Archiv für den Monat Oktober 2008

Verborgene Mächte

Es war ein herrlicher Tag im Mai 1987, als wir uns an einem Spätnachmittag zum Mannheimer Bahnhof begaben. Die Sonne schien, es war warm und wir hatten noch etwas Zeit. So setzten wir uns am Bahnhof ins Freie und tranken in bester Laune ein Weizenbier. So nach und nah gesellten sich andere Bekannte zu uns, die ebenfalls zu unserer Reisegesellschaft gehörten. Aufgeregt war niemand, aber eine gewisse freudige Vorspannung war doch zu vernehmen. Die Reisegesellschaft stellte sich schon bei diesem kleinen Umtrunk als pittoresk dar. Neben uns, den so genannten Seiteneinsteigern, die meist einen akademischen und radikaleren politischen Hintergrund hatten, waren doch die meisten Mitarbeiter der Verwaltung, vor allem aus dem Sozial- und Jugendbereich. Hier und da dann jemand noch aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis mitgebracht wurde und so war es kein Zufall, dass verschiedene Welten aufeinander prallten. Noch war nicht absehbar, ob die Gruppenzusammensetzung mit Blick auf das Reiseziel Spannungen würde mit sich bringen. Wir genossen unser Weizenbier, rauchten noch eine Zigarette und machten uns dann auf den Weg zum Bahnsteig.

Dort konnten wir abschätzen, dass wir es mit einer Reisegruppe von ungefähr 50 Leuten zu tun hatten. Wir, d.h. meine damalige Begleitung Sonja und mein Arbeitskollege Bernhard, bildeten sogleich einen kleinen Kern, damit wir gegen die Invasion von Mitreisenden verschont wurden, die uns vielleicht schon auf der Reise auf die Nerven gehen konnten, weil sie in Erwartung unseres Zieles bereits dermaßen euphorisiert waren, dass es uns als Außenstehenden peinlich zu werden begann. Bernhard hatte noch eine weitere Arbeitskollegin akquiriert, die zwar verheiratet war, aber Bernhards Begierde dadurch nicht weniger gefährlich machte. Er schlich schon auf dem Bahnsteig um sie herum und drängte sie durch geschickte Rhetorik und das Tragen ihres Gepäcks sehr geschickt zu unserem Warteplatz. Sonja und mir war das gar nicht so unrecht, hatten wir doch dadurch einen natürlichen Schutzwall gegen die mitreisenden Missionare oder die gefährlichen Funktionäre, mit denen man zwar über alles reden konnte, nicht aber über durch sie verbreitete Langeweile.

Gut, da waren noch die eine oder der andere, die nicht in diesen Mainstream passten, und auf diese hatten wir auch gezählt, als wir uns zu der Reise angemeldet hatten. Zum Beispiel der Baujurist, politisch zwar schon immer dem sehr pragmatisch und vielleicht zu pragmatisch orientierten Lager zuzurechnen, aber durch seinen Charakter und Habitus immer für einen Fauxpas oder einen Skandal gut. Dann der Organisator der Reise, ein Sachbearbeiter aus dem Sozialamt, der immer die Gratwanderung zwischen Legalität und Kleinkriminalität unternahm von seinem Naturell her eher in die Welt der Schieber und Luden gepasst hätte. Auch er war ein Garant für Amüsement, denn die Einhundertfünfzigprozentigen aus der Gruppe und die zu erwartenden Betreuer am Reiseziel waren bekannt für ihre zur Schau getragene Pietät, ihre scharfkantige Moral und ihre Aversion gegen jeden von der

Finesse geprägten Humor. Besagte von Bernhard umworbene Christiane gehörte auch zum Kreis der Farbtupfer, sie war über jede Art der Eingeschworenheit erhaben, jung, hübsch und spontan wie sie war, wirkte sie als reale contradicio in adjecto zu den Menschen- und Schönheitsidealen der meisten Reisejünger.

Als unser Zug einlief, waren wir alle in guter Stimmung und in hoher Erwartung. Ein gewisser Teil in Bezug auf die Reise selbst, ein großer Teil in Bezug auf das Reiseziel und ein kleiner Teil, zu dem wir gehörten, in Bezug auf die zu erwartenden unvorhergesehenen Ereignisse und die sozialen Bewegungen innerhalb der Gruppe. Als wir einstiegen, fehlte irgendwie die Marschmusik, denn dann hätten schon einige feuchte Augen bekommen, bevor es so richtig losging. Doch so war es einfach nur still.

Doch wer sich nach etwas sehnt und es schnell erreichen will, der wird nicht selten vom Schicksal zur Vernunft erzogen. Zunächst trottete unser Zug nämlich in aller Seelenruhe Richtung Nord-Nordwest. Und für uns alle, die wir uns gar nicht erst großartig in den Abteilen eingerichtet hatten, weil wir doch schon in 250 Kilometer Entfernung wieder umsteigen mussten, kam es jetzt doch sehr langsam vor und wir stellten fest, dass wir in einem keuchenden, bummelnden und auch öfters ruhenden Interregio saßen, der sich alle Zeit der Welt ließ.

Christiane, Sonja, Bernhard und ich hatten uns in ein Abteil geflüchtet und lauschten belustigt den vernehmbaren Gesprächen der anderen Teilnehmer aus unserer Gruppe. Wir hatten unseren Spaß, weil wir hören konnten, wie sich Menschen, die eigentlich vor einer Reise sehr aufgeregt waren oder die sich sogar davor fürchteten, sich Mut machten. Während sich die einen versicherten, es werde sicherlich alles gut verlaufen und alles sei in besten Händen, machten die anderen sich gegenseitig eine Heidenangst, indem sie den jeweils anderen ein Ende mit Schrecken prognostizierten, was mit wieherndem Gelächter begleitet wurde, stets ein ganz verlässliches Indiz für die gewünschte Verdrängung.

Als wir Köln erreichten, war es bereits dunkel. Wir hatten den Bahnsteig zu wechseln und bestiegen nun den Zug, in dem wir uns bis zu unserem fernen Reiseziel aufhalten sollten. Als wir ihn betraten, waren einige aus der Gruppe bereits zum zweiten Mal euphorisiert, weil es sich um eine klassische Eisenbahn aus dem Land unserer Zielbestimmung handelte. In den Farben des Landes gestrichen, mit den großen Symbolen, die die Ideologie verrieten versehen, wirkte das Vehikel sogleich als Pulsbeschleuniger. Beim Betreten der Waggons bemerkten wir signifikante Unterschiede zu den funktionalen und eher massendemokratisch wirkenden Zügen der Bundesrepublik. Die Abteile wirkten exklusiv und üppig, sie waren gepolstert, natürlich ebenfalls in der Landesfarbe und insgesamt hinterließen die Abteile den Eindruck eines Wohnzimmers, zumal sie auch noch optisch sehr wirkungsvoll durch glitzerndes Gerät der Getränkeaufbereitung dekoriert waren. Außerdem konnten die Sitze in regelrechte Betten umgewandelt werden, was auch vonnöten war, da uns bekanntlich eine sehr lange Reise bevorstand.

Dieser Erkenntnis Rechnung tragend, beschlagnahmte ich mit Sonja ein solches Abteil, während Bernhard das Glück hatte, gleich nebenan mit besagter Christiane zu logieren. Beim näheren Hinsehen erkannten wir, wie sehr der zunächst augenscheinliche Pomp eine Fassade aus besseren Tagen war. Vieles war verdreckt oder defekt und die olfaktorischen Signale sprachen für eine ferne Vergangenheit. Nichtsdestotrotz machten wir es uns bequem und es dauerte nicht lang, dass ein uniformierter Bahnbediensteter der fremdländischen Eisenbahngesellschaft erschien und uns Rotwein aus seinem Land offerierte. Wir griffen zu, luden unsere Abteilnachbarn ein und verbrachten noch zwei nette Stunden in angeregter Unterhaltung.

In anderen Abteilen verfuhr man ähnlich, nur dass dort schon kräftig gesungen und gepriesen wurde. Da waren Lieder aus dem Krieg zu hören, die eigentlich so gar nicht zu einer Reise passten, die offiziell von einer Gewerkschaft veranstaltet worden waren. An den Stimmen war jedoch zu erkennen, dass es sich um Leute handelte, die eben sehr mit dem angesteuerten Land sympathisierten und dessen nationale Interessen als die ihren und ureigensten betrachteten. Anhand des Timbres war auch jetzt zu erkennen, dass sie selbst sehr bewegt waren und so manche Tonlage erinnerte mich an die Frohlockungen zu besonderen Festtagen in Sankt Marien.

Einer der wohl durch eine Bekanntschaft Angeheuerten, der auf dem Gang direkt vor unserem Abteil stand, ziemlich schwäbelte und seiner mitgebrachten Freundin Vorträge hielt, fiel aus dem bisher wahrgenommenen Rahmen. Dieser Zeitgenosse mäkelte an allem herum. Es begann mit dem Zustand der Waggons, sprang dann auf die Hygiene der Toiletten, von denen er behauptete, sie würden den Nutzer mit AIDS infizieren, um dann auf das Zugpersonal zu kommen, das er als verdreckt und dumm bezeichnete und zudem des Spitzeltums verdächtigte. Wir sahen uns nur an und schmuntzelten, denn da zeichnete sich schon ein kleiner Eklat ab, weil diese Ansichten nun gar nicht mit denen der imbrünstigen Sänger aus den anderen Abteilungen korrespondierten. Der einzige Schutz, auf den dieser Lästerkönig hoffen konnte, war der seines atemberaubend ausgeprägten Dialektes, den vielleicht kaum jemand würde verstehen können.

Nach Mitternacht verließen die anderen beiden unser Abteil und wir funktionierten es in ein doch recht bequemes Schlafzimmer um. Mittlerweile rollte der eiserne Hahn Richtung Osten und es dauerte nicht lange, bis wir einschliefen. Geweckt wurden wir morgens gegen sechs, als der Zug langsamer wurde und zunehmend rumpelte. Wir näherten uns Berlin. Vor unserem Abteil stand schon wieder oder immer noch der selbsternannte schwäbelnde Politjournalist, der wieder etwas davon in den Äther trompetete, dass doch klar sei, wie das Regime das Schienennetz habe verkommen lassen und jede Gelegenheit nutze, um durch die Nötigung mittels schlechter Qualität die Devisenspritze wieder einmal injiziert zu bekommen. Mit seinen breiten Ähs und Ehs konterkarierte er akustisch den preußisch verregneten Nachthimmel ins Bizarre und ich hatte große Lust, dem vermeintlichen Gernegroß einen harschen Hinweis zu geben, beherrschte mich dann aber doch, weil ich glaubte, dass es lustiger wäre,

wenn dieses Projekt von denen durchgeführt würde, die gestern Abend noch so schön gesungen hatten. Da kam auch schon der nicht Deutsch sprechende Bellboy und brachte uns schwarzen Tee, der wunderbar schmeckte und sehr belebte, während sich der Zug durch das morgendliche Westberlin schlängelte, aber nicht am Bahnhof Zoo hielt, sondern direkt Schleichkurs auf Ostberlin nahm. Dort angekommen, tat sich erstmal gar nichts. Überall standen graue Uniformen, die argwöhnisch in unseren Zug spähten, als suchten sie nach illegalem, feindlichem Cargo. Und obwohl wir sehr selbstbewusste Passagiere mit an Bord hatten, verstummte doch alles und es wurde nur noch im Flüsterton geredet. Vielleicht handelt es sich auch um ein deutsches Gen, das auf Autorität und Uniform reagiert. Die Reaktionen auf derartige Erscheinungen sind sicher vorhersehbar!

Mehr als eine Stunde tat sich überhaupt nichts. Dann tauchten irgendwann Offiziere der Nationalen Volksarmee auf, die im Dreierpack von Abteil zu Abteil gingen und die Reisedokumente kontrollierten. Das Ganze geschah in der Atmosphäre ausgeprägtesten Argwohns. Hatte man angenommen, die Herren seien erfreut darüber, das Interessierte aus dem Westen sich vorgenommen hatten, das große Mutterland des Sozialismus, den großen Bruder und das Vaterland aller Werktätigen zu besuchen, um doch den einen oder anderen Aspekt der Sympathie mit nach Hause zu bringen, so bemühten sich die Beamten des Staates, der im eigenen Lager immer als der des Musterschülers bezeichnet wurde, alles daran zu setzen, um die Interessierten zumindest emotional weit zurück zu setzen. Mit schnarrendem Ton wurden jedes Mal die Pässe eingefordert, auch wenn diese von allen Reisenden seit geraumer Zeit schon in den verschwitzten Händen bereitgehalten wurden. Wie auch anders erwartet, hörten wir es in sächsischem Dialekt balfern Der Reisepass!,um dann alles laut und unangenehm abzufragen, was sowieso darin stand. Die offiziellen Vertreter des deutschen Arbeiter- und Bauernstaates schafften es binnen weniger Minuten, alle Mitreisenden einzuschüchtern und in eine schlechte Stimmung zu versetzen. Wir glaubten uns in einem Film über eine Diktatur vor dem letzten großen Krieg zurück versetzt.

Während die Herren mit ihren Filzmützen und grünen Tressen ihren furchtbaren Auftritt fortsetzten, mussten wir doch an der einen oder anderen Stelle schmunzeln. So passte es zum Beispiel gar nicht, dass der Kollege von der russischen sozialistischen Eisenbahngesellschaft sehr derangiert durch die Gänge schlich. Der arme Teufel hatte wohl in der letzten Nacht zu tief ins Glas geschaut. Seine grüne Ballonmütze saß mehr als schief, darunter verbarg sich kaum eine ungekämmte Frisur, aus der überall die Wirbel lugten. Und es reichte, dass er nur auf Höhe des Abteils auf dem Gang herumstolperte, um die starken olfaktorischen Vorboten reinsten russischen Wodkas deutlich zu vernehmen. Gleichzeitig gingen Mitglieder unserer Gruppe, deren Abteil jeweils kurz vor der Kontrolle war, noch schnell auf die Toilette, um die Nervosität auf den Boden des Bahnhofs Ostberlin zu spülen, was selbstverständlich auch verboten war. Selbst unsere Apologeten der Weltrevolution konnten sich aufgrund des herzlichen Empfangs in der Hauptstadt der DDR nicht zurückhalten und flohen aufs Klo.

Nachdem diese Prozedur hinter uns lag, hatten wir wieder zu warten. Wahrscheinlich saßen jetzt Dutzende von Mitarbeitern des Sicherheitsapparates vor großen Karteikästen und überprüften, ob es vielleicht doch einem Topspion des Westens gelungen war, sich in unsere Reisegruppe einzuschleichen und den Husarenritt zu wagen, mit der Eisenbahn in Moskau einzufliegen, um ein hinterhältiges Attentat auf den Kreml zu verüben. Nach weiteren eineinhalb Stunden stellte sich jedoch heraus, dass dieser Verdacht zumindest nach Geheimaktenlage nicht bestätigt werden konnte. Es war mittlerweile Mittag und nicht verwunderlich, dass die Regungen, die das Gefühl aufkommen ließen, sich auf einer freiwilligen Reise zu befinden, als die rote Lok sich langsam mit knirschendem Stöhnen in Bewegung setzte und Ostberlin Richtung Osten verließ. Hier und da hörte man sogar ein Lachen. Als ich aus dem Abteil herauskam, um mir auf dem Gang die Beine zu vertreten, sah ich doch einige blasse Mitreisende, die mit bleichen Gesichtern an einer Zigarette sogen und sich hier und da sogar ein Schlückchen Schnaps gönnten. Wenn sie allerdings geglaubt hatten, sie hätten das schlimmste hinter sich gebracht, so hatten sie sich getäuscht.

Bekanntlich ist die polnische Grenze von Berlin nicht weit und so dauerte es nicht lange, bis unsere sozialistische Maschine wieder schnaubend zum Stehen kam, und zwar auf Seiten der DDR. Wieder kamen jeglicher Freundlichkeit beraubte Seriennummern an Bord und wiederholten die ganze Prozedur von neuem. Alles ging seinen Gang, und der war sehr langsam. Nun fiel auf, dass die Wiederholung eines solchen Ereignisses dazu führt, sich selbst zu immunisieren. Plötzlich hörten wir bei der einen oder anderen Kontrolle, die doch mehr an ein Verhör erinnerten, wie auch mal geflachst wurde. Zwar gingen die Beamten nicht darauf ein und reagierten auch unwirsch. Es fiel auf, dass aber auch die Beamten anders reagierten, als sie auf selbstbewusstere Reisende stießen. Dieses war ihnen wohl unbekannt und hier und da wirkten jetzt diese leicht verunsichert. Alles, was man über die Psychologie von Unterdrückung und Widerstand wusste, zeigte sich hier bereits in ersten Konturen.

Den Vogel schoss der Baujurist ab, der zwar dafür bekannt war, dass er sowieso sein Herz auf der Zunge trug, nun aber noch dadurch ermutigt wurde, dass er anscheinend bereits kräftig am vom russischen Bahnpersonal erworbenen russischen Wodka gekostet hatte. Er ketzterte immer etwas herum und brachte die Beamten ziemlich aus der Fassung, was allerdings ohne Folgen blieb.

Nach diesem Stillstand ging es weiter, so ungefähr nach einem Kilometer Bewegung war aber wieder Schluss. Nun standen wir auf der Seite der Volksrepublik Polen und warteten erneut. Nach mehr als einer Stunde betraten dann die polnischen Grenzbeamten unseren Zug. Diese wiederum unterschieden sich erheblich von ihren deutschen Kollegen, denn sie wirkten regelrecht freundlich und sie legten durch die Art und Weise, wie sie ihrer Pflicht nachkamen, nahe, dass sie das alles als eine unvermeidliche Aufgabe ansahen, für die sie nichts konnten. Sie signalisierten mit jeder Bewegung, dass sie das alles als lästig empfanden und mit ihrer Mimik entschuldigten sie sich bei den Reisenden. Die Kontrollen gingen so auch nicht schneller, aber sie waren alles in allem wesentlich angenehmer.

Nachdem das polnische Personal den Zug verlassen hatte, setzte sich dieser nach relativ kurzer Zeit wieder in Bewegung. Langsam rollte das Museumsstück durch eine flache, trostlos wirkende Landschaft, um nach gut einer Stunde stehen zu bleiben. Dort verharrten wir zwei Stunden lang, ohne den Grund zu erfahren. Danach ging es dann endlich weiter und die Reise verlief für den Rest des Tages ohne Komplikationen. Durch die Fensterscheiben wirkte Polen öde und arm. Der Bahnhof von Warschau war ein typisches Produkt der in den siebziger Jahren vorherrschenden Ostblockarchitektur, irgendwie hatte man das Gefühl, die Tiefgarage sei der Inbegriff geglaubter Modernität.

In der Reisegruppe stabilisierten sich während des Tages die einzelnen Interessengruppen. Im Grunde konnte sie in drei Hauptfraktionen aufgeteilt werden. Diejenigen, die sich amüsieren wollten, andere, für die das Ganze eine Wallfahrt war und eine dritte Gruppe, die offen für das war, was auf sie zukam und dennoch das Gefühl mitbrachte, in Urlaub zu sein und es sich trotz aller Reisestrapazen gut gehen zu lassen. Zur letzten Fraktion rechneten wir uns.

Gemäß der genannten Fraktionierung hörte man aus einigen Abteilen regelrechte Vorträge über Geschichte und Vorzüge der Sowjetunion nebst nahezu euphorische Reaktionen über den extravagant anders schmeckenden Tee, den beeindruckenden Komfort des Zuges, die Intelligenz des Zugpersonals und die in den angebotenen, recht faden Speisen innewohnende Idee höchster Demokratie. Aus anderen Abteilen wiederum vernahm man heftiges Werben von Männern und Frauen und eine Ausgelassenheit, die auf kräftigen Alkoholkonsum zurückzuführen war. Wir selbst unterhielten uns über vieles, vor allem die von uns erlebte Ambivalenz unseres Reiselandes. Der Krieg in Afghanistan war ebenso ein Thema wie die Kredite der Bundesrepublik, die ausgerechnet ein Franz-Josef Strauß eingestielt hatte, Auf- und Abrüstungsfragen und Prognosen über den zukünftigen Kurs des Landes.

Die Stunden vergingen und allmählich hüllte die Dunkelheit die Landschaft, die wir durchfuhren ein. Am späten Abend dann kam Hektik aus den Abteilen der Apologeten auf, denn unser eiserner Hahn verlangsamte das Tempo und schlich sich an die polnisch-russische Grenze. Als er auf polnischer Seite zum Stehen kam, bestiegen wiederum Grenzbeamte unser Gefährt und kontrollierten in der gleichen ruhigen und lässigen Art wie ihre Kollegen auf der westlichen Seite. Dann kam der große Augenblick und wir liefen in Brest-Litowsk ein. Uns war bekannt, dass wir hier einen längeren Aufenthalt haben würden, da die Fahrwerke des Zuges breiter gemacht werden mussten, da die russischen Schienen nicht der sonstigen europäischen Norm entsprachen. Doch zunächst betrat das russische Personal den Zug und es unterschied sich sehr von den deutschen Grenzern, die wir erlebt hatten. Zwar ließen sie mit ihrem Auftreten und ihren imposanten Uniformen keinen Zweifel aufkommen, wer hier das Sagen hatte, doch eine gewisse Freundlichkeit war nicht zu leugnen. Sie begrüßten uns in der Sowjetunion und wünschten uns eine interessante Reise, entschuldigten sich sogar für die Unannehmlichkeiten, die das Warten wegen der technischen Arbeiten mit sich bringen würde und verabschiedeten sich mit einem schmissigen Fingerzeig an ihrer Schirmmütze.

Als wir den Brest-Litowsker Bahnhof betraten, dachten wir zunächst, wir stünden in einem Museum. Es handelte sich um ein monumentales Gebäude mit Marmorwänden, groß angelegten Treppen, edlen Holzbänken und vielen Bildern und Skulpturen. Das Genre war sozialistischer Realismus und man hatte keinen Zweifel, wo man sich befand. Überall liefen Uniformierte herum, die sich gegenseitig mit der Eleganz und Protzigkeit ihres Tenues übertrafen. Obwohl sie nicht wie lustige Zeitgenossen wirkten, vermittelten sie dennoch nicht eine Atmosphäre der Bedrohung. Ganz im Gegenteil, wir hatten zunehmend das Gefühl, hier ganz gut aufgehoben zu sein.

Ich hatte jedoch meinerseits eigenartige Anwandlungen, weil ich glaubte, ich stünde auf einem Schiffsdeck bei hoher See. Ständig glaubte ich, mich irgendwo festhalten zu müssen, weil ich das Gefühl hatte, der Boden unter meinen Füßen schwanke. Was ich zunächst als eine gehörige, ungekannte Kreislaufschwäche meinerseits deutete, stellte sich als das Resultat der langen Zugfahrt heraus. Anderen ging es ähnlich, obwohl einige aus unserer Gruppe tatsächlich schwankten, was allerdings nicht nur von der langen Zugfahrt herrührte, sondern auch auf den stetigen Wodkagenuss zurückzuführen war. Wie dem auch sei, wir setzten uns zu viert in eines der Bahnhofcafés, bestellten uns Tee und belegte Brote, die von dicken Salzgurken eskortiert wurden, und betrachteten interessiert das Treiben.

Uns wurde schnell klar, dass wir uns bereits in einer anderen Welt befanden. Neben den vielen Offiziellen in Uniform sahen wir auch ganz normale Sowjetbürger, die schlicht gekleidet waren. Sie gingen sehr direkt, aber nicht rauh miteinander um und strahlten eine Art würdiger Bescheidenheit aus. Meist aßen sie etwas Mitgebrachtes und tranken dazu Tee aus Thermoskannen, hier und da rauchte jemand die eigenartig geformten russischen Zigaretten mit Machorkatabak. Aber selbst wie sie mit der Zigarette umgingen, deutete auf eine andere Existenz hin. Sie zelebrierten regelrecht das Entzünden und Inhalieren und sie ließen sich Zeit, sehr viel Zeit. Bis zum letzten Glimmen, behielten sie die Zigarette in der Hand und dann entsorgten sie sie mit der gleichen Ruhe und Beschaulichkeit. Und es fiel noch auf, dass fast alle das Warten auf diesem Bahnhof damit verbrachten, etwas zu lesen. Ob Zeitungen oder Bücher, auch die Art und Weise, wie diese Menschen mit ihrer Lektüre umgingen, erweckte den Eindruck, als seien sie alle Leseratten. So wie es schien, lasen sie langsam, bedächtig, sahen immer mal wieder auf und ließen ihren Blick schweifen, folgten den imposanten Bahnhofswänden entlang ihren Gedanken und nahmen dann sehr konzentriert die Lektüre wieder auf. Liebevoll blätterten sie um, um fortzufahren, manchmal auch zurück, um sich noch einmal zu vergewissern, wie die Textur konzipiert war und miteinander zusammenhing. Sie hatten eine ungeheure Geduld bei diesem Vorgang und ich konnte mich nicht der Assoziation erwehren, dass sie nicht nur konsumierten, was sie da lasen, sondern mit den physisch gar nicht anwesenden Autoren auch kommunizierten, und zwar in ganz gepflegter, zivilisierter und respektvoller Weise. Diese Beobachtungen machten mich sehr neugierig und bewegten mich tief, zeugten sie doch von einer hohen Kultur, die andernorts schon längst nicht mehr als Massenerscheinung erlebt werden konnte.

Als wir irgendwann nach Mitternacht unseren Zug wieder bestiegen, waren wir alle sehr müde und schalteten das Licht in unserem Abteil schon bald aus. Bevor ich einschlafen konnte, ging mir vieles durch den Kopf, denn mir war klar, dass ich auf dieser Reise noch einiges erleben sollte, dass die Bilder und Vorstellungen, mit denen ich aufgebrochen war, in Frage stellen und vieles als Trug verwerfen sollte.

Und das ging gleich damit an, als wir am nächsten Morgen aufwachten und aus dem Fenster sahen. Wir hatten irgendwie gedacht, alles ginge nach dem Grenzübertritt in Brest-Litowsk doch gar nicht mehr so lange. Nun war der Zug bereits wieder acht Stunden gefahren und als ich mich auf der Karte vergewisserte, wie weit es noch bis Moskau war, wurde mir klar, dass noch ein gutes Stück vor uns lag. Während wir unseren Tee tranken und das Frühstück einnahmen, sahen wir die Landschaft Weißrusslands, eine riesige Ebene, die immer nur durch große Birkenwälder aufgelockert wurde. Die Dimension wurde uns bewusst, weil wir Stunde um Stunde fuhren und sich an dem Ausblick nichts änderte. Natürlich wussten wir das aus Atlanten und Büchern, aber es zu erleben, war eine andere Geschichte. Hier und da erblickten wir ein kleines Dorf aus bunt bemalten Holzhäusern und es schälte sich aus den optischen Eindrücken eine Kulisse, die in den Büchern der großen russischen Romanciers des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts eine Rolle gespielt hatte. Die Sowjetunion, die große Weltmacht und Gegenspielerin der USA, hier zeigte sie uns ihren weißrussischen Vorhof, der wohl auch so aussah, als Tolstoi den französischen Feldzug Napoleons gegen Moskau beschrieb und den die Wehrmacht bei ihrem Angriff erlebt hatte. Aus der Retrospektive gerann der Eindruck, dass die auch aus den Aspekten der Zivilisation unveränderte Weite per se eine demoralisierende Wirkung auf jeden Eindringling haben muss. Vielleicht ist die Präferenz der Amerikaner auf den interkontinental-ballistischen Krieg auch auf diese Erkenntnis zurückzuführen. Soldaten, und sei es auch mit modernen Fahrzeugen, die in feindlicher Absicht diese Weite durchqueren müssen, werden unweigerlich in ihrer Psyche schwer geprüft. Kilometer um Kilometer müssen sie denken, sie liefen ins Leere. Die Uniformität der Landschaft ist ein gewaltiger Feind, die Leere und Gleichgültigkeit der Besiedlung muss wirken wie eine schallende Ohrfeige. Alles vermittelt den Eindruck der Vergeblichkeit und Unüberwindbarkeit.

Wir ließen das alles auf uns wirken, gut gelaunt und wohl wissend, dass wir nicht als Invasoren, sondern als Neugierige mit friedlicher Absicht in die Sowjetunion eindrangen. Die Ebene, die Birkenwälder, die verträumten Dörfer und der grandiose Himmel, der ein einzigartiges Gegenstück zu der Monotonie der irdischen Erscheinungen abgab, versetzten uns in einen Zustand der gelassenen Reflexion und Unterhaltung.

Erst als wir bemerkten, dass die Birkenwälder verschwanden, vermehrt städtische Ansiedlungen auftauchten und der Himmel bedächtig das Tageslicht aus seinem Auftritt verbannte, wurde uns bewusst, dass wir unserem Ziel näherten. Unsere Reisegruppe wurde reger und eine gewisse Aufregung machte sich breit.

Und schließlich drosselte unsere rote Lok das Tempo und schlich sich durch trostlose Steinwüsten an den Kern Moskaus heran. In der Abenddämmerung liefen wir in den weißrussischen Bahnhof der Metropole ein. Wir wurden am Zug von einer russischen Delegation empfangen und sogleich unserer Reiseleiterin Nina vorgestellt, die sehr reizend wirkte und auffallend gelassen daher kam, wenn man bedenkt, dass mehrere Dutzend und sehr unterschiedlich auftretende Westler laut spektakelnd auf den Bahnsteig strömten und durch ihr Auftreten die eigene Verunsicherung zu übertünchen suchten.

Der weißrussische oder auch manchmal Minsker genannte Bahnhof, in dem die Züge aus dem Westen eintreffen, machte großen Eindruck durch seine Dimension und Architektur. War schon der von Brest-Litowsk für unsere Gewohnheit eine ungewöhnliche Erscheinung, so hatte dieser etwas durch Form und Material von einem klassischen Tempel. Wie wir später auch anhand der Moskauer Untergrundbahn sehen sollten, steckte auch dahinter ein tieferer Sinn. Das neue Russland hatte der Mobilität regelrechte Tempel gebaut, dem Bewusstsein geschuldet, dass ohne die Überwindung der Weite durch Massentransport- und Kommunikationssysteme der Wettlauf mit dem infrastrukturell überlegenen Westen eine einseitige Angelegenheit bleiben würde. Die rote Lokomotive wurde zu einem frühen Kollektivsymbol, ebenso wie das Telefon.

Als wir den Bahnhof verließen und zu einem Bus geleitet wurden, der uns zu unserem Hotel bringen sollte, blickte ich mich noch einmal um und sah diesen Tempel und den über ihm stehenden Abendhimmel, eine Komposition, die bezauberte und einen Stich der Melancholie setzte, für die dieses Land so bekannt ist.

Das Hotel, in dem wir untergebracht waren, war zur Olympiade sieben Jahre zuvor gebaut und eingeweiht worden. Seitdem gehörte es einer russischen Einzelgewerkschaft, die es dazu nutzte, dort internationale Gäste unterzubringen. Es fiel auf, das vieles nach den wenigen Jahren bereits in einem sehr schlechten Zustand war. Fensterrahmen waren undicht, Wasserleitungen tropften, Farbe blätterte ab, ein Aufzug fuhr nicht und manche Lampen hatten den Geist aufgegeben. Es handelte sich um ein 30stöckiges Hochhaus und auf jeder Etage saß eine uniformierte ältere Dame, die einen kleinen Kiosk betrieb und wohl darüber wachte, dass nichts Unrechtes geschah, was immer das auch sein sollte. Wir waren alle froh, endlich angekommen zu sein und regten uns bis auf den ewig krittelnden Schwaben nicht über die kleinen Misslichkeiten auf. Nachdem wir unsere Sachen in den Zimmern deponiert hatten, trafen wir uns alle im Speisesaal, wo wir zunächst offiziell von einem Gewerkschaftsfunktionär begrüßt wurden, der viel von Internationalismus, Frieden und Völkerverständigung sprach. Dann gab es ein deftiges Abendessen mit Blutwurst, Bratkartoffeln, Gurken, Roter Beete, dunklem Brot, leichtem Bier und sehr würzigem Wodka, wie der Baujurist bemerkte. Dieser ließ sich das Gesöff immer wieder reichen und zwinkerte bereits mit schwerer Zunge einigen Damen aus unserer Gruppe recht unzweideutig zu, was sogar bei der einen oder anderen auf äußerst positive Resonanz stieß.

Da wir wussten, dass uns eine sehr anstrengende Zeit bevorstand, hielten wir uns nicht mehr lange nach dem Essen auf und gingen auf unser Zimmer. Es war eine Wohltat, kein Zugrollen zu hören und nicht das Gefühl zu haben, unaufhörlich fortbewegt zu werden.

Am nächsten Morgen trafen wir uns alle wieder im Speisesaal zum Frühstück, das sich nicht sonderlich vom Abendessen unterschied. So waren wir wie zu einem Ernteeinsatz vorbereitet, als wir zum Bus gingen. Zunächst stand eine Stadtrundfahrt auf dem Programm. Es war ein sehr kalter Tag im Mai, aber die Sonne schien und durch die klare Luft war alles sehr scharf konturiert. Es wurde sehr schnell deutlich, dass Moskau eine gewaltige und aufregende Stadt ist. Nicht nur, dass wie in anderen großen Metropolen die Dimension und die Existenz unterschiedlichster Gesichter und Formen beeindrucken, nein, hinter jeder Erscheinung lauerte etwas Geheimnisvolles und Gewaltiges. Ob es große Sportstadien waren, die Wolkenkratzer aus der Stalinära, die klassizistischen Gebäude aus der Zarenzeit oder die großen Wohnblocks der Jahrhundertwende. Zentral für jedes urbane Erscheinungsbild sind und bleiben aber die Menschen. Und sie unterstrichen den Eindruck, dass hier eine ungeheure Ruhe und Kraft und jede Menge Energie zuhause war. Es wurde ebenfalls deutlich, dass Moskau die Hauptstadt eines Vielvölkergebildes war. Menschen unterschiedlichsten Aussehens, unterschiedlicher Kleidung und unterschiedlichen Habitus beherrschten die Straßen und Plätze. Von letzteren gab es unzählige und von der Größe gewaltige, was in Kombination zu den großen Paradestraßen, die man hier Prospekte nennt, von einer Hauptstadtarchitektur zeugt, in der das Militär und seine logistischen Bedürfnisse die primordiale Rolle gespielt hat. Durch die Breite der Straßen und die großen Plätze liegen die Gebäude, so groß sie auch sein mögen, immer weit auseinander und Moskau ist dadurch eine Stadt, die immer und überall sehr viel Himmel bietet. Die Weite des Landes wird den Menschen, die in dieser Stadt wandeln, stets durch die ungeheure Dimension des wahrnehmbaren Himmels widergespiegelt. Alleine diese sinnlichen Wahrnehmungen trugen dazu bei, Moskau als etwas andersartiges zu erleben, als wir es in Deutschland kennen, vielleicht mit der nach Anstrengung auffindbaren Analogie zum Konzept Berlins.

Meine Begeisterung war jedenfalls groß, entsprachen doch diese Wahrnehmungen einem Gefühl und Bedürfnis meinerseits von Licht, Größe und Klarheit. Umso enttäuschter war ich, als wir endlich den Kreml erreichten, der zwar von seiner Dimension her auch beeindruckte, aber durch die Architektur eher an das Design einer verträumten Puppenstube erinnert. Der Rote Platz jedoch war eine Erscheinung, die den vorherigen Bildern entsprach und seine Inszenierung war grandios. Zunächst das ewige Feuer für die Opfer des Großen Vaterländischen Krieges, jenes Gemetzels, das letztendlich dazu beitrug, Deutschland und Europa von dem faschistischen Größenwahn und Völkermord zu befreien. Es wurde bewacht von Elitesoldaten und umrandet von einem Meer von Blumen, die von Menschen jeder Altersklasse niedergelegt wurden. Junge Paare, die sich an den Händen hielten, alte Frauen, die viel besungenen russischen Mütterchen, ärmlich gekleidet

und gebückt vielleicht ihrem ehemaligen Liebsten einen Besuch abstatteten, der ihr irgendwo in der russischen Weite genommen worden war, als sie noch ein junges Mädchen war und die Veteranen! Alte, stolze Männer, dekoriert mit Orden aus diesem bluthungrigen Krieg, die es überlebt hatten und davon zehrten, Akteure wirklich großer Geschichte gewesen zu sein. „Moskau glaubt nicht an Tränen!“

Die Ruhe und Würde, die hier vor diesem Mahnmal herrschten, erzeugten ein seltsames Gefühl der Erhabenheit. Und das Verhalten der Menschen, die ich in ihren Handlungen und Gesten beobachten konnte, verriet weniger Zeichen klassischer Trauer, die mehr von Verzweiflung und Selbstmitleid geprägt ist, sondern von einem Gefühl, eine große, wenn auch schmerzhafte Rolle mitzuspielen, die in dem großen Plan von Bedeutung war. Die Trauer vor diesem ewigen Feuer am Roten Platz war eine Geste der Macht.

Im Gegensatz dazu wirkte das Lenin-Mausoleum grotesk. Ebenfalls bewacht von Elitesoldaten, die sich im Stechschritt ablösen ließen, beherbergt es die pergamentene, artifizierte Hülle des großen Revolutionärs. Wie in Rom vor dem gewaltigen Dom oder in Mekka vor dem schwarzen Stein standen unzählige Menschen aller Herren Länder an. Auch wenn aus dem Verhalten der meisten Menschen hier Andacht sprach, kam mir unweigerlich der Spott Oskar Maria Grafs ins Gedächtnis, der bereits 1934 anlässlich des Vierten Allunionskongresses der Sowjetschriftsteller eine Einladung nach Moskau erhalten hatte und bei Ansicht des Leninkadavers im Mausoleum zum Entsetzen aller ausgerufen hatte „Da liegt ja euer Schneewittchen!“ Da ich mir selbst ähnliche Gemütsregungen zutraute, verzichtete ich darauf, mich anzustellen.

Eine weitere Attraktion am Roten Platz, vis-a-vis von der Kremlmauer, ist das große Kaufhaus GUM. Wir hatten bereits in Reiseführern davon gelesen und es war dort gepriesen worden als ein Eldorado der Einkaufsmöglichkeiten. Letzteres stellte sich als eine ungehörige Übertreibung heraus, zu registrieren war eher das Sortiment und die Güte eines mittleren Kaufhauses irgendwo im Westen. Es war zwar voll, aber teilweise gestapelt mit den gleichen Waren bis zur Decke, d.h. es konnte die Tücken der Planwirtschaft kaum verbergen. Von der Architektur war das GUM allerdings ein Leckerbissen, weil es sich in das Ensemble des Roten Platzes sehr gut einfügte und sogar den Eindruck zuließ, als gäbe es eine Symbiose von Ästhetik und Konsum. Dieses am Roten Platz in Moskau vermittelt zu bekommen, war schon bemerkenswert. Darüber hinaus konnten wir eine Beobachtung machen, die an Signifikanz kaum zu überbieten waren.

Nachdem wir etwas gekauft hatten, gingen wir zur Kasse, an der stämmige Russinnen mittleren Alters saßen, die die Waren aus dem Korb nahmen und den Preis in eine elektronische Kasse eintippten. Anscheinend waren diese Kassen neu und das non plus ultra in der Sowjetunion. Jedenfalls schienen die Damen diesem digitalen Hexenwerk noch nicht so recht zu trauen, denn sie checkten den elektronisch berechneten Betrag manuell an einem daneben aufgestellten Abakus in alt bewährter Weise gegen.

Die ersten Eindrücke Moskaus hatten uns bereits gefangen, als uns dahin gehend die Rechnung präsentiert wurde, als dass wir in den folgenden Tagen immer einmal wieder von einer Gewerkschaft, einem Verband, einer Assoziation oder sonst etwas empfangen wurden. Meist in recht funktionalen Räumen mit viel Revolutionssymbolik an den Wänden, erbärmlich schlechten Vorträgen mit eine grausamen Rhetorik, langweiligen Diskussionen und schrecklich dürftigen Fragen, die unser Interesse dokumentieren sollten. Spannend hingegen war alles, was uns die Möglichkeit gab, das Leben der Russen in dieser Metropole unter die Lupe zu nehmen. Und wenn es auf dem Friedhof war.

Ein Besuch, der uns auf einen so genannten Heldenfriedhof führte, zeigte uns nicht nur sehr viele Kuriosa, sondern auch ein Verhalten, das dem sehr nahe kam, was in der Weltliteratur als die Russische Seele bezeichnet wird. Erstere bestanden aus der Grabarchitektur mit den dazu gehörenden Symbolen. Zu den hier gepriesenen Helden gehörten selbstverständlich viele Militärs und Generäle aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Sie hatten sich Grabmale errichten lassen, auf denen Panzer rollten, über die Flugzeuge jagten oder hervorpreschende Soldaten mit Sturmgewehren in der Hand zu sehen waren. Dort war die Büste eines telefonierenden Parteisekretärs, an einem anderen Grab wiederum konnten wir eine Lokomotive bewundern. Bis hin zu einem E-Werk waren alle Symbole der frühen Sowjetrepublik vertreten und die Helden waren wahrhaft heroische Rauhbeine, die selbst nach Segnung des Zeitlichen noch mit triumphalem Blick und herrschaftlicher Geste das Totenreich regierten.

Immer wieder aber sahen wir Gräber, die zu der Aura des Wehrhaften und Hervorstürmenden gar nicht passten. Es waren die Stätten, die in einem Blumenmeer ertranken und an denen sich die meisten Menschen versammelten. Dort hatten Schriftsteller, Opernsängerinnen, Balletttänzerinnen und Regisseure ihre letzte Ruhe gefunden. In Bezug auf die Resonanz der Anwesenden auf dem Friedhof handelte sich bei diesen um die wahren Helden des russischen Volkes. Ähnlich wie am Grabmal des Unbekannten Soldaten versammelten sich an den Gräbern der großen Worte, Stimmen und Gesten Moskaus die meisten Menschen, alle brachten etwas mit und niemand derer, die hier erschienen, war in Eile. Sie alle warteten mit der großen Tugend dieses Landes, der Zeit, auf, und schenkte dem Gedenken an diese Toten und der Meditation über ihr Wirken uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Nichts konnte sie stören und man sah ihnen an, dass sie sich wohl fühlten und ihre imaginären Dialoge mit der Schattenwelt sichtlich gut taten. Die ungeheure Dimension dieses Landes wie seiner Geisteswelt wurde wiederum deutlich, genauso wie die Nichtigkeit des Aktuellen, schnell Verbrennenden, im Rausch der Moden Entstandenen oder im Lotterbett der Kolportage Erzeugten. Mit der Referenz an die verstorbenen Künstler zeigten diese Menschen, wie universal doch die Kunst und wie banal doch die den Tag bestimmende Politik war. So grotesk es auch anmutete, wieder tat sich eine neue Sphäre auf, in der ganz andere Machtverhältnisse aufschienen, als die, die wir bei unseren Besuchen und Diskussionen vermittelt bekommen sollten. Selbst hier in Moskau konnte man innerhalb weniger Tage bereits des zweite Mal sehen, das es eine Macht jenseits des Unmittelbaren gab, die eigentlich das Land bestimmte.

Wir hatten wieder einmal einen programmreichen Tag hinter uns gebracht, als mich der illustre Reiseorganisator unserer Gruppe beiseite nahm und mir zuraunte „Heute Abend im Hotel Rossija, ich zähl auf dich.“ Was immer er auch damit gemeint haben mag, ich wusste sofort, worum es ging. Nach dem Abendessen saßen wir noch etwas zusammen im Speisesaal, tranken Bier und Wodka und unterhielten uns, während eine bestimmte Gruppe bereits zwinkernd Richtung U-Bahn gegangen war. Als sich dann meine Gesprächsrunde aufzulösen begann, fragte ich, ob mich jemand ins Rossija begleiten wolle, weil ich mir dort mal ansehen wollte, was die anderen dort trieben. Nachdem aber alle verneint hatten, ich aber auch bereits genug Wodka getrunken hatte, um mich als stärkster Mann der Welt zu fühlen, verließ ich das Hotel, stellte mich an eine sehr befahrende Straße und begann zu trampen.

Wahrscheinlich war ich der erste Mensch, der sich in Moskau auf diese Weise auf die Reise begab und so war es umso erstaunlicher, dass schon nach kurzer Zeit ein Auto hielt, welches sich als Taxi heraus stellte. Der Fahrer winkte mich zu sich und zeigte, dass er die Uhr abstellte. Also stieg ich ein und wir begannen, nachdem ich mein Reiseziel genannt hatte, eine Konversation, die sich auf sehr brüchigem Englisch bewegte und somit nichts sonderlich Gravierendes hervor brachte. Der Fahrer war einfach ein netter Mann, der einem Ausländer aus dem Westen weiter helfen wollte. Wir fuhren recht schnell durch das nächtliche Moskau, ich hatte ihn so verstanden, dass er sich auf dem Heimweg nach seiner Schicht befand und ab und zu deutete er auf ein Gebäude und nannte seinen Namen. Als er die Lubianka zeigte, ein gewaltiges Monument des Misstrauens und Sitz des KGB, da wurde sein immerwährendes Lächeln durch betretenes Schweigen ersetzt. Ich vermied es, mich durch irgendwelche Nonchalance meinem hilfsbereiten Fahrer gegenüber zu blamieren und mir wurde für einen Augenblick bewusst, dass dieser Mann mich wiederum uneingeschränkt in seinen Händen hatte. Da war es mehr als angebracht, dass Symbol der Diktatur und Unterdrückung durch nichts zu kommentieren.

Insgesamt jedoch war die Fahrt eine nette, trotz aller Verständigungsschwierigkeiten unterhaltsame Angelegenheit und als die Moskwalimousine vor dem Rossija hielt, tat es mir schon fast leid, den Mann alleine nach Hause fahren lassen zu müssen.
Das Hotel selbst war wohl eines der größten Moskaus und wirkte sehr westlich. Nachdem ich die Empfangshalle durchschritten hatte, griff mich ein Livrierter auf und führte mich Richtung „Club“, der diskret außerhalb der ersten optischen Wahrnehmung verborgen war. Als ich dann dort eintrat, wurde ich unter lautem Hallo unserer gewerkschaftlichen Avantgarde begrüßt, alle ziemlich angetrunken, in wildester Art gestikulierend und mit der ein oder anderen russischen Parteigenossin im Arm, gekleidet in transparente Bustiers, Hotpants und Strumpfbändern in Parteifarbe. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Delegation der Sensualistischen Internationale, die den Genossen aus dem kapitalistischen Westen die Vorzüge der direkten Sexualdemokratie hautnah spüren lassen wollte, gegen Devisentransfer versteht sich. Die Delegation war hübsch, diskret, wirkte durchtrainiert und regelrecht athletisch, während die Genossen aus dem Westen meist fettleibig, angetrunken, ausfallend und sehr leistungsgemindert daher kamen.

Ich setzte mich zu den Schreihälsen, was blieb mir schon übrig, und versuchte für den kürzest möglichen Zeitpunkt gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Und schon hatte ich eine sehr nette Nachbarin, die es mir tatsächlich mit ihren ungewöhnlichen Avancen schwer machte, die Contenance zu wahren und mich auf anderes zu konzentrieren. Dafür schoben einige Mitglieder aus unserer Reisegruppe immer mal wieder mit einer reizenden Eskorte unter großem Gejohle in ein Separee ab. Sah man genau hin, so wurde auch klar, dass immer mal wieder ein Gast dabei war, der mit dem geübten Auge der Staatsmacht das treiben verfolgte und sich so seine Gedanken machte, wer aus der Schar es wohl wert war, näher betrachtet oder gar angesprochen zu werden. Die ganze Situation wirkte grotesk, war andererseits aber auch sehr treffend. Sie zeigte das Dilemma eines Systems, das zur Erreichung der Macht und des Einflusses immer wieder die Moral bemühte, aber hier, im eigenen Zentrum, die Schöße der eigenen Töchter feilbot, um die Devisen zu bekommen, die als Preis für den Konkurrenzkampf immer wieder in Rechnung gestellt wurden. Wie immer in solchen Situationen, fiel mir ein schönes Zitat ein, mit dem ich gerne den Zugang zu den Separees geschmückt hätte, natürlich Berthold Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!“

Als unser allseits geschätzter Baujurist mit zwei Schönen an seiner Seite auf einen der roten Salons zusteuerte und lauthals die Weltrevolution pries, machte ich mich daran, einige der Angeschlagenen einzusammeln und diesmal ein reguläres Taxi zu bestellen. Ich war froh, als wir das Hotel verließen, diese Seite der Revolution war mir doch zu profan und ich schämte mich für manche Reisegenossen, die alles bewiesen hatten, nur keine Klasse.

Als wir am nächsten Morgen das Frühstück einnahmen, konnten wir auf manchem Gesicht die Faustschläge des Genusses der letzten Nacht noch sehr deutlich sehen. Uns war es wurscht, weil Sonja und ich uns quasi von der Gruppe frei genommen hatten und vorhatten, einen Privatbesuch zu machen. Sonja hatte aus ihrer Verwandtschaft eine Adresse von einem Ehepaar, das irgendwie zur Familie gehörte und die sehr nett sein sollten. Da wir wirklich einmal in einen echten, normalen, unpräparierten russischen Haushalt blicken wollten, hatten wir uns nicht davon abbringen lassen, von der Besichtigung eines weiteren Kombinats abzusehen.

Wir verließen unser Hotel, die Sonne schien und Moskau lag uns zu Füßen. Wir machten uns zu Fuß auf zur nächsten U-Bahnstation und versuchten uns in diesen Kathedralen der Bewegung zurecht zu finden. Das schwierigste war natürlich die Dechiffrierung des Kyrillischen auf den Linienplänen, die Hallen und Wege selbst waren sehr klar konzipiert und durchdacht. Erstaunt waren wir von dem Tempo, in dem alles vonstatten ging, die Russen jagten in atemberaubender Geschwindigkeit und großen Horden durch ihre Metro, sie waren sehr bestimmt und fokussiert und als Wankelmütiger hatte man kaum eine Chance. Dennoch fanden wir unseren Weg, stiegen zweimal um und landeten in einem vielleicht zehn Kilometer vom Zentrum gelegenen Stadtteil, wuchtig, urban, unaufgeregt und außerhalb des Präsentationsspektrums.

Da wir schneller dorthin gekommen waren als beabsichtigt, schlenderten wir noch etwas durch das Viertel, um einen Eindruck zu bekommen. Auch hier hatten wir es mit sehr breit angelegten Straßen zu tun, die alle von Bäumen gesäumt wurden , die wiederum den Abschluss sehr geräumiger Fußgängerbereiche andeuteten, die an den symmetrischen Wohnblocks entlang liefen. Im Parterre dieser Blocks, die aus den dreißiger Jahren zu stammen schienen, waren Läden, die das anboten, was man immer mal gut gebrauchen kann, ohne eine längere Reise in Kauf nehmen zu wollen. Aber im Gegensatz zu dem Sortiment der Kleinhändler solcher Komplexe in unseren Breitengraden konnte man nach genauerem Hinsehen und längerem Ablaufen das Sortiment auf vier Begriffe reduzieren: Bücher, Zeitungen, Tabak, Tee. Alles andere suchte man vergeblich. Wenn das, so witzelten wir für uns, den häuslichen Grundbedarf des typischen russischen Haushalts ausmachte, dann hatten wir es mit einem Literatenvolk par excellence zu tun. Die Menschen, die uns begegneten hingegen konnten alles sein, sie wirkten von der Kleidung eher ärmlich, von ihren Gesichtern her aber kultiviert und gebildet.

Nach einem herrlich bitteren Tee im Stehen aus einem verbeulten Samowar auf der Straße wagten wir uns endlich an das Haus von Wassili und Helena, wie die Bekannten aus Sonjas Familie hießen. Als wir das Haus erreicht hatten, wurde uns bewusst, wie viele Wohnungen tatsächlich in solch einem Block waren und wir mussten ewig suchen, bis wir den Namen in diesem kyrillischen Meer auf Messing gefunden hatten. Wir läuteten aufgeregt und es dauerte nicht lange, bis ein knarrendes Summen uns das Einverständnis signalisierte, uns der Wohnung zu nähern, denn die Tür war bereits offen und war wohl nie zu. Wir durchquerten lange Flure und stiegen immer wieder ausladende Treppen hinauf, bis wir endlich am Ende eines Flures vor einer Abschlusstür einen etwas gebeugten, ergrauten Mann sahen, der uns anlächelte und zuwinkte.

Wir blickten in ein schlaues, faltiges Gesicht mit sehr wachen, grünen Augen. Wassili begrüßte uns herzlich, schüttelte uns immer wieder die Hand und Sonjas ließ er gar nicht mehr los. Er sprach ein gutes Deutsch mit einem deutlich russischen Akzent, vor allem unser H kam als rauhes CH aus seinem knarrenden Kehlkopf. Wassili führte uns wiederum durch einen dunklen Flur, der flankiert war mit Bücherregalen vom Fußboden bis an die Decke in ein kleines Zimmer, in dem die Wände ebenfalls einer antiken Bibliothek glichen und nur ein kleiner quadratischer Tisch stand, auf dem Zeitungen, Bücher, Skripte und Notizzettel lagen, die Wassili sorgfältig in seine Hände nahm und in kongruenter Ordnung in einer Zimmerecke auf den Boden legte. Er bat uns, doch an dem Tisch Platz zu nehmen und während er noch mit der Ablage seines Skriptenberges beschäftigt war, betrat seine Frau Elena mit einem Tablett in beiden Händen der Raum, auf dem Gläser mit dampfendem, schwarzen Tee, dicken, bleichen Salzgurken und einem eisgekühlten Fläschchen Wodka standen und das sie vorsichtig, unter einem warmen Lächeln auf den Tisch stellte. Auch sie begrüßte uns in gutem Deutsch und erkundigte sich sogleich bei Sonja nach dem Befinden der Mutter. Elena und Wassili setzten sich zu uns an den Tisch und wie von einer übermächtigen Regie geführt, entspann sich ein zwangloses,

sehr vertrautes Gespräch. Es begann damit, dass sich die beiden nach unserer Reise und dem erkundigten, was wir bereits unternommen und gesehen hatten und ging dann zurück auf unsere Lebensverhältnisse in Deutschland. Ehe wir uns versahen, hatten sich unsere Gastgeber durch ihre unauffällige, behutsame Art und ihre dezenten Fragen in die Rolle derer gebracht, die sich über uns und unser Land erkundigten, obwohl wir es doch waren, die dieses machen wollten. Sie taten das sehr klug und erfuhren von uns alles, was sie wissen wollten. Was uns etwas befremdete war die Kenntnis, die sie selbst von Details aus der bundesdeutschen Tagespolitik hatten, obwohl sie doch über keinerlei Zeitungen, Fernsehsender oder sonstiges verfügten, denen sie derartige Informationen hätten entnehmen können. Als wir so langsam unruhig wurden und danach trachteten, das Gespräch in die Bahnen zu lenken, die mehr unser Interesse erregten, klatschte Elena in die Hände und rief

„Aber ihr mösst chungrig sein, kostet doch von den solzigen Jurken und nähmt was von dem Brott! Und geniert euch nächht, nämt ruhig ein Schlückchhen Wadka, das wärmt das Härz. Und außerdäm: Lasst ons von Mötterchen Rossland sprächen, deschalb seid ihr doch chier!“

Wir nahmen diese Angebote gerne an und begannen damit, unsere Gastgeber zu löchern. Schon bald wussten wir, dass beide Lehrer waren, die ihren Beruf allerdings nicht ausübten und sich irgendwie mit Arbeiten über Wasser hielten, die in gewisser Weise ihrem Bildungsstand entsprachen. Sie erzählten uns nicht, weshalb sie nicht in ihrem eigentlichen Beruf arbeiten konnten und sie klagten nicht. Sie lebten hier in einer kleinen Zweizimmerwohnung, eingerahmt in abgegriffene Dokumente der Weltliteratur, tranken viel Tee, rauchten Machorka, aßen mäßig, lasen, bis die müden Augen brannten und schrieben, bis die kalten Fingerknöchel schmerzten. Das war ihr Leben, das war ihre Bestimmung. Es dauerte natürlich nicht lange, bis uns weder die Bundesrepublik noch die Sowjetunion mehr interessierten und wir uns in der Welt der Literatur befanden.

Die Diskussion drehte sich nicht um die Wahrheit, was man in einem Land wie der UdSSR hätte vielleicht erwarten können, sondern um die Wahrhaftigkeit, was einem tiefsinnigen Menschen näher liegen musste, einem Westler meiner Generation aber zunächst nicht gleich in den Sinn kam. Wassili gab mir eine Lektion, die ich mein Leben lang nicht vergessen sollte. Denn die Wahrheit, das sei eine zu bestechliche Größe, da wirkten viel zu viele Einflusse und Sinnestrübungen mit, um ihr Wesen noch erkennen zu können. Die Wahrhaftigkeit hingegen, das sei etwas, wo jeder Einzelne die Probe aufs Exempel geben müsste, sozusagen die Adaption des Faustischen im Guten. Wenn du wahrhaftig sein willst, so kannst du am Ende jeden Tages dein Werk und dein Tun überprüfen und zu einem untrüglichen Ergebnis kommen. Literatur sollte nach Wahrhaftigkeit streben, sie sollten die kleinen Dinge zum Maß erheben, das Profane zur kosmischen Philosophie, das Erleben zum Leben und das Einfache zum Sein. Das Große, so Wassili, das liegt im Kleinen, der Mikrokosmos ist das eigentliche Geschehen, aus dem die Weltliteratur ihren

Reichtum schöpfen muss. Das habe der Westen nie so richtig begriffen. Dort sei die Proklamation des Globalen schon Globalität, die Ankündigung des Universalen schon Universalität und die Verkettung unscharfer Attribute schon Tiefe. Hingegen verachte man oft das Detail, man drücke ständig auf den Handlungsstrang und ertrage keine Stille. Das sei nicht das Format der menschlichen Existenz, welches die Literatur liefern müsse. Das Menschsein mit seiner so genannten Trivialität sei genau das, was die Welt ausmache. Die wahren Turbulenzen der menschlichen Existenz seien nur durch das scharfe Auge des unaufgeregten Beobachters zu erspähen.

Was, so fuhr Wassili fort, indem er wieder einmal diesen bitteren Tee eingoss, was siehst du denn, wenn du mit deinen westlichen Augen hier nach Moskau kommst? Du siehst die UdSSR, wie sie derzeit organisiert ist und das gesellschaftliche Leben regelt. Aber genau das ist nicht das Sein. Das wahre Russland führt eine andere Existenz, die russischen Menschen haben andere Werte, sie organisieren ihr Leben anders und sie sehen die Welt durch ganz andere Augen. Was euch im Westen nervös machen würde, wird von der Ruhe und Kraft der Menschen hier zugedeckt, sie wissen, weil sie wahrhaftig sind und weil sie dadurch näher an dem sind, was ihr die Wahrheit nennt. Für uns ist das aber nur der Schein, in dem sich die eine oder andere Herrschaftsform sonnt, aber nicht das tiefe Sein. Weißt du, die Russen treffen das alles in ganz einfachen Sätzen. Da gibt es ein Sprichwort, das das alles ausdrückt:

Tausend Rubel sind kein Geld
Eine Flasche Wodka ist kein Getränk
Und ein Jahr ist keine Zeit!

Das, mein Lieber, das ist Russland und denk an meine Worte, wenn du in nächster Zeit die Zeitung in Deutschland aufschlägst und Neues aus diesem Land hier erfahren wirst.

Wir hatten den Eindruck, dass Elena und Wassili keine unglücklichen Menschen waren und das sie etwas am Leben hielt und inspirierte, das uns fremd war, wir aber erahnen konnten und erst später begriffen. Während unserer Diskussion wurde immer wieder herzlich gelacht und ab und zu ein Wässerchen getrunken. Ab und zu verschwand Elena in der Küche und kehrte mal mit sauren Heringen, mal mit dunklem Brot und mal mit weiteren Gurken oder eingelegter Roter Beete zurück. Die beiden kannten den Westen und dessen Literatur sehr gut, wollten vieles wissen und wir taten, was wir konnten, um den Hunger unserer Gastgeber zu stillen. Wir selbst aber waren nicht weniger gierig, wir sprachen über Tolstoi und Dostojewski, über Puschkin und Turgenjew, über Bulgakow und Majakowski, über Cechov und den eben erst im Westen gefeierten Rybakow. Es war ein Parforceritt durch die Literatur. Und es wurde deutlich, wie sehr die große epische Erfahrung dieses Volkes alles prägte, was es tat. Die Weite, die Nichtigkeit des Individuums und die Dimension der Zeit waren die Sozialisationsfaktoren eines ganzen Volkes und bestimmten die Bilder, in denen es kommunizierte.

Wir blieben, bis es dunkel wurde und wir uns wieder Richtung Hotel aufmachen mussten. Nicht eine Sekunde war es langweilig gewesen und allein für das, was wir an diesem Tag mit den beiden erlebt hatten, hätten wir die ganze Fahrt hierher unternommen, weil es sich einfach lohnte und eine Erinnerung war, die nicht nur von Bestand war, sondern immer wieder zum Denken anregte.

Die letzten Tage in Moskau fielen von diesem Ereignis sehr ab. Vieles wiederholte sich auch und die Freundschaftsrhetorik der uns immer wieder empfangenden gleichgeschalteten Gewerkschaften wurde auch nicht besser. Lediglich der Abschiedsabend im Russischen Staatszirkus lies noch einmal aufleuchten, was wir begonnen hatten zu begreifen. Auch in dessen Programm dominierte nicht das Spektakuläre und Aufdringliche, sondern die kleinen Gesten, die die Beziehung von Mensch und Tier charakterisierten oder eine Artistik, die das Sein reflektierte und nicht die Exhibition seiner Teilaspekte.

Am Tag vor der Abreise dann stürmten wir noch sämtliche Buchhandlungen im Zentrum Moskaus und sorgten dafür, dass wir mit wesentlich mehr Gepäck abreisten als wir mitgebracht hatten.

Als wir nach einer doch anstrengenden Zeit wieder zu Weißrussischen Bahnhof gebracht wurden hatte ich begonnen, mich auf die Schwingungen dieses Landes einzulassen und ich wurde sehr sentimental. Ich versuchte es mit Wodka, was die Sache aber nur noch verschlimmerte. Von der wiederum doch langen Rückreise weiß ich nicht mehr viel, vielleicht lag es am Wodka, vielleicht dachte ich auch in Dimensionen, die ich sonst nicht gewohnt war.

Wir kamen an einem Sonntagmorgen in Mannheim an und es war kalt. Ich fuhr vom Bahnhof mit dem Taxi zu meiner Wohnung in der Neckarstadt, es war relativ kühl, ich war verkatert und schlecht gelaunt. Als ich mich doch noch einmal zur Ruhe begeben wollte, klingelte es an meiner Haustür. Als ich, missmutig, unrasiert und mit einer Alkoholfahne die Tür öffnete, stellte sich eine junge Dame vor, sie käme von der Volkszählung und wolle mir helfen, das Formular auszufüllen. Stattdessen raunzte ich sie an, ich käme gerade aus Moskau und sei zu müde, um jetzt zu kooperieren. Als sie das hörte, ergriff sie die Flucht und stürzte regelrecht die Treppen herunter. Über diese Inszenierung machte ich mir aufgrund meiner allgemeinen Erschöpfung keine Gedanken mehr und legte mich, knurrend wie ein russischer Bär, ins Bett.

Verloren in Perth

Viele Europäer, die in asiatischen Metropolen leben, klagen darüber, dass sie irgendwann einen gehörigen Koller bekommen. Als Gründe dafür geben sie das ungeheure Treiben der Massen, die Rührigkeit des gesamten Lebens, den dadurch verursachten Lärm, die fremden Speisen, die kollabierende Infrastruktur und den Mangel an Privatheit an. Wir lebten schon einige Jahre in Jakarta und konnten diese Erfahrung nicht teilen. Die Hauptstadt Indonesiens mit ihrer ungeheuren Impulsivität und Lebenskraft, mit ihren atemberaubenden Widersprüchen und den unzähligen Geheimnissen war uns eine wahre Heimat gewesen. Nie verspürten wir so etwas wie Sehnsucht nach dem europäischen Lebensstil. Wir fühlten uns gut und hatten kein Bedürfnis, irgendwohin zu flüchten, um uns von dieser erlebten Spannung zu erholen.

Während der Unruhen und dem Sturz Soehartos waren wir einmal widerwillig nach Kuala Lumpur evakuiert worden und fanden es eher fad und wir hatten Singapur besucht, das uns als gar nicht sonderlich asiatisch enttäuscht hatte. Ungefähr einmal im Jahr flogen wir in die deutsche Heimat, aber mehr wegen der Angehörigen und Freunde und um die üblichen Bank- und Arztkonsultationen zu absolvieren, als aus Heimweh oder gar Flucht vor unserer neuen asiatischen Lebenswelt.

Das einzige, was uns beflügelte, das Auge zwischendurch auch einmal auf die westliche Kulturhemisphäre zu richten, war die Tatsache, dass wir um die zeitliche Begrenzung unseres asiatischen Aufenthaltes wussten und man von Indonesien aus relativ schnell nach Australien kommt, was von Europa aus gesehen jedoch zu einem flugtechnischen Marathon wird. So beschlossen wir den Jahreswechsel 2000/01 im von Jakarta nur drei Flugstunden entfernten australischen Perth zu verbringen.

Perth gehört durch seine geographische Lage und seine Kulturanbindung sicherlich zu den großen Kuriosa dieser Welt. An der Westküste Australiens und am Indischen Ozean gelegen, ist es einige Tausend Seemeilen vom afrikanischen Kontinent und der dortigen Metropole Kapstadt entfernt. Was den australischen Kontinent selbst anbetrifft, so ist es durch tausende Kilometer Wüste von der restlichen Zivilisation Australiens abgeschnitten. Bis nach Adelaide, der nächsten Großstadt, braucht man Tage mit dem Zug und dazwischen liegt das steinige Nichts. Die nächst größere Stadt ist eigentlich das indonesische Surabaya, welches allerdings kein Australier ansteuern würde, um Zivilisationskontakte zu pflegen, dazu ist man zu inzestuös programmiert. Ein Blick auf die Karte genügte, um dieses Kuriosum ausfindig zu machen und insofern waren wir gespannt auf das, was uns in diesem westlichen Niemandsland begegnen würde. Viele Bekannte aus der Expatszene hatten uns zwar schon einiges erzählt und von Perth geschwärmt, aber wir waren im Laufe der Zeit bezüglich derartiger Bewertungen vorsichtig geworden, weil erstens die Geschmäcker verschieden sind und zweitens viele Expats im Laufe ihres Auslandsdaseins sich schnell mit Kulissen und bloßen Hinweisen auf den Westen zufrieden geben, um ihre Sehnsucht nach ein wenig Heimat zu stillen.

Neugierig bestiegen wir also kurz vor Weihnachten das Flugzeug und nach einem auch für indonesische Binnenverhältnisse kurzen Flug von drei Stunden landeten wir im australischen Perth. Die ersten Eindrücke auf und vor dem Flughafen verwunderten uns nicht und deckten sich mit den sinnlich wahrnehmbaren Informationen, die der Reisende von Asien in den Westen in der Regel bekommt. Alles war leerer, die Menschen älter und ein Hauch von Reguliertheit legte sich über jede Aktion. Da wir im australischen Sommer ankamen, hatten wir angenehme Temperaturen, die Luft war trocken und nicht feucht und es herrschte ein grandioses Licht. Wir bestiegen ein Taxi, und gaben die Adresse an, die wir gebucht hatten. Wie wir später zu schätzen lernten hatten wir Glück, auf einen Taxifahrer aus dem Balkan zu treffen, der das Phänomen des Fremdseins kannte und gleich mit uns ein entspanntes, aber informationshaltiges Gespräch führte.

Da unser Domizil nicht direkt in der Stadt Perth, sondern an deren Strand Scarborough lag, hatten wir einige Zeit, uns etwas zu unterhalten. Es ist allgemein bekannt, dass Taxifahrer immer ein gutes Medium sind, um erste Eindrücke zusammeln und Informationen zu bekommen, die jenseits der offiziellen Bulletins liegen. Der, auf den wir trafen, entpuppte sich als ein hellwacher und interessierter Zeitgenosse, der nicht lange hinter dem Berg hielt. Er gab uns einen Überblick über die Situation und das Lebensgefühl der jungen Leute von Perth, die irgendwann alle dem Inselkoller erlagen und durch exzessive Verhaltensweisen ihrem Wunsch nach Flucht Ausdruck verliehen. Er erzählte uns von dem furchtbaren Schicksal der Aborigines, die als Fremde im eigenen Land ein hoffnungsloses Dasein fristeten und er berichtete auch von sich selbst, wie es ihm ergangen war als Einwanderer und das es ihm in vielen Jahren nicht gelungen war, einen Weg in die Gesellschaft zu finden. Während dieser Erzählungen blickten wir auf eine wunderschöne Stadt, die durch sehr geschmackvolle moderne wie durch romantisch wirkende viktorianische Architektur zu bestechen wusste. Hinzu kamen immer wieder große Areale himmlisch anmutender Parkanlagen, in denen ein atemberaubender Baumbestand und sehr viele exotische Vögel hervorstachen. Alles wirkte gediegen, liebevoll und sehr einladend. Die Schilderungen unseres Fahrers passten dazu nicht, doch wir waren offen und hörten uns alles an. Da wir ihm unser Ohr schenkten und ihm durch unsere Fragen signalisierten, dass wir ihn ernst nahmen und interessiert waren, gab er uns auch noch wertvolle Tipps im Hinblick auf Unterkünfte und gute Restauration.

Als wir an unserem gebuchten Domizil ankamen, verabschiedeten wir uns von unserem unentgeltlichen Fremdenführer sehr freundschaftlich und dieser raunte uns noch zu, falls es uns dort nicht gefiele, sollten wir doch für die erste Nacht in das große Hotel am Strand gehen und dann weiter sehen. Und der kluge Mann wusste, was er uns riet. Denn wir trafen auf ein furchtbares Anwesen und eine noch schrecklichere Landlady. Als wir an der Anmeldung klingelten, kam diese beträchtlich alkoholisiert an die Pforte und zeigte uns eine Kaschemme, dass es uns die Sprache verschlug. Da gab es nicht viel zu debattieren, wir bissen in den sauren Apfel einer schlechten Interneterfahrung, nahmen die Koffer in die Hand und liefen einige Hundert Meter bis zu dem uns von dem Taxifahrer empfohlenen großen Hotel, wo wir im zwanzigsten Stock noch ein Zimmer bekamen. Wir ließen uns noch etwas zu essen aufs Zimmer bringen und schliefen traumlos.

Als wir am nächsten Morgen erwachten, blickten wir auf eine atemberaubend schöne Küste und ein quicklebendiges Meer, auf dessen Wellen schon etliche Surfer ritten. Unten im Eingangsbereich befand sich die Frühstückslounge und was wir dort sahen und erlebten, passte eigentlich nicht so ganz in die südliche Hemisphäre. Das Buffet präsentierte das klassische englische Frühstück in seiner ausuferndsten Bandbreite, vom Rührei über gebratenen Speck, mashed potatoes, fettige Bratkartoffeln, soßige Bohnen bis hin zu den sehr eigenwilligen Bratwürsten im zarten Natursaitling. Hinzu kamen Marmeladen und Konfitüren aller Art, Pfannkuchen mit Sirup und Sahne, Bownies, Cookies, Eiscreme, und eigenartige Zuckerperlen.

Als wir den Raum betraten, schlug uns der Duft all dieser offerierten Speisen bereits entgegen und große Gesellschaften saßen um runde Tische, die zum Teil schon den Eindruck eines gewaltigen Schlachtfeldes vermittelten. Uns fiel auf, dass die Menschen hier an kollektivem Übergewicht litten, während wir aus dem Fenster am Strand die sehr sportive Version des homo australicus gesichtet hatten. Obwohl ich noch am Tag zuvor gewohnheitsgemäß in Jakarta meinen Tag mit etwas nasi goreng und Fruchtsäften begonnen hatte, stürtzte ich, nachdem wir uns an einem der wenigen kleineren Tische niedergelassen und Kaffee und Tee bestellt hatten, wie der Pawlow´sche Hund ans Buffet und gab es mir very British. Es musste einfach sein und für einen Moment verstand ich alle meine Tischnachbarn, die dieses Zeremoniell wohl täglich zu zelebrieren schienen.

Nach dem Frühstück checkten wir aus, da das Hotel weder unserem Geschmack noch unseren Vorstellungen des Preises entsprach und suchten uns ein Appartement. Kurz darauf fanden wir auch eines, das sehr modern und geschmackvoll, ruhig und ebenfalls in Strandnähe war. Danach riefen wir Freunde aus Jakarta an, die sich zufällig auch in Perth aufhielten und bereits vor einigen Jahren dort für zwei Jahre residiert hatten. Wir verabredeten uns mit ihnen direkt in Perth im Ortsteil Subiaco. Vorher mieteten wir ein Auto und waren somit mobil.

Unsere Freunde wohnten in einer sehr schönen, in das urbane Umfeld einbezogene Anlage und meine Frau und ich beschlossen, unsere Zeit in Perth aufzuteilen in eine Phase am Strand und eine in der Stadt. Bei dem Treffen erhielten wir viele Informationen über die Sehenswürdigkeiten, der Dos und Do Nots und wir hatten eine angeregte Unterhaltung. Nachdem wir solchermaßen und schnell ein vernünftiges Domizil, ein Fortbewegungsmittel und allerlei Orientierungstipps erhalten hatten, konnten wir sehr entspannt der Zeit, die vor uns lag, entgegen sehen, was wir auch taten. Wir genossen das trockene Klima, die Spaziergänge am Strand und das Licht. Vor allem das Abendlicht vor dem Sonnenuntergang vermittelte eine Wärme und Intensität, wie ich sie nie mehr vorher oder nachher erlebt habe. Saß man in einem Café am Meer und blickte zum Himmel, dachte man, es würden in froher, leicht getragener Stimmung die Vorbereitungen für das Ende der Zeit getroffen. Und alle Objekte, die von dem immer leicht ockerfarbenen Licht getroffen wurden, erhielten eine Aura der inneren Ruhe und Friedfertigkeit. Diese Momente sollten für mich die Höhepunkte meiner Zeit in Perth werden, weil sie etwas Einzigartiges hatten.

In der folgenden Zeit hatten wir genug Gelegenheit, das Treiben zu beobachten und eine Idee davon zu bekommen, nach welchen Schwingungen die Westaustralier ihr Leben ausrichteten, wie sie dachten, funktionierten und kommunizierten. Vieles davon kam uns als Westlern bekannt vor, manches erstaunte uns dann doch und einiges stieß bei uns auf Unverständnis. Zudem wussten wir um einige Bekannte, die wir aus Jakarta hatten, und die sich zur Jahreswende ebenfalls in Perth aufhielten. Sollte wir also das Bedürfnis nach bekannter Gesellschaft haben, so konnten wir uns problemlos bedienen, mussten es aber nicht, was immer zum Vorteil wird, weil die Freiwilligkeit eine Grundlage der Unabhängigkeit bildet. Und um es gleich zu sagen: Wir zogen die Karte kaum, hatten wir doch genug vor und zu erleben. Wir hatten zwei oder drei Treffen, und die eher aus Höflichkeit.

Was das australische Leben anbetraf, so bekamen wir den ersten Hinweis darauf schon am ersten Abend, als wir sehen konnten, was die typische australische Restauranthaltung war. Sie resultiert aus der inneren Logik einer protestantischen Gesetzgebung, die die Regulierung des Wohles von Individuum und Gemeinschaft zu jeder Zeit im allgegenwärtigen Auge hat. In australischen Restaurants ist das Rauchen strikt untersagt und deshalb gehört es zum allgemeinen Usus, nach dem Essen durchaus vor die Tür des Restaurants zu gehen, um eine Zigarette oder einen Zigarillo zu rauchen. Da es aber zum Schutze der Jugend und zur Herstellung der öffentlichen Hygiene strikt untersagt ist, unter freiem Himmel, auf Straßen und Plätzen alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, stehen viele Restaurantbesucher, die nach dem Essen rauchen, aber nicht auf einen Schluck Wein oder einen Digestiv verzichten wollen, vor einem unüberbrückbaren Dilemma. Dieses führt zu dem Kuriosum, das Männer wie Frauen, und letztere zum Dinner sehr oft elegant gekleidet, breitbeinig auf der Restaurantschwelle stehen, in der linken Hand ein Glas Wein innerhalb des Restaurants, in der rechten aber die Zigarette auf dem Trottoir. Wollen sie einen Schluck Wein nehmen, so dreht sich ihr Kopf ins Restaurant, ziehen sie an der Zigarette und exhalieren sie, so erscheint er auf der Straße. Mal abgesehen davon, dass wir soeben aus dem in dieser Hinsicht liberal-paradiesischen Asien kamen, so hatte das ganze auch unter dem Aspekt der damaligen europäischen Gewohnheiten etwas Absurdes und Bizarres. So sah man dort elegante und kultivierte Frauen, vom Gesetzgeber verdammt zu Körperhaltungen, die an die Rotlichtzonen hinter den Containerdocks der Welthäfen erinnerten. Sie standen sie sich paarweise gegenüber, spiegelverkehrt, breitbeinig, laut schnatternd, das Weinglas im Lokal, die Zigarette auf der Straße, immer wieder in das Restaurant schreiend, weil dort andere Kommunikanten standen wie andererseits auch auf der Straße, wo sich die exklusiv Rauchenden aufhielten. Das alles wirkte völlig irrsinnig und machte deutlich, zu welchen Kapriolen eine Gesetzgebung in der Lage ist, die regulierend und eindimensional denkt und das menschliche Individuum nicht ganzheitlich sieht. Insgesamt waren diese Beobachtungen die ersten Hinweise auf die Dimensionen der protestantischen Reconquista gegen den eigenen Liberalismus.

Uns erschien das damals völlig fern und eine australische Eskapade, bis wir gut ein Jahr später bei unserer Rückkehr nach Deutschlandeines Besseren gelehrt wurden, als wir wahrnehmen mussten, wie weit der protestantische Fundamentalismus Einzug in das Denken genommen hatte.

Neben dieser Kuriosität fielen uns weitere auf. Wir hatten bereits im Fernsehen Anti-Raucher-Spots gesehen, in denen ein Lungenzug und seine Auswirkungen auf seine organische Umgebung simuliert wurden, um nachher Bilder von bösen und unappetitlichen Missbildungen zu zeigen. Nun fielen uns Schilder an den Straßen auf, auf denen zu lesen war, wer trinke und Auto fahre, sei ein Idiot oder ein Mörder. So war ein weiteres Erlebnis nur folgerichtig. Es gehört zu den Gewohnheiten vieler Australier, die außerhalb der City wohnen, nach der Arbeit mit Kollegen in eine der zahlreichen Bars zu gehen, um einen Drink zu nehmen und etwas zu plaudern. Wie wir sahen, wurde dort nicht selten ziemlich zugelangt. Da allerdings in Australien die Null-Promille-Grenze gilt, war nur klar, dass die Polizei die Gelegenheit nutzte, um an den Ausfallstraßen Alkoholkontrollen vorzunehmen. An einem frühen Abend standen wir auf eben einer solchen Ausfallstraße in einem recht langen Stau und waren uns nicht ganz sicher, um was es ging. Polizisten hielten einen Wagen nach dem anderen an. Als die Reihe an mir war, bat mich eine Polizistin, das Fenster der Fahrerseite zu öffnen. Noch als das Fenster in der Abwärtsbewegung war, drang bereits ihr Arm mit einem Blasröhrchen ein und auf meinen Kopf zu und sie harschte mich von außen an „Blow!“ Das war unmissverständlich und machte mehr als deutlich, dass diese Leute auf keinen Fall von einer Unschuldsvermutung ausgingen. Sei´s drum, ihr schillerndes Rohr stellte nichts fest.

Als wir uns eines Abends zu dem entfernter liegenden Überseehafen Perth´ namens Freemantle aufmachten, erlebten wir hingegen eine andere, äußerst attraktive Welt. Zum einen gibt es nichts schöneres als einen Hafen in diesem Licht in der Abenddämmerung. Zum anderen stellten wir fest, dass es dort eine sehr intakte und gut funktionierende italienische Community gab. Das fing an mit den Fischrestaurants direkt am Wasser, ging über Bocchia-Clubs, deren Mitglied man nur werden konnte, wenn man der italienischen Sprache mächtig war und endete auf der Hauptstraße, genannt der Capuccino-Strip an der South Terrace, in der verschiedene italienische Restaurants Speisen in einer Qualität und Originalität anboten, wie ich es weder vorher noch nachher irgendwo auf der Welt erlebt habe. In einem solchen Restaurant taten wir uns im Freien gut und so wurden wir, als die Dunkelheit der Nacht einzog, Zeugen eines beispiellosen Schauspiels. Die Straße entpuppte sich als die Cruisermeile der Stadt. Plötzlich tauchten alle möglichen amerikanischen Limousinen der Filmgeschichte auf, meistens als Cabriolets, Chevrolets, Buicks, Lincolns, natürlich Corvettes und Ford Mustangs. Sie alle wurden von jungen Männern gefahren, ganz langsam, um der stylischen Pomade im Haar gerecht zu werden. Als Dekor waren junge Frauen dabei, nicht selten im Pettycoat. Das Ganze hatte etwas von einer Inszenierung aus vergangener Zeit, doch es war gelebte Realität und gehörte zum abendlichen Ritual. Auffallend war, dass fast alle, Fahrer wie sonstige Insassen, ganz trendy mit offenen Bier- oder Whiskeyflaschen, die immer wieder die Lippen wechselten, diesen Cruise begleiteten. Und obwohl unübersehbar überall Polizei zu sehen war, störte sich niemand daran und es wurde auch nicht eingegriffen. Anscheinend galt für die Sprösslinge der Oberschicht ein eigenes Gesetz. Wir suchten in dieser Zeit Freemantle öfters abends auf, wegen der italienischen Küche, wegen des märchenhaften Lichts und wegen der Erfahrung, dass auch am Ende der westlichen Welt die Illusion der vielleicht einzige Konsens war, der noch erzielt werden konnte.

Nachts fuhren wir dann in unserer großen japanischen Limousine zurück nach Perth und wir hatten das Gefühl, als befänden wir uns auf dem Mond, fasziniert von der Stille, den tieflagigen Flüstertönen des Windes und dem eigenartigen Gefühl, vieles zu erkennen, bei näherem Hinsehen jedoch festzustellen, dass es nur der Schein war, den wir zu kennen glaubten, dahinter aber kein Sein erkennen konnten.

Wir hatten uns vorgenommen, auf jeden Fall die Insel Rottnest, Rattennest, zu besuchen. Sie war uns aufgrund der Strände und Idylle zudem aufgrund der Fauna, vor allem der nachtaktiven Quokkas, das sind kleine Beuteltiere, die es nur auf dieser Insel zu geben schien, als sehenswert geschildert worden. Also bestiegen wir an einem sonnigen Morgen in Freemantle die Fähre und setzten über nach Rottnest. Dort angekommen, mutete tatsächlich alles sehr schön an, so wie es in den Prospekten gepriesen worden war: Lange Sandstrände, keine Autos, beste Wellen für Segler und Surfer und wunderbare Tauchspots. Was wir nicht wussten und erst dort erfuhren, versetzte uns jedoch einen Schlag. Rottnest war das australische Konzentrationslager für die Aborigines.

Hier wurden die Ureinwohner des gesamten australischen Kontinents in einem Lager interniert. Man verfrachtete sie aus allen Teilen des Landes hierher, meistens mit einer Eisenkugel am Fuß, um sie hier einzusperren und zu brechen. Zigtausende verloren ihr Leben schon auf dem Transport, und noch mehr ließen ihr Leben in Rottnest. Es war ein Holocaust, der in den westlichen Geschichtsbüchern nicht satt fand. Nicht, dass die Menschheitsgeschichte nicht durchzogen wäre von schlimmen Phasen der Unterdrückung und gewaltigen Irrtümern. Und nicht, dass es kaum Völker gäbe, in deren Journalen nicht erhebliche Versäumnisse gegen die Menschlichkeit zu entdecken wären. Und gut, dass irgendwann, zwar immer spät, doch nie zu spät, so etwas wie eine späte Erkenntnis, ja Reue einkehrt, die eine historische Aufarbeitung der eigenen Geschichte einleitet.

Wir stellten fest, dass es in Australien kein Unrechtsbewusstsein gegenüber den Misshandlungen gegen die Aborigines gibt. Schlimmer noch, man fühlt sich anscheinend im Recht. Den Gipfel bildet wohl der Umgang mit den Lagern in Rottnest, denn man hat sie umgebaut zu Feriendomizilen. Dort, wo systematisch und programmatisch Menschen vernichtet wurden, psychisch, physisch und ethnisch, können sich heute die Mitglieder des weißen australischen Mittelstands einen kleinen Abenteuerurlaub buchen und im Kreise ihrer Familien lustige Grillabende veranstalten. Das ganze war so bodenlos, so zivilisationsfern und so inhuman, dass wir die nächst mögliche Fähre nahmen, um zurück ans Festland zu kommen.

Das Thema interessierte uns natürlich mehr und in den nächsten Tagen erfuhren wir einiges über die verschiedenen Wellen der Vernichtung. Die schneeweißen Nachkommen britischer Zuchthäusler hatten seit ihrer Ankunft versucht, die Aborigines zu vernichten, obwohl diese aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten nie eine Gefahr darstellten. Mal hatte man sie systematisch abgeschossen, mal landesweit deportiert und mal ihnen alle Kinder abgenommen und in weiße Farmerfamilien gesteckt. Letztere wurden zu einer Lost Generation, die völlig gebrochen an den Rändern der weißen Siedlungsbefestigungen im Wüstensand verendete.

Bis in die Gegenwart sind die Aborigines aller wesentlichen Rechte beraubt, man macht sie zu Wohlfahrtsempfängern und nimmt ihnen weiter die Würde, indem man ihnen verbietet zu arbeiten. Geht man durch die Städte, sieht man sie oft alkoholisiert in den Parks herumliegen, gebrochen. Nie vorher oder danach habe ich Menschen gesehen, deren Blick eine derartige Trostlosigkeit offenbarte.

Ein Jahr zuvor hatten wir bei einem Besuch in Deutschland die Berichterstattung des dortigen Fernsehens zu den olympischen Spielen in Sidney erlebt und noch im Nachhinein stieg in mir die kalte Wut hoch. Australien wurde durchweg als ein wunderbares, tolerantes und liberales Land geschildert, in dem alle nett waren und es ein Glück war, dort leben zu dürfen. Angesichts dieser propagandistischen Höchstleistungen und dem gleichzeitigen Verriss nicht westlicher Gastgeber olympischer Spiele verwundert es nicht mehr, dass der Westen in der restlichen Welt kaum noch Glaubwürdigkeit besitzt. In Asien nennt man ihn deswegen schlichtweg arrogant, was das schlimmste Attribut ist, das man sich einfangen kann.

Doch der australische Kalender hatte keine Veranlassung, stehen zu bleiben und so erlebten wir einen Boxing Day, sprich Weihnachten, das sicherlich zu den Bildern beitrug, die man sich in Europa von diesem Land zu machen beliebt. Am Strand sahen wir Weihnachtsmänner, die surften oder in der Badehose tanzten. Überall gab es lustige Familienpicnics und es herrschte ausgelassene Stimmung. Abends gingen wir gut essen und setzten uns in eine Bar. Alle Menschen waren immer ausnehmend freundlich zu uns, ins Gespräch selbst kamen wir jedoch nie.

Zum einen lag es an der Sprache. Australisch ist das am schlechtesten verständliche Englisch der Welt, es wird in einem höllischen Tempo dahingeschnuddelt und prononciert wie ein hastig eingesaugter Pulpo. Wirt trauten unseren Ohren einfach nicht. In keinem Teil der Welt hatten wir je ein Englisch gehört, das sich dermaßen gegen das Verstehen wehrte und das so wenig Attraktion besaß, als dass man sich Mühe gab, um es zu erwerben. Es hatte allerdings etwas von sozialer Gerechtigkeit. Vom Tellerwäscher bis zum Volljuristen hörten sich alle gleich an, Bildung schien in Bezug auf die Sprachperformance keine Rolle zu spielen. Und wenn man in den Nachrichten den damaligen Präsidenten Howard sah und hörte, hatte man allemal den Eindruck, ein Kapitalverbrecher hätte sich als Staatsoberhaupt verkleidet. Er sprach nicht nur den Slang der Gosse, sondern er dachte auch so, was sich zum Beispiel darin zeigte, dass er asiatische Boatpeople, die in australischen Gewässern aufgetrieben wurden, dehydriert, unterernährt und leicht havariert abdrängen ließ, sodass sie de facto den Haien vorgeworfen wurden.

Zum anderen wurden wir das Gefühl auch nicht los, dass man gar kein Interesse an einer Konversation hatte. Hier, in dieser abgelegenen Welt, aus der die Jungen angeblich entfliehen wollten, fand sich niemand, dem es eine Anstrengung wert gewesen wäre, mit Menschen in Kontakt zu treten, die aus einer anderen Lebenswelt kamen. Wir hatten Urlaub und kamen aus einer der kommunikativsten Metropolen der Welt, wir lächelten milde und gingen unserer Wege.

Doch das schneeweiße Perth hatte in seinem Faible für gebügelte neue Dollars auch etwas frisches Blut in die intimen Gemächer gelassen. Das Blut war zwar frisch, aber es blieb doch ziemlich weiß. Zum einen war nach Ende des Apartheidregimes in Südafrika sehr viel weißes Kapital und auch einige seiner Eigentümer über den Indischen Ozean nach Perth gewandert, zum anderen hatten viele indonesische Chinesen nach den Ausschreitungen um den Sturz Soehartos ihr Vermögen via Singapur ins sichere benachbarte Australien transferiert. Üppige, exorbitant gestaltete und als Hochsicherheitstrakte verwaltete Villen entpuppten sich nicht selten als Residenzen einer dieser Migrantengruppen. Die Möglichkeit, australische Papiere zu bekommen, steht in direktem Zusammenhang mit der Geldsumme, die man mitbringt. Aber es gab auch andere Schicksale.

Das erfuhr ich bei meinen morgendlichen Ausflügen in die Parks. Da zur Jahreswende in Perth Hochsommer herrscht, zog es mich morgens sehr früh in die großen Parks der Stadt. Ich nahm dann immer mein Saxophon mit, um beim Anblick der aufgehenden Sonne und den Lichtspielen auf den Tauflächen zu spielen. Das war gut möglich, weil um diese Zeit außer den beheimateten Papageien kaum Zeitgenossen unterwegs waren. Die Kühle inspirierte und es machte einfach Spaß, je nach Laune ein wenig zu improvisieren. In einem Park im Stadtteil Subiaco tauchte eines Morgens plötzlich ein Vietnamese neben mir auf, der mir zunächst sehr aufmerksam zuhörte und dann sehr geschickt über das Gehörte meine Herkunft zu ermitteln suchte. Es entspann sich ein interessantes Gespräch und ich erfuhr, dass der Mann zu den Boatpeople gehört hatte, die aus Vietnam geflüchtet waren. Er hatte es mit seiner Familie tatsächlich bis nach Australien geschafft und lebte bereits seit achtzehn Jahren in Perth. Das interessierte mich sehr und ich fragte ihn, inwieweit er sich denn eingelebt habe. Er berichtete mir, dass er in den fast zwei Jahrzehnten nie Kontakt in die australische Gesellschaft gefunden habe. Seine Sozialkontakte waren die gleichen, wie am ersten Tag seiner Ankunft, alles beschränkte sich auf die eigene Familie und noch den einen oder anderen Menschen, den das gleiche Schicksal hier ans Ende der Welt verschlagen hatte.

Auf einer anderen morgendlichen Exkursion in einem Park bei Scarborough mit Blick auf das Meer sprach mich ein älterer Herr an, der seinen Hund ausführte. Er entpuppte sich als eingewanderter Ire, der seit vierzig Jahren in Australien war. Als Fernsehtechniker hatte er immer Jobs gehabt, nicht schlecht verdient und materiell eigentlich nie Sorgen, obwohl es andererseits auch nicht so viel war, als dass er hätte einen schwelgerischen Lebensstil an den Tag legen können. Als ich ihn fragte, ob er, wenn er noch einmal vor der Entscheidung stünde, das Gleiche täte, verneinte er. „Es war der größte Fehler meines Lebens.“ Und er nahm seinen Hund und zog weiter seine Runden.

Der Stadtteil Northbridge ist der, in welchem sich Kultur und Unterwelt ein bisschen näher kommen. Hier isst man sehr gut, vor allem Seafood und Asiatisch, wir bevorzugten zumeist ein wunderbares Restaurant mit dem treffenden Namen Fishy Affaires.

An einem Wochenende hatten wir schon morgens am Meer gesehen, dass ein amerikanischer Flugzeugträger angelegt hatte. Abends sahen wir dann in Northbridge einen Film, in dem Frank Sinatra hätte die Hauptrolle spielen können. Die amerikanischen Seeleute hatten Ausgang und erschienen Grüppchenweise in Northbridge, wo sie zunächst Essen gingen und dann auf Brautschau in die vielen Clubs, in denen Big Bands aufspielten. Fly me to the Moon, On the sunny Side of the Street, Basin Street Blues, Stormy Weather waren die Melodien, die aus den verschiedenen Etablissements mit fetten Bläsersätzen zu vernehmen waren. Je später die Stunde, desto mehr ganz in Weiß und schwarze Lackschuhe gekleidete Matrosen bevölkerten Clubs und Viertel, es mussten Tausende sein. Und je mehr der Abend fortschritt, desto betrunkener wurden viele.

Die gut erkennbaren höheren Ränge blieben genauso nüchtern wie die undercover arbeitenden Militärpolizisten, unter deren lässig weit getragenen Hawaiihemden die Peacemaker für alle gut sichtbar hervorlugten. Die ganze Gilde der anglo-sächsisch-weißen Prostitution hatte hervorragende Arbeit geleistet und kaum ein Held des Flugzeugträgers musste die Nacht allein verbringen, sofern er das nicht wollte. Ständig rollten amerikanische Limousinen aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren vor den Clubs vor und luden Tanzbekanntschaften ein, um sie möglichst schnell an einen Ort höherer Intensität zu verfrachten. So manch wackeren Seemann sahen wir an diesem Abend zweimal aus einem Club in ein solches Auto steigen, aber mit unterschiedlichen Frauen an der Hand. Andere wiederum lagen irgendwann auf den Grünflächen, vom Alkohol ausgeknockt, und wurden in einer konzertierten Aktion von australischen und amerikanischen Sicherheitskräften ganz unspektakulär entsorgt.

An Silvester gingen wir zunächst gut essen und schlenderten danach durch die Stadt. Auf den Straßen entwickelte sich ein gewisses kulturelles Leben, Straßentheater wie kleine Bands spielten auf und es herrschte eine entspannte und gelöste Stimmung. In den Bars hingegen betranken sich viele systematisch und nach Plan. Also blieben wir auf den Straßen und bewegten uns mit dem Gros der Menge auf einen Park zu, der leicht erhöht liegt, einen Blick auf die City erlaubt und in dem gegen Mitternacht eine Art Massenpicnic stattfand. Wir wollten die Skyline von Perth von hier aus mit dem Feuerwerk erleben. Kurz bevor wir in den Park einbogen, unter Tausenden von Menschen, hier am Ende des Westens, mussten wir ausgerechnet einem deutschen Ehepaar begegnen, das wir aus Jakarta kannten und dessen Temperament keines war. Meine Frau stöhnte nur auf, als der Blickkontakt nicht mehr zu vermeiden war. Als dann bei der Begrüßung uns die Dame auch noch als erstes fragte, ob wir wüssten, wie denn die preußischen Lutheraner nach Australien gekommen seien, blickten wir uns nur noch an und hatten Mitleid miteinander. Die Stimmungskanonen wichen nicht von unseren Fersen und während um Mitternacht der Nachthimmel der südlichen Hemisphäre Funken schlug und Purpur versprühte, fragte mich mein neben mir stehender Nachbar, ob ich wüsste, wer nun die Projektleitung bei der Dezentralisierung in den östlichen Provinzen hätte. Besser kann man natürlich nicht ins Neue Jahr kommen und meine Frau und ich lachten heftig, als wir die beiden abgeschüttelt hatten.

Wir sahen uns noch manches an und genossen die Zeit. Als es an die Abreise ging, wussten wir, dass wir mit Australien noch nicht fertig waren und es noch eine Chance verdient hatte. Andererseits muss ich zugeben, dass ich mich auch richtig wieder auf Jakarta freute. Als mich dort Interessierte fragten, wie es mir ergangen war, kam mir wie von selbst immer wieder eine Metapher in den Sinn. Ich dachte dann an den wirklich wunderschönen Stadtteil Subiaco, der so sehr an das England des 19. Jahrhunderts erinnerte, aber nie hielt, was die Architektur versprach. Australien so schien es mir, war ein von der Architektur gelungenes Opernhaus, in dem allerdings die Sänger fehlten.

Goldfischessen in Bitung

Es war ein letzter Höhepunkt einer langen, beschwerlichen Reise. In drei Wochen hatten wir mit dem Auto die Insel Sulawesi von der Hafenstadt Ujung Pandang, dem heutigen Makassar, bis nach Manado durchquert. Wir schrieben das Jahr 1998 und das ganze Land Indonesien war in großem Aufruhr. Im Mai war Präsident Suharto nach 32jähriger Herrschaft gestürzt worden und was als einziger großer Befreiungsschlag vernommen worden war, drohte in bestimmten Landesteilen zu kippen in Chaos und Zerstörung. Wir waren in offizieller Mission aus Jakarta, der Hauptstadt, angereist, waren ausgerüstet mit einem Surat Jalan, d.h. einer Bevollmächtigung der Regierung, Bürgermeister und Gouverneure zu besuchen und mit ihnen über Möglichkeiten zu sprechen, wie die neue Regierung das Land unterstützen könnte, um einen Prozess der Demokratisierung und Dezentralisierung in Gang zu setzen und zu begleiten.

Als wir nach drei Wochen die Hafenstadt Manado nach beschwerlicher Reise und insgesamt dreiundzwanzig offiziellen Treffen erreicht hatten, wollten wir uns einige Tage erholen. Doch unser Kommen war auch in der südlichsten Hafenstadt Bitung wahrgenommen worden und der dortige Bürgermeister hatte uns über den Gouverneur von Nord-Sulawesi gebeten, ihm einen Besuch abzustatten. Natürlich nahmen wir die Einladung an.

So fuhren wir noch einmal mit Hadschi, unserem verwegenen Fahrer, der seinen Namen trug, weil er stolz einen Besuch im heiligen Mekka nachweisen konnte und ansonsten auch ein Mensch war, der vieles erlebt hatte. Für die Republik Indonesien hatte er bis in die sechziger Jahre im damaligen Irian Jaya als Guerillero an einem langen, zermürbenden Buschkampf teilgenommen, aus dem die Republik als Sieger, viele ihrer Kämpfer jedoch als traumatisierte Opfer hervorgegangen waren.

Wie immer hatte Hadschi alles gerichtet und Asep, unser Dolmetscher und allgegenwärtiger Reisebegleiter alles bestens inszeniert. Die Reise war im Vergleich zu den hinter uns liegenden Wochen eine angenehme Tour ins Grüne. Nach einigen Stunden über befestigte Straßen waren wir schon in Bitung und fuhren vor dem Rathaus vor. Als wir, d.h. Gero von Harder und ich, in unseren dunkelblauen Anzügen ausstiegen, passierten wir gleich eine Traube von Seeleuten, die auf irgendeine Lizenz oder Erlaubnis warteten, die sie brauchten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Wir blickten in eine Gruppe rauer Gesellen, deren Gesichter von allerlei Abenteuern geprägt waren. Bitung war Indonesiens großer Hafen zum pazifischen Ozean und er diente sehr vielen Seeleuten als Ausgang zu einem regen Schmuggel mit den benachbarten Philippinnen. Die Seeleute begrüßten uns aber nicht unfreundlich und fragten uns sogleich, ob wir von der Bank Dunia, sprich Weltbank kämen und ob wir genügend Geld dabei hätten. Das war auf unserer Reise nicht das erste Mal, waren doch tatsächlich viele Emissäre der Weltbank im Land unterwegs, um gegen das Versprechen, eine bestimmte Politik zu befolgen, überall eine Menge Geld zu hinterlassen.

Als wir das verneinten und sagten, wir seien arme Teufel aus dem fernen Jerman, mussten sie lauthals lachen und klopften uns wohlwollend auf die Schultern. Ich muss gestehen, dass die Freundlichkeit, die diese wilde Horde an den Tag legte, wohl auch daran lag, dass meine Frau in unserer Begleitung war und ihre blonden Haare und ihr großer Wuchs überall in Indonesien für große Aufregung sorgte, gehört eine solche Erscheinung dort zu der Vorstellung aufregender Exotik.

Ähnlich erging es uns dann auch beim Eintritt in das beeindruckend große und luxuriös ausgestattete Büro des Bürgermeisters. Dieser hatte, wie wir erfuhren, in Europa und wohl auch in Deutschland studiert und er begrüßte meine Frau auch gleich mit einem donnernden „Ich liebe dich“, worauf er sich selbstzufrieden auf die Schenkel schlug und uns allen einen Platz anbot. Das Gespräch konnte nicht besser verlaufen. Der Bürgermeister war ein Vertreter der neuen Zeit in Indonesien. Wilde Geschichten über ihn hatten uns schon vorher erreicht und wir wussten, dass er dem alten Regime ein Dorn im Auge gewesen war, dieses ihn aber nie zu fassen bekommen hatte, weil er über eine sehr starke Position und ungeheure Verbindungen in die Pazifikregion verfügte und bei Bedarf auch in der Lage war, das Spiel der Macht mit allen Mitteln mitzuspielen. Ich dachte gleich an die Horde der wilden Gesellen unten im Rathaus und konnte mir gut vorstellen, welchen Part sie bei diesem Spiel gespielt hatten.

Schnell kamen wir überein, wie die Kooperationen mit der neuen Regierung aussehen konnten und wir vereinbarten einige Maßnahmen, um die ganze Sache noch zu beschleunigen. Wie es der Zufall wollte, war gerade eine große Versammlung im Haus, in der über die Umstrukturierungsprozesse der Zukunft beraten wurde und ehe wir uns versahen, saßen wir mit dem Bürgermeister in einem Saal vor mehr als zweihundert Vertretern der Verwaltung auf dem Podium und ich musste mit meinem noch sehr jungen Indonesisch eine kleine Rede halten, die mit regelrechtem Jubel aufgenommen wurde.

Danach verabschiedete sich der Bürgermeister von uns und wies uns eine Delegation zu, die sich um uns zu kümmern hatte, bis wir uns alle wieder zu einem kleinen Freundschaftsessen am frühen Nachmittag träfen, zu dem wir eingeladen wären. So fuhren wir in einem offiziellen Konvoi durch Bitung, besichtigten den Hafen, in dem wir wieder pittoreskes Volk und lausige Kähne bestaunen konnten, um danach noch in einen städtischen Zoo zu fahren, in dem es eine Menge Tiere zu besichtigen gab, die wir noch nie gesehen hatten. Neben allerlei Reptilien und fetten Schlangen waren dies vor allem Nachttiere, die es laut Auskunft des Zoodirektors nirgendwo sonst auf der Welt gab.

Nachdem wir uns alles angesehen hatten, was Bitung nach Meinung der Stadtoberen zu bieten hatte, verließen wir die Stadtgrenze und fuhren durch Reisfelder zu einem Restaurant. Es war wie immer heiß und sehr schwül und als wir an unserem Ziel ankamen und aus den klimatisierten Autos ausstiegen, hatten wir ein Gefühl, als schlüge uns jemand ein nasses, heißes Handtuch ins Gesicht.

Das Restaurant war offen unter einem Pendopo, d.i. ein traditionelles Zeltdach und man erreichte es über einen Steg, weil es auf einem Fischteich lag. Kein Wunder, es handelte sich um ein Fischrestaurant und der Name Ikan Mas verriet auch, dass es sich um Goldfische handelte, die hier serviert wurden und in großen Schwärmen in dem Teich zuhause waren. Goldfische gelten in Indonesien als besondere Delikatesse, sind auch, wie wir später feststellten, sehr schmackhaft, nur wesentlich größer als in deutschen Aquarien.

Unter dem Pendopo war ein großes Tischarrangement aufgebaut und es hatten sich bereits zahlreiche Gäste eingefunden. Wir bekamen unsere Plätze am Kopfende zugewiesen und wurden allen Gästen nacheinander vorgestellt. Es handelte sich um die Nomenklatura von Bitung und während wir einen Eindruck von der Bedeutung der hier versammelten Menschen bekamen, trafen immer noch neue Autos ein, bis zum Schluss der Bürgermeister mit seiner Frau erschien.

Sogleich wurden Tee und Fruchtsäfte sowie Krupuk, das sind indonesische Fischcracker, serviert. Der Bürgermeister war in bester Gastgeberlaune, die Versammelten waren insgesamt in guter Stimmung und wir fühlten uns wohl. Bevor das Essen aufgetragen wurde, gab der Bürgermeister den Kellnern ein Zeichen und er stand auf, blickte bedeutungsvoll in die Runde und begann eine Rede:

„Meine Damen und Herren Anwesende, liebe Gäste aus dem fernen Deutschland,
ich freue mich sehr und bin sehr geehrt, Sie alle hier zu einem bescheidenen Mahl bewirten zu dürfen und ich bin glücklich darüber, dass unsere Freunde aus dem uns traditionell gut gesinnten Deutschland den weiten Weg nach Bitung zurückgelegt haben, um mit uns über weitere Formen der Kooperation zu beraten. Schon heute blicken wir auf Jahre außerordentlicher gemeinsamer Arbeit zurück und ich bin mir sicher, dass unsere gemeinsame Zukunft weiterhin von großen Erfolgen gesäumt werden wird.

Momentan befindet sich unser Land an einem entscheidenden Wendepunkt. Jenes große, weitläufige, ethnisch und kulturell so vielfältiges Gebilde, dass sich Indonesien nennt und vor etwas mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gemeinsam hatte als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, hat bereits einen langen Weg hinter sich. Wir haben uns erhoben gegen die niederländische Vorherrschaft und durch das Zusammenwirken unserer verschiedenen Völker von Nordsumatra bis Irian Jaya trugen den Sieg davon. Die Republik Indonesien entstand unter großen Geburtswehen, aber wir haben in den wenigen Jahrzehnten viel erreicht. Wir haben eine Nationalsprache, die jeder Mensch beherrscht, wir haben ein allgemeines Schulwesen, wir haben eine Verfassung, die die Vielfalt der Nation garantiert und die die Einheit dennoch gewährleistet.

Dennoch erfuhr unsere junge Geschichte herbe Rückschläge und wir machten bittere Erfahrungen. Nachdem die Regierung unseres Staatsgründers Soekarno an der Zerreißprobe der weltpolitischen Interessen gescheitert war, putschten Generäle mit Unterstützung der USA und Indonesien erlebte nach der Machtübernahme durch den vor wenigen Wochen gestürzten Präsidenten Suharto das schlimmste, was eine Nation erleiden kann!

Bis in jede einzelne Familie herrschte Uneinigkeit und über zwei Millionen Menschen wurden das Opfer von Betrug und Verrat. Seit diesen Ereignissen, die nun über dreißig Jahre zurückliegen, haben wir zwar eine Periode relativer Ruhe erlebt, aber das Trauma ist noch allgegenwärtig und das Land degenerierte Schritt für Schritt hin zu einem korrupten Staat, der nicht mehr das Wohl der Menschen im Blick hat.

Diese Menschen haben sich nun gewehrt. Sie haben den grausamen alten Mann in seine Privatgemächer getrieben und wollen ihr geliebtes Vaterland wieder nach vorne bringen. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und ich habe immer wieder mit Freude bei meiner Rückkehr nach Indonesien festgestellt, wie patriotisch die Menschen hier sind. Sie lieben ihr Indonesien wie nichts auf der Welt und sie geben ohne zu zögern ihr letztes Hemd, um ihrem Land zu dienen.

Das ist eine große Verpflichtung für uns alle, die Gott der Allmächtige mit dem Privileg von Macht und Einfluss ausgestattet hat. Jetzt, liebe Gäste, jetzt ist die Stunde, wo wir beweisen müssen, ob wir es wert sind, in unserem Land eine Rolle zu spielen. Wenn wir jetzt nicht handeln und unseren Landsleuten bei dem Neuaufbau den Rücken stärken, dann haben wir kläglich versagt.

Wir haben hier in Bitung viele Pläne, die sich nur dann werden erfüllen können, wenn unser Land mit der Demokratisierung voran schreitet und wir werden alles tun, damit unsere Pläne umgesetzt werden können. Es ist schön und wichtig, Freunde in der Welt zu haben, denen unser Schicksal nicht gleichgültig ist. Es ist uns eine große Ehre, Sie hier heute zu einem bescheidenen Mahl einladen zu können und wir hoffen auf viele Jahre gemeinsamen Weges. Meine Damen und Herren, heute gibt es Goldfisch, der nicht nur Reichtum, sondern auch Glück symbolisiert. Greifen Sie zu und verschmähen Sie nicht das Glück!“

Die ganze Gesellschaft applaudierte ausgelassen, auch wenn einige mit maskenhaften Gesichtern. Es waren wohl diejenigen, denen das, was der Bürgermeister gesprochen hatte, gar nicht schmeckte. Der kluge Mann hatte unseren Besuch dazu genutzt, die Elite seiner Stadt auf den neuen Kurs einzuschwören und eine solche Konstellation, wie sie nun hier auf dem Goldfischteich anzutreffen war, duldete keinen Widerspruch.

Gero von Harder sah mich auffordernd an und ich wusste, was zu tun war. Also stand ich auf und begann meine kurze Replik:

„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr verehrte hohe Gesellschaft von Bitung,
im Namen unserer Delegation möchte ich mich für die herzliche und warme Aufnahme im schönen Bitung bedanken. Wir sind überwältigt von der Gastfreundschaft, wie man sie wohl auch nur in Indonesien antreffen kann. Wir sind gekommen, um zu fragen, wie wir Sie bei Ihren gewaltigen und anspruchsvollen Vorhaben mit unseren bescheidenen Mitteln unterstützen können. Und wie immer, wenn wir mit diesem Ansinnen in Ihrem Land erscheinen, kommen wir nicht ganz ohne Hintergedanken.

Wir sind aus dem kalten Norden dieser Welt, in der man zählt, kalkuliert, misst und dosiert. Hier, in Ihrem Land, hier sind jedoch die Großmeister der Kommunikation und der Verhandlungsführung und die Sultane der sozialen Kompetenz. Wir sind also auch gekommen, um von Ihnen zu lernen. Bei allen Erfahrungen, die wir bis heute machen durften, haben wir sehen können, wie wunderbar die Symbiose unserer Kooperation sein kann.

Wir wünschen Ihnen, Herr Bürgermeister, dass Sie Ihren Mut, Ihre Energie und Ihre Entschlossenheit noch lange behalten und dass Sie mit Ihrer weit über die Grenzen Bitungs gerühmten Weisheit noch sehr zum Wohle Ihrer Stadt wirken können. Allen Anwesenden sprechen wir unseren Dank aus, uns in dieser Freundschaft aufgenommen zu haben und ich versichere Ihnen, wir werden das Glück, das auf den Tellern auf uns wartet mit großem Appetit verspeisen!“

Ausgelassener Beifall und Gelächter signalisierten mir, die richtigen Worte gefunden zu haben. In diesem Moment wurde dann auch schon aufgetragen und wunderbar drapierte Goldfische, die bereits filetiert und wie Blumengestecke auf dem Teller hochgebunden waren, standen vor uns. Dazu gab es natürlich Reis und eine süße Sojasauce, die kräftig mit Chili angereichert worden war. Ich genoss den Goldfisch in vollen Zügen, meine Frau simulierte vornehm und Gero pickte nur etwas auf dem Teller herum. Die indonesischen Gastgeber ließen nichts aus und es wurde regelrecht in dem fischigen Glück geschwelgt.

Durch meinen mir eigenen Appetit und die Tatsache, dass es mir wirklich ausgezeichnet schmeckte, war ich bald everybodies Darling und die Ehefrau eines Bitungprominenten, die mit einer atemberaubenden Eleganz ihren Goldfisch zum Mund manövrierte, flüsterte mir zu, ich brächte nicht nur das Glück nach Bitung, ich sei das Glück.

Als die Goldfische verspeist waren, kamen die Kellner und warfen die Essensreste einfach über das Geländer zurück in den Goldfischteich, was dort zu wüsten Kämpfen um die Gebeine ihrer ehemaligen Kameraden führte und meine deutschen Begleiter dann doch etwas erbleichen ließ. Wie üblich in Indonesien löste sich die Gesellschaft nach dem Essen in aller Eile auf und kurz darauf saßen wir wieder im Auto und fuhren zurück nach Manado. Als wir dort in schwarzer Nacht ankamen, dachte ich immer noch an den Bürgermeister und nahm mir vor, Bitung im Auge zu behalten. Ich war mir sicher, von dort noch vieles hören zu können, was von Belang war.