Die Chance der Skepsis in Zeiten des Größenwahns

Von Gerhard Mersmann

Derzeit kursiert ein Gedicht von Kurt Tucholsky, veröffentlicht 1930 in der Weltbühne und eine Reaktion auf den Schwarzen Freitag im Jahr zuvor. Bei der Lektüre dieses Gedichtes reiben sich die heutigen Leser die Augen, weil der kritische Geist genau das beschreibt, was wir in diesen Tagen im Auge der derzeitigen Weltfinanzkrise erleben. Den Crash aufgrund der wilden Praktiken mit Leerverkäufen und Derivaten, die Spekulation mit geliehenem Geld und der Hoffnung auf Börsenstürze, um seinen eigenen Schnitt zu machen. Und Tucholsky beschreibt in der ihm eigenen ironischen Weise auch die Ironie der Rettung des Finanzsystems durch staatliche Intervention. Nicht zu Unrecht mokiert er sich über die Sozialisierung von Verlusten und die Privatisierung von Gewinnen.

Hätte man dieses Gedicht vor sechs Wochen aus den Archiven der Weltbühne geholt, man wäre wahrscheinlich als ein ewig Gestriger verschmäht worden. Jetzt ist es aktuell, sozusagen brandaktuell, denn es trifft mit wenigen Zeilen das, was wir gerade jetzt erleben: Eine weltweiter Absturz an den Börsen, der daraus resultiert, dass mit einer Wertüberhöhung von mehr als siebzig Prozent gegenüber dem, was an Waren- und Kapitalwerten überhaupt vorhanden ist, spekuliert wurde und an einem kritischen Punkt das Netz der Illiquidität zerrissen ist.

Als die Krise an der New Yorker Wall Street virulent wurde, wurden die Politiker der Bundesrepublik nicht müde zu beteuern, so etwas sei in Deutschland nicht möglich, weil man hier nicht so irrsinnig und wagemutig spekuliere wie dies in Amerika der Fall sei. Es dauerte keine Woche, und die deutsche Bundesregierung tauchte mit einem Sicherheits- und Sanierungsprogramm auf, das – berücksichtigt man das Kursverhältnis von Euro und Dollar, noch über den siebenhundert Milliarden Dollar der US-Regierung liegt. Kein Wunder, dass sich die Frage aufdrängt, ob hier nicht noch wilder spekuliert wurde, weil die Kapitalmasse an der Wall Street beträchtlich größer als in Frankfurt am Main ist.

Noch verwunderlicher ist die Tatsache, dass die ersten Banken, die nach den offerierten staatlichen Subventionen greifen, die Landesbanken sind, die unter Kontrolle der öffentlichen Hand stehen. Die bayrische Landesbank, quasi ein Derivat derer, die seit Jahrzehnten vorgeben, mit Geld umgehen zu können, griff die ersten fünf Milliarden gleich schon einmal ab. Das sollte die öffentliche Meinung zumindest bewegen, ins Kalkül zu ziehen, dass die staatliche Kontrolle des Finanzwesens wohl nicht der Königsweg sein kann, um halsbrecherische Spekulationen in der Finanzwelt in den Griff zu bekommen.

Hier wie dort, im privaten Bankensektor wie im politischen Finanzmanagement ist ein Phänomen zu beobachten, das als Unzurechnungsfähigkeit aus Größenwahn am besten bezeichnet werden kann. Und die etatistische Intervention zur Begrenzung der Krise wird die Bürgerinnen und Bürger der betroffenen Länder teuer, sehr teuer zu stehen kommen. Da geraten Beteuerungen, die Sparbücher seien sicher, zur nackten und einfallslosen Demagogie. Das Geld wird fehlen, zum Konsum, zur Finanzierung von Infrastruktur und zur Investition in Bildung und Innovation.

Die Krise, der wir gegenüber stehen, birgt allerdings auch eine große Chance: Sie kann dazu führen, dass die Geschädigten kritischer werden und in Zukunft deutlicher bestimmen wollen, was mit ihrem Geld geschieht. Momentan steigen die privaten Tresorkäufe dramatisch, was verständlich ist, aber wohl schon mittelfristig keine Perspektive ist. Auch subventioniert wird hierzulande eine Reihe von Geldinstituten über die Klinge springen, weil es einfach zu viele davon gibt. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Genossenschaftsgedanke in neuem Design dazu in der Lage ist, die Freiräume für diejenigen, die der Schweizer Altbörsianer André Kostolany als unseriöse Zocker zu bezeichnen pflegte, deutlich einzugrenzen.