At The End Of The Day

So wie die Zeichen stehen, werden die Vereinigten Staaten von Amerika nach acht Jahren republikanischer Herrschaft unter George W. Bush vor großen Veränderungen stehen. Die Ära Bush, wie sie heute schon wie in einem Nekrolog genannt wird, war gekennzeichnet durch eine neo-liberalistische Wirtschaftspolitik, eine militärisch agierende Außenpolitik und eine im Nachklang zu den Anschlägen von 9/11 restriktive, zunehmend polizeilich begriffene Innenpolitik. Der Mittelstand und die abhängig arbeitenden Klassen haben ihre Sicherheiten verloren, ihre Existenz sichernden Rücklagen sind verbraucht, die Krankenversorgung verdient den Namen nicht mehr und die öffentlichen Schulen sind in verheerendem Zustand. Das Abenteuer Irak endete in einem nicht mehr zu gewinnenden Dauerkrieg und die Suche nach der terroristischen Kommandozentrale Osama Bin Ladens in Afghanistan wurde stillschweigend aufgegeben, um die innenpolitische Restriktionspolitik weiter unterfüttern zu können.

Um die Stimmung im Land zu ergründen, setze man sich einfach mal zu Bauarbeitern in New York, wenn sie ihre Mittagspause bei einem Hamburger hinter dem Madison Square Garden verbringen. Da ist die Rede von dem Scharlatan Bush, der das ganze Land in den Ruin getrieben hat und den man möglichst schnell loswerden muss. Da schwingt nichts mehr mit von der Gemeinsamkeit, die nach den brennenden Türmen des World Trade Center für kurze Zeit herrschte. Sie schimpfen wie die berühmten Rohrspatzen und ballen drohend ihre Fäuste, bevor sie wieder auf die atemberaubend hohen Gerüste klettern.

Der Republikaner McCain hat da einen schweren Stand, auch wenn er nicht so säbelrasselnd harlekinesk daher schreitet. Dafür hat er eine Sarah Palin im Gefolge, die ihre Unwissenheit durch Impertinenz und ihre Agenda gelebten Amtsmissbrauchs mit einem verheißungsvollen Augenaufschlag vergessen machen will.

Der Star am Himmel der Veränderung ist und bleibt Barack Obama, der als begnadeter Redner und Charismatiker alle Themen aufgreift. Er redet nicht darüber, so sagt er mit Emphase, was die Wall Street betrifft, sondern was die Main Street drückt. Das kommt an, und er geht ins Detail. Er redet von einer für alle erschwinglichen Krankenversicherung, von Steuerentlastungen für alle Amerikaner, die weniger als 250.000 $ im Jahr verdienen, von besseren Schulen, die vonnöten sind und von erneuerbaren Energien, die das Land unabhängiger und zukunftsfähiger machen sollen. Den teueren und unnützen Krieg im Irak will er beenden und das Treiben von Al Quaida ebenso. Mit Themen wie Eloquenz scheint er das Rennen zu machen, sein Lager ist zu einer aktivistischen Massenbewegung geworden. Menschen, die noch nie etwas mit Politik am Hut hatten, gehen von Haus zu Haus und werben für den neuen Mann der Demokraten. Hinter ihm steht ein Joe Biden, der selbst in größerem Maße das Zeug zu einem Präsidenten hätte, klug, in den Institutionen dieser alten Demokratie zuhause wie im eigenen Wohnzimmer, resolut, willensstark und staatsmännisch. Zusammen werden sie es schaffen, am 4. November, daran zweifelt kaum noch einer, der nicht durch die republikanische Hoffnungsbrille seines klaren Blickes beraubt ist.

Neu und ermutigend an Obamas Auftritten ist, dass er keine Wohltaten verspricht, sondern die Aktion der Bürgerinnen und Bürger aggressiv fordert. Er will helfen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Amerikaner ihr Schicksal wieder ungehindert selbst in die Hand nehmen können. Das sagt der Sohn eines Immigranten und damit trifft er wohl nicht nur das Wesen der amerikanischen Stärke, sondern unterscheidet sich auch von den Heilsbringerbotschaften deutscher Politiker, die mit dem Faustpfand eines omnipräsenten Staates den allgemeinen Glückszustand versprechen. Die USA werden sich unter einem Präsidenten Obama, der sich mehr für eine demokratische Massenbewegung eignen würde, dennoch neu erfinden, darin sind sie geübt und die Kräfte dazu werden sie mobilisieren können.

Weder McCain noch Obama haben jedoch eine Vorstellung von einer Neuerfindung der USA im sich wandelnden Weltgefüge. Ob China als Weltfabrik und Indien als das Büro der Welt bei diesem Tempo die Liebe zur eigenen Rolle behalten werden, ist fraglich und ob Russland sich in die alte Rolle des imperialen Bösewichts wird wieder drängen lassen ebenso. Europa wird strategisch schwächeln, weil derzeit der Etatismus fröhliche Urstände feiert und nur durch eine heftige Krise zum Halten kommen wird. Die USA hingegen sind Gefangen von alten bedingten Reflexen und einer militärischen strategischen Überdehnung. Es bedarf einer Neudefinition der großen Supermacht und an dieser Frage wird der neue Präsident letztendlich gemessen werden. Die USA werden sich also in vielerlei Hinsicht neu erfinden müssen, aber schlecht stehen die Zeichen nicht. Es geht also um vieles am 4. November, at the end of the day!