Archiv für den Monat Oktober 2008

New York City IV – The Bitter End

Es gibt Orte, die bei der ersten Wahrnehmung nicht viel hermachen, von denen man glaubt, sie seien uninteressant und eher zufällig und ihre Wirkung auf das Umfeld von keiner Bedeutung. Lässt man sie nicht einfach aus dem Blickfeld wieder entweichen, sondern ehrt sie durch einen intensiveren Blick, obwohl sie es eigentlich nicht verdient haben, dann entwickeln manche Orte dieser Art eine Magie, die bis ins Herz dringt. Man geht näher heran, man tritt in ihn herein, und immer noch passieren Dinge, die weder schön noch geheuer sind, und dennoch fühlt man sich wie von einer unsichtbaren Hand angezogen und nicht mehr losgelassen. Und je mehr man sich dem Abenteuer hingibt, desto mehr ist man ihm verfallen und irgendwann übt dieser Ort eine Faszination aus, die vieles überstrahlt.

Mir ging es mit dem Club The Bitter End im Village, genauer gesagt in der Bleeker Street so. Stand man dem Club gegenüber auf der Straße, so glaubte man den Namen sofort, denn von außen wirkte er wie die allerletzte Adresse. Tatsächlich lag das Bitter End am Ende einer Straße mit vielen Clubs und tatsächlich war er der letzte Ort, der sich an eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit wandte. Danach kamen nur noch dunkle Wohnblocks, zerschlagene Straßenlaternen und irgendwann hörte man dann nur noch den schwarzsilbernen East River rauschen. Das Reklameschild, auf dem der Name in grünen Neonlettern flackerte, hing schief, die Fenster zum Souterrain, in dem sich der Club befand, waren eisenvergittert und die ankommenden Gäste wurden von Gestalten gemustert, die andernorts nur den Wunsch nach der sofortigen Präsenz des FBI ausgelöst hätten.

In den achtziger Jahren, vor allen den späten, begab sich New York in eine neue Ära. Das ganze Revoltenpublikum der siebziger Jahre sowie die alte, tradierte Unterwelt bekamen das sehr deutliche Gefühl, dass sie nicht mehr so willkommen waren. Ein Bürgermeister wie Ed Koch wollte die Kriminalität in der Stadt bekämpfen und ging dabei ganzheitlich vor, d.h. er versuchte die Sümpfe trocken zu legen, aus denen Gewaltkriminalität und Drogenkonsum gekrochen kamen. So wurde der Tod der 42. Straße, dem Rotlichtzentrum Manhattans ebenso eingeläutet wie die schleichende Sanierung von Greenwich Village, um Wohnraum für die coffeinfreien Yuppies zu schaffen und die vielen kleinen Junkies los zu werden. Einher mit den administrativen Maßnahmen ging ein Machtwechsel in der Unterwelt, die italienische Mafia wurde immer mehr verdrängt von chinesischen Gangs und es gab nicht wenige saturierte New Yorker, die sich nach den guten, alten Zeiten der Mafia zurücksehnten, weil die Brutalität und Rigorosität der chinesischen Gangs alles sprengte, was man sich bis dahin hatte vorstellen können.

Die ganze Stadt diskutierte zu dieser Zeit heftig über die Zukunft. Die einen wollten mehr Sicherheit und gerne dafür den Preis strikterer Kontrolle und weniger Farbe bezahlen, die anderen wollten den Melting Pot am leben halten, plädierten für noch mehr Liberalität und waren bereit, darüber die Sorgen vieler New Yorker Bürger zu ignorieren.

Die Frage nach der Zukunft des Big Apple war Tagesthema und es verging auch kein Tag, an dem man nicht irgendwo, bei welcher Gelegenheit auch immer, in ein Gespräch verwickelt worden war, in dem sie eine Rolle gespielt hätte. Jede Aktion der Stadtverwaltung wurde kritisch beäugt, es knisterte gewaltig an der Oberfläche und die Zeichen standen auf Sturm.

Die Mechanismen, die wirken, wenn etwas in Gährung ist, wirken vielfältig, sie reichen bis in die Profanität des Alltags und bringen zuweilen Wunderliches zutage, aber es gibt auch zuverlässige Konstanten. Eine der zuverlässigsten Größen New Yorks war immer die Musik das wurde auch in dieser Zeit deutlich. Überall drang sie aus den Häusern und von den Straßen, und es gab auch in ihrer Sphäre kaum eine Zeit, in der nicht soviel zu Ende ging, soviel Neues entstand und so eigenartige Verbindungen auftraten. Die New Yorker Musikszene brodelte gewaltig, auch wenn das aus der Ferne gar nicht so aussah.

Im schwarzen Harlem etablierten sich die Hip Hop und Rap-Klänge, der Groove blieb, aber die Poesie der Straßenrebellen nahm Einzug in den neuen Sound und löste die tradierten Textchiffren ab, die kaum noch etwas aussagten. Die neue Musik Harlems war Ausdruck dafür, dass man sich zu Wort meldete, und zwar sehr deutlich, ohne ästhetische Camouflage. Spanish Harlem kam zu einem völlig neuen Bewusstsein. Die Latinorhythmen donnerten Tag und Nacht über den Harlem River, die Zeiten des romantisierenden Musicals, in dem die Integration in der Neuen Welt gefeiert wurden, war längst passé, Rumba und Meringue waren out und Salsa wie Samba wurden so stark, dass sie im Pop, Blues und Rock ihren Einfluss sichern konnten. Im Jazz der Stadt, der durch den Bebop Weltgeschichte geschrieben hatte, kamen Akteure einer neuen Generation zum Zug, die auf den etablierten Purismus pfiffen und ihrerseits dem Genre mit dem Funk einen neuen Pulsschlag verliehen.

Auf den Straßen wurde musiziert und getanzt, und zwar flächendeckend. Die Latinos von Queens bis nach Spanish Harlem und die Bronx, die Schwarzen von Harlem bis in die Bronx und ins Village, die Jazzer über ganz Manhattan und Brooklyn. Am Times Square und am Washington Square trafen sie sich alle, da kamen dann noch die Iren, Italiener und Mexikaner dazu und man hatte dort jeden Abend den Eindruck, direkt am Nabel der Musikwelt zu verweilen.

Greenwich Village war nicht die Wiege des Neuen, aber das Bollwerk gegen die Nivellierung. Es war das Forum für alles, was entstand und dort wurde zu einem Gutteil entschieden, was sich durchsetzen würde und was nicht. Die Clubszene war eher handgemacht, kaum etwas extravagantes, sondern die schon fast inszenierte Normalität zeugte von einem immensen Selbstbewusstsein. Manche Clubs lebten vom Namen aus den Zeiten eines Jimi Hendrix und Bob Dylon, was eine Art Clubtourismus zur Folge hatte und jene Clubs eher davon abhielt, innovative Wege einzuschlagen. Interessanter waren da dann die kleinen, unscheinbaren Spots, wo man für fünf Dollar hereinkam und Bands spielten, die neu in der Stadt ankamen und deren Marktwert noch nicht beziffert war.

Das Bitter End war ein solcher Club. Irgendwann hatte ich mich dorthin verirrt und ich war ihm sofort verfallen. Im Grunde handelte es sich um ein Kellerloch, das sehr an einen Jugendclub der siebziger Jahre auch in der deutschen Provinz erinnerte. Überall brannten Kerzen, nette, hübsche, aber völlig unprofessionelle Bedienungen brachten einem das Flaschenbier und auf der Bühne erschienen blutjunge Musiker, die zunächst mal erzählten, woher sie kamen und wie der Weg nach New York verlaufen war.

So verlief und verläuft bis heute die Qualitätsprüfung in den USA. Kommt eine Band aus Kansas City oder St. Louis, dann muss sie eine Referenz von mindestens zwanzig Städten in mindestens zehn Staaten aufweisen, wo sie bereits gespielt hat und für gut befunden wurde, bevor sie auch nur in dem letzten Bums in New York City die Erlaubnis bekommt, sich in die Nähe der hauseigenen Bühne zu begeben. Als eigentliche Referenzen galten aber nur New Orleans, Memphis und Chicago, der Rest wurde nicht so ernst genommen und eine zu starke Präsenz an der Westküste war schon fast ein Malus.

Dann saß man im Bitter End, das eigentlich für viele der Anfang sein sollte, nippte an seinem Budweiser, taxierte die Gestalten im Publikum und dann erschien ein Junge auf der Bühne und erzählte vom Chitlin Circus, den sie gerade hinter sich hätten, eine legendäre Bandroute durch die Südstaaten, aber eigentlich kämen sie oben von den Lakes, aber jetzt endlich wären sie hier, und das zähle. Und dann brach ein Orkan los, ein gewaltiger Rock blies fast die Kerzen aus und dazu knarzten trockene, unbarmherzige Gitarrenriffe, die wie die Gesichtslinien der Rebellion in persona wirkten. Und der Junge sang mit ehrlicher Empörung gegen den ganzen Mainstream und die Langeweile an, schlitzte die Bäuche der Satten auf und warf sie den Fischen zum Fraß ins Meer vor.

Oder eine kleine Latina erschien auf der Bühne, sichtlich nervös, und bat immer wieder Madre Mia um Beistand, das mache ihr hier alles zuschaffen, denn davon hinge doch soviel ab, und dann riss sie einem mit ihrer Stimme das Herz entzwei, weil sie einfach den Nerv traf, genau da, wo die Liebe die Arterie der Romantik berührt und man froh war, dass nur die Kerzen brannten. Begleitet wurde sie von einem unrasierten, tätowierten Bullen am Klavier, und der heulte beim Spielen und man sah ihm an, dass er die Kleine bereits vergötterte.

Zu einer anderen Gelegenheit wiederum traten ein paar Jungs aus Harlem auf und verrapten Muddy Waters, dass man Herzrasen bekam und an die Unsterblichkeit des Blues glaubte, obwohl das alles ganz anders klang. Die Jungs wirkten so selbstsicher, als predigten sie das Wort des Herrn und sie traten so auf, weil es für sie das weiße Village war, dem sie zeigen wollten, wo die Seele in New York eigentlich zuhause war. Sie spielten hier für die schönen Blonden aus der Welt des WASPs, und sie spielten mit dem unauslöschlichen Instinkt der Machos, weil sie den doch etwas verstört dreinblickenden jungen Frauen sehr deutlich herüberbrachten, dass sie sie meucheln würden, wenn sie sie nicht liebten. Und wie sie sie liebten, denn es wurde eine jener Nächte, die man nie mehr im Leben vergisst.

Das Bitter End war nicht der einzige Club dieser Art, aber es war sicherlich der markanteste. Kein Abend konnte voraus geplant werden, jeder Abend verlief anders, mal war es heiß, mal eiskalt, mal anstößig, mal melancholisch, mal obszön und mal exotisch, nur langweilig, langweilig wurde es im Bitter End nie. Und nach ein paar Besuchen war auch klar, dass es ein Leben in Manhattan ohne Bitter End gar nicht geben konnte. Und diese Wahrheit hatte aufgrund des Namens sogar eine poetische Dimension.

Noch nach mehr als zwei Jahrzehnten sind die Erinnerungen an New York an diesen kleinen, von außen eher unscheinbaren Club in starkem Masse gebunden. Es liegt schlicht daran, dass der Geist der damaligen Zeit, das Lebensgefühl und die Bewegungsrichtung einer ganzen Gesellschaft dort auf den Bühnenbrettern zum Ausdruck kam. Im Bitter End wusste man, was sich durchsetzen würde und im Bitter End wusste man ebenso genau, was zu Ende ging und keine Zukunft mehr hatte. Und manche Frau gab ihrem Freund den Laufpass mit den Worten, beim nächsten Mal würde sie nie wieder auf etwas setzen, was im Bitter End begonnen habe. Und am nächsten Abend schon brach sie ihren Schwur, weil sie von der Atmosphäre und den Menschen dort nicht loskam.

Der einzige Trost, der bleibt, wenn man gehen muss aus einer Stadt, in der man einen derartigen Club entdeckt hat, ist dass man die Gewissheit haben kann, woanders wieder etwas zu finden, wo man sein Dasein und das Leben an sich erneut zelebrieren kann. Die große Kunst großer Clubs besteht darin, den Hauch der Geschichte auf ein paar Quadratmetern einzufangen, ihn das kleine Publikum spüren zu lassen und es damit zu inspirieren. Dafür gibt es keine Gebrauchsanweisungen, das ist eine Dimension, die eher an hohe Kunst oder Magie erinnert. Dazu gehört viel Wissen um Gastronomie, um Personal, um Arrangement, um Psychologie, um Politik und natürlich auch Musik. Und dazu gehört eine Besessenheit, die sich nicht in wirtschaftlichen Dimensionen abgleichen lässt.

Die großen Helden dieser Clubs sind ihre Besitzer, die etwas Großartiges schaffen, ohne je dafür bezahlt zu werden, die wie die Maniaks an ihrer Clubidee arbeiten, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, die weltweit den ignoranten Ordnungsbehörden trotzen, die Musiker aus den Knästen oder Ausnüchterungszellen holen, die morgens um drei Instrumentenbauer aus den Betten klingeln, verletzte Gäste zu eben solcher Stunde noch mit dem eigenen alten Auto in die Notaufnahme fahren oder der Kellnerin, die beklaut worden war, ihr letztes Geld pumpen, damit sie aufhört zu weinen.

Wenn dann so ein Augenblick ist und eine Band den Blick in das Kosmische gewährt, dann sieht man sie, wie sie hinter der Bar stehen, mit leuchtenden Augen, voller Freude und Dankbarkeit, dass sie so etwas mit schaffen durften. Die Clubbesitzer, die so etwas kreieren wie das Bitter End sind große Magier und ohne sie wäre die Welt bedeutend ärmer!

Meinen letzten Abend im New York jener Zeit verbrachte ich im Bitter End. Ich war furchtbar traurig, einige wussten, dass ich nicht mehr kommen würde. Die Mädels spendierten mir viel Budweiser, der Barbesitzer dankte mir, dass ich durch meine Anwesenheit zum Erfolg so mancher Veranstaltung beigetragen hätte. Das war alles sehr nett, aber es half mir wenig. Ich hing da wie ein Schluck Wasser und hatte einen Kloß im Hals. Irgendwann ging eine Kellnerin zur Bühne und redete mit der Band, die Electric Blues spielte, und wies dabei immer wieder auf mich. Und schon sprach der Gitarrist und Sänger ins Mikrophon, dass der nächste Song für einen Freund sei, der für einige Zeit verreise. Und dann legten sie los und spielten Be careful with a fool! Mir ging es schlagartig besser, das war New York wie es leibte und lebte und das war das Bitter End, dass ich nie vergessen werde.

New York City III – Unterwegs mit Mary Rosenberg

Was machen Immigranten, wenn sie in dem Land ihrer Bestimmung, ob freiwillig oder unfreiwillig, angekommen sind? Sie suchen sich eine Bleibe, eine Arbeit, versuchen sich zu orientieren und dann legen sie los. Sind einmal die Grundbedürfnisse gestillt und der Erwerb gesichert, dann wägen sie ab. Sie vergleichen das Neue mit dem Alten und Gewohnten aus der Heimat und ziehen die erste Bilanz. Was ist in der neuen Welt besser, was schlechter, worauf freut man sich und was wird wohl immer schwer fallen? Irgendwann beginnt man sich zu arrangieren und versucht, die angenehmen Seiten des neuen Lebens mit den lieb gewonnenen Gewohnheiten des alten zu kombinieren, der Mensch ist und bleibt ein unverbesserlicher Lüstling. Bei den Legionen von Immigranten, die es nach New York verschlug, kann man diesen Prozess sehr gut beobachten und gewinnt dabei Einsichten in das Psychogramm ganzer Völker. Die Italiener etablierten ihre Küche und ihre Familien, die Iren ihre Pubs und ihr Liedgut, die Polen ihre Wurst und ihren Schnaps, die Russen ihre Literatur, die Juden ihre Tradition und die Schwarzen ihre Musik. Die Angelsachsen haben das Sterile mit in die Neue Welt gebracht, was nur durch die heißen Rhythmen der Latinos kompensiert werden konnte. Die Deutschen, die bis 1933 nach New York kamen, hatten es mit ihrem Handwerk und ihrer Küche und den damit verbundenen Zünften und sie gründeten Vereine.

Bei den Deutschen, die im Zusammenhang mit dem Faschismus ihr Land verließen und die es dann nach New York verschlug, war das etwas anders. Erstens kamen sie nicht freiwillig, sondern sie waren auf der Flucht. Zweitens waren es keine Handwerker, sondern entweder Juden oder Intellektuelle oder beides. Und daher stand ihnen auch nicht gleich der Sinn nach Schweinsbraten mit Knödeln, sondern nach guter Literatur.

Mary Rosenberg war Jüdin und Intellektuelle zugleich. Als sie in den dreißiger Jahren ihr Schiff an den Hudsondocks verließ, wurde ihr sehr schnell klar, dass es hier Menschen gab, die am verhungern und in bedrohlichem Zustand waren, sie brauchten nämlich geistige Nahrung. Agil und intelligent wie sie war, kaufte sie gelesene Bücher deutscher Sprache auf und veräußerte sie auf Treffen der deutschen Emigration. Später mietete sie bescheidene Räume und ließ auch das eine oder andere drucken. Nach dem Krieg importierte sie sogar. Während des Krieges sah sie, wenn sie nach dem Ertönen der Ladentür aufblickte, Kunden wie Berthold Brecht, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf, Stefan Zweig, George Gross, Will Schaber, Karl Otto Paetel, Franz Jung und wie sie alle hießen, nur Thomas Mann, der kam nicht zu ihr in den Laden. Sie suchten nach Büchern, tauschten Neuigkeiten aus, tranken starken Kaffee, den Mary pausenlos kochte, sprachen über Schicksale und Jobs, Hitler und bezahlbare Wohnungen, den Kuchen vom Bäcker Tannenbaum und den letzten Ausflug nach New Jersey, die neueste Konzert in der Met oder Inszenierungen auf dem Broadway, skurrile Filme aus Hollywood oder die Umtriebe des Herrn McCarthy, das dazu passende Stück von Henry Miller oder den neuen Roman von Franz Werfel oder die Aktivitäten von den Frankfurtern, d.h. Horkheimer

und Adorno, die hier in Amerika Theorien formulierten, die so befremdlich waren. Sie tranken Kaffee, rauchten wie die Schlote und zum Schluss verließen sie Marys Laden mit einem abgegriffenen Faust, einer zerfledderten Dreigroschenoper, einem angekokelten Marx oder einem welligen Schiller unterm Arm. Mary Rosenberg organisierte Bücher, baute eine Werbung auf, kochte Kaffee und inszenierte Lesungen. Sie hielt das Exil literarisch in Schwung, gewährte Kredit, den sie selbst nicht bekam.

Als ich Mary Rosenberg zum ersten Mal besuchte, residierte sie mit ihrem Buchladen im siebten Stock in einem Hochhaus am Columbus Circle, unweit des Central Parks. Der Laden war klein, aber nicht so winzig wie Mary, die mich durch eine dicke Brille mit einem lebendigen Blick ansah und forsch fragte, was ich wolle.

Mich umsehen und mit ihnen sprechen!
Na dann mal los, junger Mann.

Zunächst sah ich mich in dem Buchladen um und war eher enttäuscht. Er hätte in dieser Form in jeder mittleren Stadt der Bundesrepublik gefunden werden können, dasselbe Sortiment und dieselbe Anordnung. Die großen Zeiten des Exils waren vorbei, die Kundschaft bestand nicht mehr aus Literaturproduzenten erster Ordnung, sondern aus wenigen überlebenden Deutschen und amerikanischen Bildungsbürgern, die lesen wollten, was man drüben, über dem großen Teich auch las. Als ich damit begann, Mary Löcher in den Bauch zu fragen über das Exil und die Exilanten, reagierte sie doch etwas unwirsch, ja, ja, natürlich waren sie alle in meinem Laden, der früher drüben am East River war, aber das ist lange her, Gott sei Dank! Von denen hätte sie doch nicht leben können und es wären immer so schreckliche Geschichten gewesen, die da erzählt worden seien, von Deportationen, Selbstmorden und Finanzpleiten. Sie sei froh, dass das alles vorbei sei.

Mary Rosenberg wollte lieber über das Heute lesen, über die Erschließung neuer Kundengruppen und die Etablierung einer neuen Leserschaft in New York, über entsprechendes Marketing und Auftreten. Ich entzog mich der Diskussion nicht und es dauerte nicht lange, bis ich ein Gespräch mit einer New Yorker Buchhändlerin führte, die im Hier und Jetzt lebte und für die Zukunft plante. Wissen Sie was, so unterbrach sie unser Gespräch irgendwann, am besten Sie kommen morgen Abend um Sieben hier vorbei, dann gehen wir in aller Ruhe etwas essen und unterhalten uns dann.

Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt vor dem Haus am Columbus Circle stand, kam mir Mary schon entgegen, eleganter gekleidet als am Vortag, ihre glitzernde Brille an einer Goldkette um den Hals gehängt, parfümiert und bester Dinge. Nach einem lauten Hallo bedeutete sie mir, der Wagen müsse gleich kommen, sie habe den Boy schon mal in die Tiefgarage geschickt, damit er vorfahre. Ich müsse wissen, sie sei noch gut unterwegs mit dem Auto, nur das Ein- und Ausparken sei ihr ein Gräuel.

Und schon fuhr der Boy vor, der sich als ein ausgewachsener Afroamerikaner mittleren Alters herausstellte und Mary den Schlüssel des wartenden Autos übergab. Da rief Mary mir auch schon ganz aufgeregt zu, jetzt ginge es los, ich solle schnell einsteigen, während der Boy ihr hinter das Steuer half. Und ehe ich mich versah stotterte ich zusammen mit der alten Dame in ihrem fetten Buick durch die Schluchten von Manhattan, mal kurz vorm Abwürgen, mal Bock springend. Während dessen konversierte Mary in aller Ruhe, als handele es sich bei dieser Achterbahnfahrt um dass selbstverständlichste Ereignis dieser Welt.

Nachdem wir dreimal den Columbus Circle umkreist hatten, fand Mary endlich die Passage nach Osten und es dauerte nicht lange, bis wir in Yorkville waren, auch German Town und während des Krieges von vielen New Yorkern scherzhaft das Vierte Reich genannt, weil man dachte, die dort lebenden Exilanten würden aufgrund ihrer Opposition und Prominenz nach dem Krieg die neue deutsche Regierung stellen. In einer Seitenstraße hielt Mary plötzlich an und sagte mir, jetzt sei ich an der Reihe, es gelte einzuparken. Unter wildem Gehupe der anderen Verkehrsteilnehmer wechselten wir die Seiten und nach einigen Gewöhnungsversuchen gelang es mir, das schaukelnde Monster direkt vor einem Restaurant mit dem Namen Kleine Konditorei einzuparken.

Es handelte sich tatsächlich um eine Restaurant und keine Konditorei, denn wir wurden in einem Raum geleitet, in dem es sehr gut nach Deutscher Küche roch. Mary hatte einen Tisch bestellt, an den uns eine schwarz gekleidete Bedienung geleitete. Mein Einfluss auf die Bestellung war gering, oder genauer gesagt, ich hatte keinen. Mary Rosenberg agierte wie ein Feldwebel, orderte eine Flasche Rotwein, Kasseler Braten, Sauerkraut und Püree und sie dokumentierte schon allein damit, wie amerikanisch sie auf der einen Seite geworden und wie deutsch sie auf der anderen Seite geblieben war.

Nachdem serviert wurde, forderte mich Mary auf, kräftig zuzulangen, sie selbst pickte eher lustlos in der Speise herum und nippte nur ab und zu an ihrem Wasserglas. Mir hingegen ließ sie permanent Fleisch auflegen und goss mir pausenlos Wein nach. Während dadurch meine Konzentration auf immer stärkere Proben gestellt wurde, begann Mary Rosenberg mir ihre Geschichte zu erzählen.

Sie stammte aus dem Fränkischen und kannte aus ihrer Zeit dort sogar noch Henry Kissinger, als er ein kleiner Junge war. Ihr Mann war Wissenschaftler, den die Nazis wegen seines Judentums verfolgt, festgenommen, deportiert und umgebracht hatten. Ihr Mann war so weitsichtig gewesen, seine junge Frau vor den Schergen der Faschisten in Sicherheit zu bringen und so gelangte die Witwe über Marseille und Lissabon auf dem Seeweg Anfang der dreißiger Jahre nach New York City. Sie hatte entfernte Verwandte dort, bei denen sie zunächst Unterschlupf fand, aber nicht lange blieb. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen und schnell unabhängig werden. Mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten fand sie schnell Jobs, zumeist in Büros, wo ihr die Schreibmaschinen und Stenokenntnisse halfen. Ihr Englisch war schon nicht

schlecht, als sie hier ankam, schnell wurde es regelrecht elaboriert. Sie machte viele Versuche, in die New Yorker Gesellschaft einzudringen, aber das Exil holte sie immer wieder ein. Sie arbeitete in Hilfsorganisationen, half Neuankömmlingen bei der Wohnungssuche, vermittelte Jobs, gab Rat, übersetzte, korrespondierte, suchte Angehörige und Bekannte und pflegte Kontakte zu vielen Organisationen. Früh fiel ihr auf, dass die Deutschen in der Neuen Welt, die vor den Barbaren hatten fliehen müssen, nach Büchern hungerten.

Da Mary eine Frau der Tat war, überlegte sie nicht lange und begann, einen Buchhandel aufzuziehen. Sie kaufte gebrauchte Bücher auf, ergatterte hier und da ein neues, warb um Unterstützer und es dauerte nicht lange und sie hatte ein erstes Sortiment, mit dem sie auf bestimmten Veranstaltungen der Emigration erschien, sie legte Werbezettel beim New Yorker Aufbau, bei den Hungerküchen und den Wohnungsmaklern aus. Sie machte Hausbesuche bei den etwas besser gestellten Emigranten und so langsam etablierte sich ihr Name als Buchhändlerin. Leben konnte sie davon dennoch lange nicht, sie hatte nebenher Bürojobs bei den unterschiedlichsten Arbeitgebern.

Mit Ende des Krieges änderte sich der Charakter des deutschen Exils schlagartig. Viele, und darunter vor allem Intellektuelle aus den Bereichen Philosophie und Literatur, gingen zurück nach Europa. Die Geschäftsleute und Naturwissenschaftler blieben, weil sie schon längst in die US-Wirtschaft integriert waren. Der Kundenstamm wie die Kundenwünsche änderten sich, Mary Rosenberg konnte zum ersten Mal von ihrer Buchhandlung leben. Die Jahre vergingen, sie wurde zu einer überzeugten Amerikanerin, die anderen Neuamerikanern etwas Nervennahrung aus der alten Heimat beschaffte. Erst in den siebziger und achtziger Jahren kamen junge US-Amerikaner, für die Deutsch eine Fremdsprache war, und interessierten sich für deutsche Literatur im Original.

Und jetzt, jetzt bin ich eine alte Frau und gerade jetzt, da kommt die große Chance, sich hier mit der Buchhandlung so richtig zu etablieren.

Mary sah mich eindringlich an und ich wusste trotz der intensiven Arbeit von Kraut, Kassler und Rotwein, was jetzt kam. Ich könnte so einen jungen Mann wie dich – wir waren schön längst beim Du – jetzt gut gebrauchen. Du bist jung, du bist gebildet, du kannst was vertragen und dich bewegen. Steig doch bei mir ein! Erst als Juniorpartner und in drei bis fünf Jahren als Chef. Die Affidavits für dich dürften kein Problem sein, in der Community sind einige, die für dich bürgen würden. Was meinst du?

Letztendlich kam diese Offerte doch sehr überraschend und da ich in meinem Leben noch nie daran gedacht hatte, Buchhändler zu werden, war ich ziemlich verwirrt, was durch den vielen Rotwein noch verstärkt wurde. Folglich schilderte ich Mary, wie zumindest meine Planung für die nächsten zwei bis drei Jahre aussah, sagte ihr aber zu, mir ihr Angebot in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen zu lassen und ihr

Bescheid zu geben. Das war für Mary völlig OK und sie winkte die Bedienung herbei, um zu zahlen. Mit diskreter Geste beglich sie die Rechnung und wir verließen das lokal. Sie wies mich an, auszuparken, was ich artig tat, schwang sich dann ans Steuer und ließ mich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Dann sprang der Buick wieder wie eine hungrige Raubkatze nach vorne und griff die New Yorker Nacht an. Kreischend bewegte sich der Wagen nach vorn und Mary fragte mich, ob sie mich wieder am Columbus Circle absetzen könne, was ich bejahte. Als ich mich bei ihr für den schönen Abend beim Aussteigen bedankte, mahnte sie mich noch einmal, es mir gut zu überlegen.

Ich ging die Achte Straße hinunter, es roch nach heißem Asphalt, ein paar Jugendliche schlugen einen unglaublichen Groove auf alten Farbeimern, Straßenhändler boten Zaubergum an, junge Latinas tanzten Samba und während ein Zug der New York Firebrigade an mir vorbei heulte, traf ich eine Entscheidung.

New York City II – Hätte Chruschtschow doch Harry Ascher gefragt

Menschliche Schicksale haben ihren eigenen Verlauf. Ist es bei den einen so, dass sie am Ende ihres Lebens auf einen aktiven Aktionsradius von vielleicht einem Kilometer zurück blicken, so hat es andere um den halben Erdball getrieben. Selten ist so etwas geplant, meistens sind es kleine Momente, in denen der Verlauf und der Verbleib von Jahrzehnten entschieden werden. Im Nachhinein tendieren die Menschen zwar dazu, diese Momente und die völlig aus dem Unbewussten getroffenen Entscheidungen zu heroisieren oder zu genialisieren, bei näherer Betrachtung kommt man aber meistens zu dem Schluss, dass das alles gar nicht reflektiert war, eher dem Affekt oder einem dummen Zufall entsprach.

Manchmal ist es aber auch so, dass der Affekt und der dumme Zufall zum Massenphänomen werden, und zwar dann, wenn eine Gesellschaft sich kollektiv so verhält wie ein unreflektiertes Individuum. Dann wird es meistens unschön, weil die Folgen eben nicht auf einen einzelnen Menschen beschränkt sind, sondern ein ganzes Volk betreffen. Das nennt man dann ein historisches Desaster, in dessen Folge wiederum viele Menschen etwas machen müssen, was sie gar nicht geplant hatten, es aber notwendig wird, genau das zu tun, weil man sonst nicht überlebt.

In der deutschen Exilforschung der siebziger und frühen achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war ein starker Trend, alle, die infolge der faschistischen Diktatur ins Exil gegangen waren, als geniale Strategen, Antifaschisten und das eigentlich andere und bessere Deutschland zu bezeichnen. Ich befasste mich zu jener Zeit mit dem bayrischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, der 1933 nach Wien, 1934 nach Brünn und 1938 nach New York gegangen war, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1967 auch blieb. Von Graf wusste ich, dass er ein wilder, undogmatischer Zeitgenosse gewesen war, ein Rebell par exzellence, aber heroisch oder gewollt waren seine Fluchten nicht gewesen. Eher widerwillig hatte er München und Wien verlassen, die süddeutsche Lebensart war ihm Programm und die bayrischen Umgangsformen sollte er bis an sein Lebensende vermissen.

Ich begann mich für das wahre Leben im Exil zu interessieren, jenseits der Konferenzen und Deklarationen. Mich interessierte, wie kam ein z.B. in Deutschland etablierter Schriftsteller auf einem fremden Kontinent in eine fremde Stadt, deren Sprache er nicht sprach und wo ihn niemand kannte. Was machte er dort, mit wem trieb er sich herum, wovon lebte er und was hielt ihn seelisch am Leben. Oskar Maria Graf gehörte zu den Schriftstellern aus der mündlichen Erzähltradition, d.h. in der Regel verarbeitete er das, was er selbst erlebt hatte, auf die eine oder andere Weise zu Romanen oder Erzählungen. Seine Zeit in Deutschland war produktiv, in Brünn hatte er die Muße für seinen größten Roman, aber in New York wurde es schwierig. Obwohl er in den dort verbrachten 29 Jahren noch zahlreiche Bücher schrieb, handelte nur eins von den dortigen Erlebnissen, alle anderen speisten sich von der Erinnerung, und ein Roman beschäftigte sich mit der Zukunft. Der New Yorker Roman hatte den Titel „Die Flucht ins Mittelmäßige“ und handelte vom Elend der

Exilierten in New York. Hauptfigur ist, wie sollte es anders sein, ein Schriftsteller, der kein Publikum mehr hat, oder, der um ein kleines in der Gemeinde des Exils kämpft. Der Roman beginnt mit einer Szene in einem Penthouse mit Blick auf den Centralpark zur einen und zum Hudson River auf der anderen Seite. In dem Penthouse wohnte ein ehemaliger jüdischer Prager Kommunist und im Exil zum Konvertiten und Reklamefachmann Gemauserten zusammen mit seiner ebenfalls jüdischen Frau und Ballettlehrerin. Er gab Abende, an denen sich die deutsche Emigration traf und der Schriftsteller aus seinen neuen Werken las.

Nachdem ich heraus gefunden hatte, dass es sich bei dem Gastgeberehepaar um die tatsächlich existierenden Harry und Lea Ascher handelte und diese sogar noch in dem Penthouse lebten, wollte ich mit ihnen sprechen. Der New Yorker Aufbau, die bis in die achtziger Jahre hinein aktive Zeitung des deutschen Exils, half mir bei vielem und gab mir auch die Telefonnummer von Harry Ascher.

Das war zwar nicht so einfach, weil ich zunächst eine äußerst rau wirkende Sekretärin, die alle nur Hilde nannten, für meine Sache gewinnen musste. Mrs. Hilde rauchte Kette und berlinerte, dass es in den Ohren knarzte. Na, Kleener, wat willste? Wills ma nach dat olle Exil kieken, wa? Wenn ik da behülflich sein soll, musste ma beim näksten Mal aber Sülze von mein Lieblingsmetzger aus Moabit mütbringen, wa? Ich versprach Hilde das Blaue vom Himmel und gackernd rückte sie die Informationen raus.

Als ich Harry Ascher anrief, erkundigte er sich mit einem breiten New Yorker Akzent nach meinem Ansinnen, und als ihm klar war, worum es ging, dröhnte ein kurzes „Sure“ in mein Ohr und wir machten einen Termin aus. An dem vereinbarten Abend stand ich zur verabredeten Zeit vor einem Apartmenthaus aus den sechziger Jahren. Als ich mich über die Gegensprechanlage identifiziert hatte, ging der Türdrücker auf und ich fuhr mit dem Aufzug bis aufs Dach. Die Aschers lebten dort in einem Zweieinhalbzimmerapartment, um das rings herum nur Dachfläche war, auf der man herumlaufen konnte. Ich wurde herein gebeten und ein älterer Herr, den ich als typischen Amerikaner bezeichnet hätte, bot mir einen Platz an. Er war in Begleitung einer ebenfalls älteren Frau, die sehr europäisch wirkte. Harry Ascher war zum amerikanischen Geschäftsmann geworden, seine Frau Lea hielt es mit dem Ballett.
Ich saß den beiden gegenüber und nach einigen Bekanntmachungsfloskeln und konversatorischen Freundlichkeiten legte Harry bereits los und begann zu erzählen.

Er erzählte von Prag, wo er aufwuchs, von Wien, wo er als Kommunist politisch tätig war und von seinem Weg nach New York, auf dem er sein ganzes europäisches Leben verloren habe. Mit einem No, Harry, mischte sich Lea ein, weil sie das nicht so sah, aber er wischte den Einwand mit einer weiten Handbewegung weg und bedeutete, wie meschugge doch die ganze europäische Linke gewesen sei, von ihren Forderungen angefangen, über ihre diktatorischen Parteistatuten bis hin zu ihrem völligen Versagen gegenüber dem deutschen Faschismus. Aber, so Harry, er sei kein Revanchist und auch nicht verbittert, eigentlich interessiere ihn das alles gar nicht mehr, er sei schon Jahrzehnte Amerikaner und hier zuhause.

Lea hatte während der ersten Suada Harrys das Wohnzimmer, übrigens sehr funktional und amerikanisch, verlassen und kehrte nun mit einem Tablett voller Schnittchen zurück, das sie zwischen uns mit einem freundlichen Kopfnicken und Es ist alles koscher auf einen Teewagen zwischen uns stellte. Dann erhob sich noch mal Harry, ging in die Küche und kam mit zwei Dosen Budweiser zurück, die er zischend aufriss und mir eine davon hinhielt.

Ja, der Oskar, fuhr er fort. Schad, dass er ist so früh gegangen von uns, aber hat er gelebt schnell, viel Zigaretten, viel Bier und viel Frauen, aber schreiben konnt er ja, nur hier in New York, da war er leider falsch. Und es folgte eine sehr nüchterne, erbarmungslose und dennoch von Sympathie geprägte Analyse zunächst des Schriftstellers im Exil und dann des Exilierten an sich. Beim Schriftsteller war Harrys Mitgefühl, weil er wusste, dass mit dem Verlust des Berufsfeldes auch die Identität verschwand.

Bei allen anderen aber war er hart. Man muss nämlich wissen, so Harry, dass denjenigen, die in den dreißiger Jahren hierher kamen, doch gar nichts Besseres hat geschehen können. Heraus aus dem miefigen, krisengeschüttelten Europa in diese Weltmetropole, wo du alles machen konntest. Kennst du die Stelle, so fragte er mich, in Manhattan Transfer von John Dos Passos, wo das junge Paar auf einer Parkbank am Battery Park sitzt und er ihr erklärt, warum New York ihre Stadt ist, bei allen Schwierigkeiten, bei aller Härte, bei aller Brutalität! Weil New York alles schätzt, was nützlich ist und weil es keine Tabus gibt, die dich lähmen.

Viele kamen hier ins Exil mit einem Auftreten wie verkannte Konzertpianisten, sie verlangten, dass man sie kannte und verehrte und sie verkannten, dass das hier eine andere Welt ist, die ihre eigenen Größen hat und das in New York keiner von selbst groß wird. Du musst dich erst durch die amerikanische Provinz beißen, bis du hier eine Chance bekommst und wenn du sie bekommst, so triffst du hier auf die härteste Konkurrenz der ganzen Welt. Und viele, die mit uns kamen, kamen bereits aus einem Europa, dass hier keiner mehr verstand und auch nicht verstehen wollte. Die New Yorker sahen nicht mehr auf Europa, sie machten ihr eigenes Ding und das ziemlich gut. Viele Exilierte, die heute noch hier sind, haben das nie kapiert, weil sie einfach meschugge sind. Das ist hier kein Ort für den Hochmut, das ist ein Ort für harte Menschen, die nicht winseln, wenn sie eins ausgewischt kriegen.

Als ich endlich in New York war, nach einer langen Reise mit dem Schiff, ohne Geld in der Tasche, ohne zu wissen, was jetzt kommen würde und ich im Hafen an den Tisch zum Immigration Officer kommen musste, und ich Angst hatte, ich würde wieder abgewiesen, weißt du, was er gemacht hat? Er nahm meine Hände in die seinen, betrachtete sie genau und fragte dann „political reasons?“ und als ich nickte, bereits mit Tränen in den Augen, weil ich so am Ende war, da nahm er mich in seine Arme und streichelte meinen Kopf und flüsterte Welcome in America. Das musst du dir vorstellen, er hat sich meine Hände angesehen und wusste, ich war kein Arbeiter, der hier zu Job und Geld kommen wollte!

Well, aber als wir hier ankamen, wusste ich zumindest sehr schnell, dass das mit der ganzen Hitlerei nicht mehr lange dauern konnte. Und weißt du warum, noch in der Nacht nach der Kriegserklärung begannen die Konvois hier am Hudson Drive Richtung Hafen zu rollen, Panzer, Kriegsmaterial, alles, was du dir denken kannst,
alles aus dem Hinterland und diese Konvois wurden mehr als anderthalb Jahre nicht für eine Minute unterbrochen. Kannst du dir das vorstellen, eineinhalb Jahre, vierundzwanzig Stunden am Tag, Material für diesen Krieg gegen Hitler. Ich habe es von hier oben gehört und wusste, das ist das Aus für die Nazis. Aber ich war da schon raus, ich wollte damals schon nicht mehr zurück. Weißt du, ich bin nicht sentimental, Lea und ich sind vor den Nazis geflohen, weil wir Juden sind und ich Kommunist war, wir wollten unser Leben leben, und das haben uns die Nazis verwehrt. Wir sind hier gut aufgenommen worden, wir haben nichts erwartet und
wir haben es geschafft. Wir sind New Yorker geworden und wir sind Amerikaner geworden. Wir sind jetzt fast fünfzig Jahre hier, unsere Kinder sind hier geboren, wir haben hier eine wirtschaftliche Existenz und hier sind unsere Röntgenbilder, so what?

Harry Ascher war ein Pragmatiker und seine Gesellschaft tat sehr gut, wenn man sich im leidvollen Tal der Exilliteratur bewegte. Im folgenden erhielt ich viele nützliche Hinweise, wie ich an wen heran käme, wer noch lebte und bei wem schon lange nichts mehr zu finden war. Harry gab mir aber auch Tipps für New York, nannte mir interessante Plätze und Stätten und war sehr schnell ein väterlicher Freund.

Als ich ihn Jahre später noch einmal besuchte war Lea bereits in einem Pflegeheim. Ich nahm meine spätere Frau mit, damit sie diesen Mann noch kennen lernte. Harry Ascher war sehr gebrechlich geworden, ging am Stock und forderte uns auf, für uns selbst zu sorgen. Und wieder erlebten wir einen Parcourritt durch das zwanzigste Jahrhundert und eine Hommage an die Neue Welt. Irgendwann rief er Renate zu sich, sie möge ihm aufhelfen. Dann hakte er sich bei ihr ein und ging mit ihr aufs Dach. Und schon begann er mit seinem Stock in die eine, dann in die andere Richtung zu zeigen. Hier, schöne Frau, im Dakotahaus, da ist nicht nur John Lennon, da unten am Eingang, erschossen worden, nein, in dem Apartment da, da hat Leonard Bernstein gewohnt. Und da drüben, siehst du, dort in dem Hotel, da ist immer Toscanini abgestiegen, wenn er hier in New York war und dort unten, hier um die Ecke, da haben sie die West Side Story gedreht…

Da lief er umher, ein Greis, eingehakt bei einer großen Blonden, und gewann ihr Herz im Sturm, weil er so begeistern konnte. Der Prager, der über Wien hierher gekommen war, der das alles gar nicht geplant hatte, aber das Leben so genommen hatte, wie es sich ihm zeigte. Das hier war sein New York, für das er immer noch brannte. Und sein Stock mit dem Silberknauf schweifte über Manhatten, als wolle er es segnen und von dem Nikita Chruschtschow einmal gesagt hatte, selbst ein Stein könne hier schwermütig werden. Chruschtschow wusste nicht, wovon er sprach, er hätte Harry Ascher fragen sollen!