlinge, die dort etwas verweilen wollen, klagen über Unruhe und Schlaflosigkeit, weil sie sich an die Heftigkeit der Stürme, die auch wegen der Sogwirkung der Straße von Gibraltar nie nachlassen, erst gewöhnen müssen.

Irgendwann entdeckten Surfer das Fleckchen, weil, so man es kann, dort paradiesische Voraussetzungen für diese Sportart herrschen. Eine kleine, verschworene Gemeinschaft von Aficionados trifft sich hier zwischen Mai und Oktober und sie beweisen ihr Können auf den mächtigen Wellen. Den Charakter der Stadt hat dies kaum verändert, liegen doch die meist schlichten Herbergen der Surfer außerhalb der Stadt entlang der westlichen Küste. Ab und zu durchziehen kleine Gruppen von Touristen den Ort hin zum Hafen, um einen Tagestrip nach Tanger zu machen, aber sonst ist Tarifa ein Hafenstädtchen im Süden Andalusiens, das nicht laut nach Aufmerksamkeit schreit.

Irgendwann tauchten in Tarifa zwei Männer auf, die sich nicht in die Surferkolonien begaben, sondern ganz bewusst direkt in der Stadt ein kleines Hotel aufsuchten und dort einige Zeit blieben. Man sah sie einige Wochen immer wieder im Ort umherlaufen, sie saßen in den Tapabars, unterhielten sich mit den Einheimischen, verweilten abends auf der Plaza, von der man über das Meer auf das gegenüberliegende Atlasgebirge schauen konnte, rauchten dabei ihre Zigarren und, so wie es schien, schmiedeten Pläne.

Sie mieteten sich einen Jeep und fuhren herum, mal nach Osten, mal nach Westen, immer am Meer entlang. Dann sah man sie an den Stränden in den Bars, wo sie sich mit den Surfern unterhielten. Abends hatten sie immer wieder das Meer und den Atlas im Blick und betrachteten den regen Schiffsverkehr zwischen Mittelmeer und Atlantik, die mächtigen Containerschiffe, die Passagierschiffe, die Fischerboote, die Zerstörer und die Flugzeugträger. Dann fuhren sie nach Tanger, wo sie einige Tage blieben, um wieder nach Tarifa zurückzukehren. Beobachter aus der Stadt stellten fest, dass die beiden Männer immer wieder um eine alte, verlassene Villa am westlichen Stadtrand schlichen, gestikulierten, sich gegenseitig dieses oder jenes Detail zeigten, um sich dann wieder umzudrehen und auf das Meer mit seinem Panorama zu schauen.

In der Stadt begannen sie zu fragen, wem die alte Villa gehöre. Die Antworten, die sie in den Bars, beim Bäcker, dem Metzger oder den Fischern bekamen, war immer die gleiche. Man wusste es nicht, irgend eine Familie aus dem fernen Madrid hatte dort einmal gewohnt und vor vielen Jahren wären irgendwann einmal die Schlagläden nicht mehr geöffnet worden und das gute Stück wäre vom salzigen Wind im Laufe der Jahre wie ein altes Schiff verrottet. Dann saßen die beiden, von denen die Leute erzählten, es seien ganz angenehme Zeitgenossen, die einen merkwürdigen Akzent aus dem Norden hätten, wieder auf der Plaza und blickten versunken auf das Meer und den Atlas, und sie wirkten, als seien sie in Trance. Eines Tages dann waren sie wieder verschwunden und niemand wusste, wohin sie der Wind getrieben hatte.

Wie es so ist in einer kleinen Stadt, Neuankömmlinge werden registriert, genau beobachtet, man redet mal mit ihnen, versucht sich so seinen Reim auf sie zu machen, irgendwann gehören sie dazu, aber wenn sie verschwinden, dann wundert man sich vielleicht ein bisschen, zuckt die Achseln und kehrt zurück zum Tagesgeschäft, backt sein Brot, fängt seine Fische oder betreibt sein kleines Restaurant, schließt abends die Läden wegen des Windes, hört die Nachrichten im fernen Madrid und lebt sein Leben.

Das Erzählenswerte bei diesen beiden Männern war jedoch der Umstand, dass sie, als es kaum noch jemanden in Tarifa gab, der sich ihrer erinnerte, nach vielen Jahren wieder auftauchten. Sie waren grau, aber nicht alt geworden und saßen eines Abends wieder auf der Plaza, rauchten immer noch ihre kubanische Zigarren und blickten wieder aufs Meer. Und wie in den vielen, vielen Jahren vorher, schienen sie wieder wie hypnotisiert zu sein. Und dann berichteten Leute, die sie an der alten, jetzt noch verfalleneren Villa gesehen hatten, wie sie mit Handwerkern und Bauarbeitern geredet und allerlei Anweisungen gegeben hätten. In der Bar an der Plaza erzählte der Hotelier, bei dem sie sich für einen längeren Zeitraum einquartiert hatten, sie hätten die Villa gekauft und wollten dort einziehen, aber auch einen Club aufmachen. Die Gäste rätselten herum, was für ein Club das wohl sein könne, doch hoffentlich kein Bordell! Doch der Hotelier beruhigte die Anwesenden sofort, indem er

sein Wissen kundgab, es werde ein Musikclub. Das beruhigte zwar, barg jedoch nicht weniger Rätsel. Währenddessen gingen die Arbeiten weiter. Ungeheure Mengen an Gerümpel, altem Mobiliar und Bauschutt türmten sich vor dem Haus am Strand und LKWs holten das alles ab und brachten Neues. Die beiden Männer waren jetzt jeden Tag an der neuen Stelle ihres Wirkens, abends gingen sie im Ort essen und gaben auf Fragen auch bereitwillig Auskunft. Sie bestätigten, dass sie einen Musikclub planten und wollten, dass viele Musiker aus der Gegend, aber auch das eine oder andere Ensemble aus der Ferne auftreten sollte. Auf die Frage, welche Art der Musik denn dort gespielt werden solle, antworteten sie stets, es solle etwas Neues sein, das die Seele träfe und neue Motive hervorbringe. Für die meisten klang das doch sehr kryptisch, aber das Misstrauen hielt sich in Grenzen, zumal die beiden Herren großen Wert darauf legten, dass die ansässigen Handwerker aus Tarifa Aufträge bekamen. Diese wiederum berichteten, dass der Keller mit seinem soliden Gemäuer das Zentrum des Clubs werden würde, mit kleinen Tischen und einer niederschwelligen Bühne, im Parterre hingegen eine große Bar geplant sei und viele Nischen, wo man in kleinen Gruppen in großen, bequemen Sessels sitzen, der Musik lauschen oder sich unterhalten und von überall aus den Blick auf das Meer und den gegenüberliegenden Atlas genießen könne. Gleiches könne man auf der großen Veranda erleben, die ja bekanntlich direkt zum Strand hingehe und auf der schöne Palmen bereits Platz genommen hätten. Im Geschoß über der Bar planten die beiden Herren mit ihren Frauen zu wohnen, die irgendwann nachkämen. Die Musiker wolle man in örtlichen Hotels unterbringen, um die lokale Wirtschaftskraft zu stärken, wie auch mit den Restaurants schon Verträge abgeschlossen worden seien, die sie verpflichteten, den Club mit den besten hier erhältlichen Speisen zu beliefern. Nur beim Wein und den Spirituosen behielten die beiden Besitzer es sich vor, auch überregional einzukaufen. Im Großen und Ganzen gab man sich in Tarifa dann doch mit der Entwicklung zufrieden und nicht wenige sehnten sogar den Tag herbei, wann endlich der Club seinen Betrieb aufnähme.

Nachdem die Villa, die vom Stil her an die alten Kolonialzeiten erinnerte, renoviert und weiß getüncht worden war, wirkte sie wie ein Juwel in ihrer sandigen Umgebung, eingesäumt von hergebrachten Palmen und vorne, zur Straße geschützt von kräftigen Zedern und Zypressen. Ganz im Stile der Fassade leuchtete eines Abends zum ersten Mal der Name. Der neue Club stellte sich in großer, roter Leuchtschrift als „A Los Vientos“, „Zu den Winden“ vor, und darunter stand in ganz modernen Lettern noch „Crossroads“. Abends erklärten die beiden Männer auf der Plaza, was sie damit meinten, nämlich das Zusammentreffen vieler Einflüsse an diesem wunderbaren Ort und alle waren damit zufrieden.

Kurze Zeit später trafen die Sachen der beiden aus dem Norden ein und, obwohl der Club noch gar nicht geöffnet hatte, konnte man sie manchmal nachmittags auf der Terrasse sitzen und zu zweit mit ihren Saxophonen spielen hören. Für die, die es mitbekamen, hörte sich das nicht nach dem Norden, sondern nach was Amerikanischem an, aber schlecht war es nicht.

Dann begannen die beiden, Leute aus der Stadt für den neuen Club einzustellen, junge Frauen für die Bar, zwei Tapakünstler für die Snacks, Musiktechniker, zwei ältere Herren für die Kasse, drei junge Männer als Security, zwei Hausmeister und eine ältere Dame für die Bücher. Mit jeder neuen Einstellung kamen neue Informationen in den Ort und irgendwann stieg die Spannung dann doch sehr. So empfanden es viele als eine Erlösung, als überall Plakate angeklebt wurden, die verkündeten, am 1. Mai eröffne der Club Los Vientos und alle Bürgerinnen und Bürger Tarifas seien eingeladen. Zwar stellten sich viele die Frage, wie denn, wenn nur ein Bruchteil käme, die Platz finden sollten in dem kleinen Keller, aber hin gingen sehr viele dann doch.

Schon am späten Nachmittag zog eine regelrechte Prozession von der Plaza heraus aus der Stadt, die Küstenstraße entlang zum Club. Dort war das ganze Areal geschmückt, es wurden Getränke gereicht, leichte Weine und kühle, fruchtige Cocktails. Es gab sogleich überall Tapas, mit allem was das Herz begehrte und die Region zu bieten hatte. Chipriones en su tinta, boquerones en vinagre, Fleischlößchen in Tomate, Ziegenkäse mit Trauben, feurige Chorizos, ölig-scharfe Garnelen und vieles mehr, was sofort die Stimmung beflügelte. Als die Villa von der Menschenmenge verschlungen und von weitem nur noch als eine Monstranz in einem Menschenzug wahrgenommen werden konnte, stiegen die beiden Männer auf die Eingangstreppe und richteten sich an die Menge, indem sie sich immer wieder abwechselten:

„Liebe Freunde und Bewohner von Tarifa, vor vielen Jahren sind wir schon einmal hier gewesen und waren begeistert von dieser Stadt, seinen Menschen und dieser einzigartigen Lage. Wenn man so will, trifft hier das alte, königliche Spanien auf Afrika und der Kulturkreis des ganzen Mittelmeeres auf die Neue Welt jenseits des Atlantiks, die uns jeden Tag gehörig anbläst. Wir haben uns damals, vor vielen Jahren geschworen, dass wir an diesen Ort einmal wieder zurückkommen werden, um hier einen Musikclub aufzumachen, um das Aufeinandertreffen der verschiedenen Welten hier hörbar zu machen. Dann sind wir zurück in den Norden, haben dieses und jenes gemacht, kamen in der Welt herum und immer, wenn wir uns wieder trafen, haben wir beraten, ob wir zwischenzeitlich einen besseren Ort für unseren Traum gefunden hatten. Hatten wir aber nie, und so sind wir unserer Vereinbarung treu geblieben und hierher, nach Tarifa zurückgekommen. Wir wollen hier nicht unser Ding machen, das heißt einen Club, in der wir die Musik nach Tarifa bringen, die wir gut finden, sondern wir wollen die vier Welten, die sich hier treffen, zum Klingen bringen. Und wir wollen, dass ihr diesen Klängen lauscht und euch daran beteiligt. Mögen uns die Winde hold sein und unserem Plan das nötige Glück bescheren!“

Wie auf ein Zeichen schoss Pedro, der Polizeimeister von Tarifa mit seiner Dienstpistole dreimal in den Himmel und der Club Los Vientos war eröffnet. Man hatte sich noch nicht richtig zugeprostet, als schon von der aufgebauten Holzbühne auf der Terrasse die Absätze zu einem langsam ansetzenden und immer schneller

werdenden Flamencorhythmus hörbar wurden. Begleitet wurden die Tänzerinnen von Paco auf der Gitarre und schon begannen die vielen Besucher im Takt zu klatschen. Und so wurde die Stimmung sehr schnell so gut, dass es kein Halten mehr gab. Schnell lag über der Menschenmasse ein Geruch von Wein und Gebratenem, immer wieder wurden alle mit Getränken gutem Essen versorgt. Und die hereinbrechende Nacht wurde zu einem Ereignis, von dem heute noch alle erzählen, die dabei waren und, so wurde berichtet, von der die beiden Clubbesitzer meinten, sei es nur diese eine Nacht gewesen, ihre ganzen Mühen wären allein dadurch reichlich belohnt worden.

Als bereits alle in einer wilden Trance waren und der Flamenco das Unterbewusstsein fest im Griff hatte, tauchte ein pechschwarzer Bluesgitarrist aus Louisiana auf und spielte einfach mit, wobei Paco und er sich musikalisch ständig darum stritten, wohin die Reise ging. Mal klang es bluesig, mal nach Flamenco und irgendwann war das ein andalusischer Blues, den noch niemand vorher so gehört hatte. Abgelöst wurden die beiden durch ein Jazztrio mit Trompete, Bass und Schlagzeug, und sie begannen mit Coltranes Olé und verjazzten danach die Folklore des Mittelmeeres. Es folgte eine Sängerin aus Cadiz, die den ganzen Weltschmerz auf den Atlantik schrie und sich dabei nur von Kongas tragen ließ. Der Abend wurde zu einem Rausch, an dem der Alkohol den geringsten Anteil hatte. Gegen Mitternacht stand ein leibhaftiger Kabilenprinz aus dem Hohen Atlas auf der Bühne, der, begleitet von einer elektrischen Rockgitarre, auf seiner Holzflöte der Berberfolklore gewaltig auf die Sprünge half. Die Gäste waren nicht mehr zu halten und es flaute nicht mehr ab, nicht nach Mitternacht, nicht in den frühen Morgenstunden. Erst als am späten Vormittag des 2. Mai die Sonne zu stechen begann, zogen singende und lachende Menschentrauben nacheinander zurück in den Ort, verschwanden in ihren Häusern, klappten die Läden zu und schliefen bis zum nächsten Morgen.

Das liegt nun auch schon einige Jahre zurück. Das Experiment der beiden Männer kann als gelungen gelten, denn Los Vientos ist ein Begriff in vielen Himmelrichtungen geworden. Immer wieder entstehen einzigartige Begegnungen dort unten auf der kleinen Kellerbühne und alle, die das Glück haben, dann anwesend zu sein, haben etwas, wovon sie bis an das Ende ihrer Tage zehren können, denn sie hören die Harmonie des Gegensätzlichen oder Unterschiedlichen, und das geschieht leider sehr selten.

Die beiden Männer sitzen regelmäßig nachmittags in ihren Schaukelstühlen auf der Veranda und spielen ein bisschen mit ihren Saxophonen, mal den Blues und mal was Maurisches, wie sie es nennen. Zuweilen nicken sie auch mal ein und sie wippen im Wind, weht der Mistral, dann legt sich ein feiner Sandfilm über ihre Instrumente und an die eisgefüllten Gläser, die neben ihnen auf dem Holztisch stehen, und manchmal weiß der Beobachter nicht, ob sie schlafen und träumen, oder ob sie schon in einer anderen Welt sind. Es ist auch egal, denn gesehen haben sie das Jenseits schon, sonst hätten sie das alles nicht vollbracht.