Um die eigenen Ideen umsetzen zu können, bedarf es eines realistischen Blicks auf die Welt und ihre Möglichkeiten. Um die Welt gestalten zu können, bedarf es einer gehörigen Portion Phantasie. Das Spannungsfeld zwischen erlebter Welt und den Potenzialen ihrer Gestaltung gehört zu den universalen Problemmustern des Individuums wie der Gesellschaft. Und die Geschichte musste mehr als einmal bezeugen, dass die Fähigkeit, die Welt klug und umfassend zu rezipieren wie die Genialität, kreativ gestaltend in sie einzugreifen nicht unabdingbar parallel zu ihrer eigenen Komplexität verläuft. Einfache Sachverhalte produzierten zuweilen grandiose Irrtümer, ausweglose Situationen wurden durch schlichte Chuzpe zu Highlights der Historiographie. So kam es, wie es kommen musste: Einfaltspinsel zelebrierten immer mit dem Unerwarteten die Mär von dem unvorhersehbaren Spiel.
Die Verwirrung der Gefühle wie die Ängstlichkeit, über das Popevent hinaus Flagge zu zeigen, mögen darauf hindeuten, dass wir vermutlich weit von kalkulierten Handlungssträngen entfernt sind. Andererseits können die besagten qualitativen Sprünge in den kognitiven Ketten der menschlichen Natur doch ab und an Effekte erzielen, die eine lineare Wahrscheinlichkeit eben ausschließt. Gesetzt den Fall, es findet sich eine Mehrheit, die die Auffassung mit sich trägt, dass das cultural gap, welches die rasante technische Entwicklung mit sich gebracht hat, mit allen Anstrengungen überwunden werden muss. Und schon stünden wir vor der Frage, in welcher Bewegungsrichtung denn die Veränderung zu vollziehen sei.
In die Richtung der Technik, die mit ihrer Eigendynamik das Tempo beschleunigt und die Menschen hinter sich her schleift wie ein Fahrzeug Passagiere, dessen Mäntel in den Türen festgeklemmt sind? Oder dorthin, wo die Menschen standen, als sie sich eine technische Hilfe ersonnen, die nun mit der Verve des Zauberlehrlings in Richtungen losgetobt ist, von denen die Vordenker nicht einmal etwas ahnten. Und wir stellen fest: Der Homo sapiens ist ein ziemliches Rindvieh, wenn er glaubt, voluntaristisch das Geschehen bestimmen zu können ohne je zu kalkulieren, dass es einen Determinismus des Unbestimmten geben könnte, obwohl historisch bis dato jedes Mal ein solcher auftrat.
Da ist dann guter Rat teuer, wenn die Beobachtung immer genau dort endet, wo die Intention zu Ende formuliert ist und nicht mehr weiter geht bis zu der Sphäre, wo die Welt mit ihrem facettenreichen Antlitz steht und geduldig wartet, um den längst überfälligen Dialog zu führen. Denn es mag glauben wer will, aber es gibt eine Sphäre des Nicht-Instrumentellen, in der die Hieroglyphen der Freiheit entschlüsselt werden müssen, um dorthin zu gelangen, wo der unwissend-wissend befreite Kleingeist spürt, dass mit dem Lösen der Fessel erst das Stadium beginnt, worin sich die Vorsehung der Natur mit der guten Intention der humanen Kreatur ein Stelldichein gibt.
Und gesetzt den Fall, der Mut wäre da, dieses sicherlich auch in vielen Punkten unangenehme Gespräch zu führen. Fehlte es nicht dann trotzdem an der gestalterischen Kraft, den Fluch von vielen tausend Jahren fremder Bestimmung und Disharmonie zu erlösen durch die Klänge einer Harmonie, die inspiriert zur gemeinsamen Tat und deren Ästhetik besticht durch das gefügte Unbekannte?
Wenn es kompliziert wird empfiehlt es sich, mit einfachen Beispielen den Charakter des Problems zu verdeutlichen. Die ganze Nation war kürzlich Zeuge einer Begebenheit, die die gesellschaftliche Rezeption der Natur, der Umgang mit der Natur wie der Rezeption und der Reflexion der Gesellschaft über sich selbst nicht besser hätte dargestellt werden können.
Es begann mit der Erscheinung eines Braunbären in Bayern. Endlich, so jubilierte die Republik in den Medien, endlich haben wir wieder einen richtigen, weil wilden Bären auf deutschem Boden. Es war ein Augenblick der Freude und nicht ein Menschlein auf weiter Flur, das nicht in Begeisterung ausbrach.
Die Euphorie wurde schnell gedämpft, als der Bär seiner Natur folgte und gemäß seiner Raubtierbestimmung Tiere riss, die sich in menschlichem Besitz befanden. Bei denen war es sofort aus mit dem gleichzeitig zur Fußballweltmeisterschaft inszenierten Slogan „Zu Gast bei Freunden“ und das Blut ihrer Lämmchen war noch nicht getrocknet, als der Schrei nach Abschuss schon durch die bayrischen Ebenen hallte. Der Ministerpräsident dieses Landes, seinerseits studierter Jurist und somit ständiger Kronprinz der Systemimmanenz, verschlug es gleich wieder die Stimme und er machte sich an eine neue Genealogie des Bären, indem er Kategorien wie Schad- und Problembär einführte. Er war es auch, der ungewollt die vorherrschende gesellschaftliche Mystifikation verkörperte. Denn zu seiner Empörung entpuppte sich das putzige Bild eines Raubtieres an sich zu einem gemeinen Raubtier für sich.
Besagter Ministerpräsident, der genau wusste, wovon er sprach, hatte er doch seiner Zeit promoviert zu dem Thema „Der Hausfriedensbruch im aktuellen Licht“, gab nach einem solchen des Bären in einen Hühnerstall der bayrischen Zivilisation den Meister Petz zum Abschuss frei. Daraufhin kam die Liga der militanten wie der spirituellen Tierschützer auf den Plan, die ihrerseits das Recht auf Raubtierexistenz proklamierten, aber letztendlich das Wesen des Raubtieres als Preis für den Genuss seiner Putzigkeit herunter zu spielen suchten.
Während dessen zog Bruno, so hieß der Braunbär jetzt im geschwätzigen Maul der Medientrommel, von hoher Intelligenz inspiriert, nach den schweren Menüs in Deutschland, wo er Lämmer und Hühner verspeiste, zum Dessert ins benachbarte Österreich, um sich an Honigstöcken und Wildbeeren zu laben und dem entspannten Müßiggang zu frönen.
Auf Intervention der Friedensbewegung wurde in Deutschland wiederum durchgesetzt, dass Bärenjäger mit Schlafspritzgeschossen aus Finnland eingeflogen wurden, um Bruno einen sedierenden Genickschuss zu verpassen, um sein Leben als Raubtier zu vernichten und ihn weiterhin animiert als putzige Hülle in einem Zoo umher torkeln zu lassen.
Doch obwohl der Braunbär zu seinen schweren Mahlzeiten immer wieder nach Bayern kam, die finnischen Bärenjäger fanden ihn nicht. Erst, nachdem diese völlig entnervt zurück ins sommerliche Mückenparadies ihrer Heimat zurückgekehrt waren, zogen die bayrischen Jagdschlawiner entschlossen ihre doppelläufigen Flobertstutzen aus den Eichenschränken und brauchten wie von Wunderhand nicht einmal eine Nacht, um Bruno zu stellen und ihm das Licht der Wildnis mit einem krachenden Schuss auszublasen und durch das ewige Dunkel zu ersetzen.
Die Lager empörten sich und huldigten gleichzeitig ihren apologetischen Systemen. Denn gelernt hat anscheinend niemand etwas. Die Tierfreunde und Putzebärenliebhaber waren empört, die Viehzüchter erfreut, die Vertreter der wehrhaften Demokratie fühlten sich ebenso bestätigt wie die Friedensbewegung. Mit diesen Reaktionen zeigten die pressure groups der republikanischen Gesellschaft, dass es wohl nicht nach einer größeren Veränderung in der nahen Zukunft aussieht. Als distanzierter Beobachter wurde man den Eindruck nämlich einfach nicht los, dass das Geschehene beliebig war und durch alles Mögliche hätte ausgetauscht werden können, weil es keine Basis für einen kritischen Diskurs mehr gibt.
Es ist, als warteten alle Gruppen von Relevanz nur auf ein Signal, um nach einer kurzen Justierung der Semantik ihren ideologischen Sermon repetitiv wie den Koran herunter zu rattern, um dem Ritual der Selbstreferenz zu frönen. Da ist nichts mehr von Aufklärung, Kritik, und Selbstkritik, Rede und Gegenrede, These und Antithese und dem Mut zum Eingeständnis eigener Fehler. Alle haben es schon immer gewusst und die versammelten Anderen tragen und trugen die Bürde des ewigen Irrtums.
Und was hätte das im WM-Fieber entnationalisierte, weil feminisierte neue Deutschland alles lernen können, wenn es den knisternden Schritten des Braunbären etwas unvoreingenommen gelauscht hätte. Ihm wäre vielleicht klar geworden, dass es archetypische Strukturen gibt, die man heute mit Wesen oder Charakter übersetzen muss. Zum Wesen eines Raubtieres gehört es, seine Existenz zu sichern durch den Raub, der einhergeht mit der Vernichtung anderer. Es gibt keinen Tag der Sättigung in einem Raubtierleben, an dem nicht das geronnene Blut der vernichteten Kreatur an den zufriedenen Lippen klebt. Und es gibt keinen Tag im Leben eines Raubtieres, an dem es nicht bereit wäre, bis zum Äußersten zu gehen, denn der Drang zu Mäßigung im Umgang mit den eigenen natürlichen Waffen wäre das Entree zum eigenen Untergang.
Man könnte auch sagen, dass das Wesen des Killers nicht nur darin besteht, die anderen ihn umgebenden Lebewesen ständig mit der Vision des Todes zu konfrontieren, sondern auch darin, in den anderen ihn Umringenden zu jeder Sekunde das Antlitz des eigenen Todes zu erspähen. Die Aggressivität des tierischen Räubers korreliert mit der Größe der eigenen Bedrohung.
Legt man nun das Verhalten Brunos vor diese Erkenntnis, dann muss man dem Bären auch noch eine unglaubliche Intelligenz bescheinigen: Kein Hochmut lullte ihn ein, sondern er hatte einen durchaus realistischen Blick für das ihn bedrohende Ensemble. Und sein Preis war hoch, für ein bisschen Coque au vin, Lammbraten und eine Honigspeise steht er als Lohn nun ausgestopft in einem dieser grässlichen Heimatmuseen, in einem Landstrich, wo man buchstäblich von der Erde essen kann und alles wie geleckt ist.
In seinem letzten Spartakusbrief schrieb Karl Liebknecht: Es gibt Niederlagen, die sind wertvoller als Siege und Siege, die sind verhängnisvoller als Niederlagen. Als er das schrieb, hatte er auch bereits den Tod vor Augen, ein Augenblick übrigens, der durch die Offenbarung der Weisheit bestechen soll.
Und da wir ja immer alles auf den Prüfstand der Freiheit legen und der zu ihrer Erlangung zu erfüllenden Notwendigkeiten achten, wenden wir den bewegenden Satz nun einmal auf Bruno, den Braunbären an:
Die Niederlage, die der Bär erlitt, entsprach einer axiomatischen Wahrheit, weil sie ihn nicht nur in seinem Bild von der Welt bestätigte, sondern die Welt wurde ihrerseits ebenfalls von ihrem Bild des Raubtieres bestätigt. Die Welt wie das Raubtier hatten an sich wie für sich nicht nur ein realistisches Bild erworben, sondern auch eine neue Erkenntnis hinzu gewonnen. Ein archaischer Charakter geht unter, selbst in einer vermeintlich geläuterten Postmoderne oder Tertiärzivilisation oder wie sich die Diktaturen der Prothesengötter sonst noch so nennen mögen. Ein genetisches Programm, das mit nur sehr geringen Modifikationen einige hunderttausend Jahre überlebt hat, gerät an dieser Stelle allerdings schon einmal ins Schmunzeln.
Die Machbarkeit und die Formbarkeit der Welt, wie sie uns seit dem Aufkommen der Technokratie immer wieder eingebläut wurde, stellen sich nach Betrachtung dieser kleinen Episode abermals als die großen Irrtümer des technischen Zeitalters heraus. Das ist nichts Neues und sein Erkenntniswert an sich hat keinen Rang von Bedeutung. Was allerdings in hohem Maße beunruhigt ist die Tatsache, dass es gesellschaftlicher Konsens zu sein scheint, gar kein Interesse mehr an einem Lernprozess nach einer Irritation erwerben zu wollen. Oder anders ausgedrückt: Wir etablieren die Mystifikationen unserer Mikrokosmen und Subkulturen zu einer nicht mehr zu hinterfragenden Subjektrealität und blenden die durch einen jedermann zugänglichen Erkenntnisprozess erlebbare Wahrheit einfach aus.
Nun wissen wir seit der Mythenforschung, dass es immer wieder Gesellschaften gab, die sich in Geographie, Wirtschaft, zivilem Verkehr wie kulturell von der sie umgebenden Welt abschotteten, weil sie so in vermeintlichem Wohlbefinden und teils sogar in Glückszuständen schwebten, die durch keine Fremdeinwirkung gestört werden sollten. Sie labten sich am Mond, frönten der Sonne, blickten in sich oder umarmten die Natur als Ganzes. Egal welche Form sie wählten, sie wandten hohe spirituelle Energien auf, um ihren Zustand zu erreichen und – jetzt kommen wir zum großen Unterschied zu heute – sie waren überzeugt davon, sich auf dem Weg zur Wahrheit zu befinden.
Die gegenwärtige Gesellschaft unterscheidet sich wesentlich davon. In ritualisiertem Lagerdenken verhaftet, uninteressiert an der Wahrheit und größtenteils unglücklich, muss schon aufmerksam und lange gesucht werden, um Energien zu identifizieren, die sich in positive, gestaltende Prozesse bewegen. Ursache hierfür ist die Verweigerung der Erkenntnis, vor allem weil sie verbunden ist mit dem Horror vor der Verknüpfung mit einer praktischen Konsequenz. Oder anders ausgedrückt: Wer die Welt nicht ändern will, der will sie auch nicht erkennen.
Insofern tanzen wir erkenntnistheoretisch einen schaurigen Makabré, der nur auf Schiffen zuhause ist, die Steuerbord voraus auf Tsunamikurs gegangen sind. Diesen Gedanken weiter verfolgend, drängt sich die Frage auf, ob der Weg über die Bildung nicht vieles in Bewegung setzen könnte, das auf einen positiven Gestaltungswillen hinaus liefe.
Insofern hätte der Bär, der in diesem Sommer so unerwartet in ein Land kam, in dem man sich nach ihm sehnte, ohne sein Wesen zu begreifen und den man so schnell wieder los werden wollte, als man es begriff, etwas sehr Positives bewirkt. Bruno, der Braunbär, hat eine Anregung gegeben, die seinem Wesen entsprach, und die etwas auslöste, das ein ganzes Volk in Verwirrung warf.
