Vom Unwillen, befugt zu sein, seinen Willen durchzusetzen

Es ist immer erfrischend zu sehen, wie kreativ die Torheit vorgeht, wenn sie dem Dogma der political correctness dient. Allenthalben wird nun von Bildungsferne geredet und der Begriff hat allerbeste Chancen, in der Hall of Fame des Dummdeutsch einen privilegierten Platz zu erhalten. Was damit gemeint ist, lässt sich folglich auch schwer deuten. Es soll wohl so etwas ausdrücken wie unterprivilegiert, sozial ausgegrenzt, proletarisch oder einfach auch nur ungebildet.

Es stellt sich die Frage, warum das Problem nicht so offen benannt wird, wie es sich stellt. Und die Antwort ist ebenso einfach wie die Darstellung des Problems. Obwohl wir in einer so genannten Wissensgesellschaft leben, d.h. es theoretisch und praktisch jedermann möglich wäre, sich über alles zu informieren, erwerben immer mehr Menschen immer weniger Wissen. Und, man soll es kaum für möglich halten, sie sind regelrecht ungebildet. Warum das so ist, darüber wird noch zu reden sein, aber dass es so ist, darf am Hofe der elektronischen Demokratie und des E-Government nicht laut ausgesprochen werden.

Und wieder einmal erwischen wir die Sprache des political correctness als eine vorbürgerliche, d.h. anti-aufklärerische Herrschaftssprache, die verbietet, Tatsachen beim Namen zu nennen und die eine Salonfähigkeit versprüht, die nach Puder und Schminke aus dem Ancien régime stinkt.

Nun stellen wir also fest, im Deutschland des dritten Jahrtausends sind viele Menschen ungebildet, weil sie mit wenig Erfolg in wenig erfolgreiche Schulen gegangen sind, vielleicht auch, weil sie zuhause nicht gelernt haben, warum und wie man lernt oder, und das ist der subversivste Grund, weil sie nicht einsehen, warum man überhaupt etwas lernen soll.

Letzteres ist, so scheint es, das große Problem. In der bundesrepublikanischen Realität stellen sich viele Menschen die Frage, was es bringt, ein wissender Mensch zu sein, eine gute berufliche Qualifikation zu haben und über einen kulturellen Horizont zu verfügen. Ob oder ob nicht, so denken immer mehr, es ändert nichts an dem Leben, das vor einem liegt.

O tempora! o mores! könnte da der alte Bildungsbürger schreien und ganz so falsch läge er da auch 2069 Jahre nach Catilina wirklich nicht. Das grassierende Techtelmechtel mit der kollektiven Verblödung hat nicht nur Ursachen in einer nicht mehr vermittelbaren Kausalität von wirtschaftlichem Erfolg und humaner Bildungsgüte, sondern es drängt sich der berechtigte Verdacht auf, dass es mit der Moral vorne und hinten nicht mehr stimmt. Und damit sei nicht die repressive Moral von Herrschaft gemeint, die den Opfern Werte auferlegt, die sie Opfer bleiben lassen, sondern es handelt sich um die desolate Moral derer, die durch ihr Aufbegehren Gesellschaften jung und am Leben halten. Die Moral der revolutionären Truppe ist völlig auf den Hund gekommen, weinerlich, verblödet und besoffen liegt sie im Dreck der Weltgeschichte und weiß nicht mehr weiter.

Und wundern darf es uns nicht. Die großen Illusionen der Befreiung sind längst ausgeträumt und damit ihre ureigensten Axiome. Der historisch vor allem in Deutschland verbreitete Slogan „Wissen ist Macht“, der hat sich für viele augenscheinlich nicht bewahrheitet, schließlich haben weder die erst-klassigen Universitäten des Arbeiter- und Bauernstaates noch die sozialdemokratische Bildungsreformen dazu beigetragen, mehr Demokratie im Sinne volksherrschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten hervorzubringen. Einzelne Individuen aus den unteren Schichten wurden befördert und ihr Glanz bestand darin, die Geschäfte der Herrschenden für begrenzte Zeit führen zu dürfen. Aber substantiell blieb es ein Spuk, der nun auch seit geraumer Zeit vorbei ist.

Diejenigen aber, die heute der Bildungsferne überführt werden, hatten archetypisch nie etwas mit denen zu tun, die sich in individuellen Befreiungsakten durch den Erwerb von Bildung auf ihre Weise emanzipieren konnten. Die Outcasts der Gesellschaft, deren Zahl wächst, waren schon immer skeptisch gegenüber der Weisheit, dass die Klugen weiter kommen. Auch die Unterschicht ist mannigfach ziseliert und so einfach klare Konturierungen aufs Bild zu werfen, ist trügerisch.

Aber der gemeinsame Geist, der durch das sozialdemokratische Bildungsideal eine zeitlang die Gesellschaft getragen hat, der ist mit dem Ende der Ost-West-Dichotomie und der Aufgehenden Sonne der Globalisierung dahin. Klassisch wäre es, jetzt die ökonomischen und sozialen Ursachen dafür freizulegen, aber es hülfe nichts. Daher sei erlaubt, den Begriff der kollektiven Traumatisierung zu vitalisieren, weil es aus Sicht des Autors bei der Sicht auf Deutschland weiterführt.

Ob es die Unfähigkeit zum Nationalstaat war, was in einer Stigmatisierung von außen durch die Formulierung des Volkes der Dichter und Denker seine Entsprechung fand, oder ob es in dem später anderen, asiatischen Völkern vorgeworfenen Plagiatentum im industriellen Zeitalter durch den Nachbau britischer Eisenbahnen seinen Ausdruck fand, was in der Sanktion endete, die Plagiatprodukte durch eine Made in Germany kennzeichnen zu müssen, es handelte sich bei jedem Großereignis deutscher Geschichte oder wirtschaftlichen Handelns um eine grandiose kollektive Umdeutung der Welt. Mit germano-zentristischer Subtilität wurde die Unfähigkeit, einen Nationalstaat zu gründen, in eine kulturelle Hegemonie deutscher Zunge verwandelt. Und mit der gleichen Chuzpe wurde aus dem Kainsmal des Plagiats ein Gütesiegel, auf das viele in der globalisierten Ökonomie noch stolz sind, obwohl es längst in die musealen Beinhäuser gehört.

Der verlorene Erste Weltkrieg war ein Dolchstoß, der Vertrag von Versailles eine Schmach, der Zweite Weltkrieg eine schlimme Sache, aber der eigentliche Sieger waren wir. Es ist ein Axiom der Geschichte, dass Völker Höhen und Tiefen erleben, dass die Sonne in manchen Ländern glänzt und dann wieder der kalte Mond sein mitleidsloses Licht auf das Schattenreich wirft. Und es ist keine Seltenheit, dass die Völker in ihren Ländern höchst wechselvoll auf ihr jeweiliges Schicksal reagieren. Mal empört, mal fatalistisch, mal manisch und mal depressiv. Aber in the long run kommen sie alle zu einer doch nicht ganz unrealistischen Einschätzung ihrer Rolle in der Weltgemeinschaft. Manche besitzen sogar die Weisheit, ihren Stellenwert kosmisch zu definieren.

In Deutschland ist das anders. Da leben nämlich die Weltmeister, dort ist die Wissenschaft und Hochtechnologie zuhause. Da wurden Aufgaben bewältigt, wie sie andere nicht haben schultern können. In dieser sowohl inszenierten als auch internalisierten Selbstwahrnehmung fällt es schwer, ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln, dass Voraussetzung ist für das schwierige Unterfangen der Selbstbefreiung.

Das letzte große Trauma unseres Volkes wurde verursacht durch den Doppelschlag, zunächst große Schuld auf sich geladen zu haben und dann auch noch unterlegen zu sein. Wer nämlich Schuld auf sich lädt und herrscht, der kann es verkraften, wer guten Gewissens ist und unterliegt, der bleibt vor sich selbst unbeschadet, wer jedoch von einem schlechten Gewissen zersetzt wird und dann noch die Knute zu spüren bekommt, der muss sich in die phantastischen Welten flüchten. Aber subconscious, tief unten auf dem Seelengrund, da liegen die Requisiten des ganzen Debakels und keiner holt sie ab.

So sind wir es gewohnt, immer wieder in bestimmten Sequenzen mit donnerndem Getöse das Heldenepos zu inszenieren, freilich nur für uns, ganz klandestin, um es in der Öffentlichkeit empört von uns zu weisen, weil wir nicht den Mut besitzen, in einem Stück aufzutreten, in dem wir uns für eine Zeit wohl fühlen. Das wird verhindert durch das neue Dogma, die repressive Form der umgekehrten Freiheit, das Reservat für die Menschlichkeit, in dem dieselbe längst ausgestorben ist. Alles, was politisch korrekt ist, zerschneidet den ach so sympathischen Sensualismus mit rostiger Klinge.

Ein Volk, dessen bewusste Geschichte beginnt mit dem Nibelungenmythos, in dem der Held, dessen Trachten die Koexistenz von Geist und Materie, Herrschaft und Arbeit, Freiheit und Klugheit, Lust und Disziplin, Phantasie und Pragmatismus war, gemeuchelt wird von einem mediokren Lakaien der christlich-römischen Weltenzerteiler und dessen Gegenwart die Enttäuschung über das Ende der Teilung des eigenen Landes ausmacht, ein solches Volk hat es schwer, einen positiven Entwurf für die Zukunft zu formulieren.

Wem es einmal vergönnt war, über die mythologisch besetzten Areale in Asien zu schreiten, dem konnte auffallen, welche Erhabenheit ihn umstrahlt und mit welcher Demut er sein eigenes Individuum erlebt. Selbst die Affenschreie aus den benachbarten Dschungeln vermitteln das Gefühl einer Größe, in der sich das Kollektiv beheimatet fühlen kann. Die mythologischen Heldenfelder genießen den Schutz der Universalität des Erlebten, des ewigen Kampfes der Kreatur mit Herrschaft und Knechtschaft, Hass und Liebe, Depression und Hoffnung, Krieg und Frieden, Geist und Arbeit. Nicht, dass wir in der kalten Zone dieser Welt nicht auch den Zugang zu dieser Universalität hätten, aber das Zugeständnis, als Menschen ausnahmslos an diesem Kosmos teilzuhaben und darin eine respektierte Rolle zu genießen, dieses Zugeständnis fehlt mangels historischem Bewusstsein. Wie anders, bitte schön, sollen wir erklären, dass an dem Ort des Mordes an Siegfried heute eine Kläranlage der BASF steht? Selbst die schwärzeste Regie käme nicht auf die Idee, die materialisierte Geschichtslosigkeit in einer derartigen Skurrilität zu inszenieren.

Das Resultat einer derartigen historischen Abfolge von Debakeln, sowohl auf den dinglichen Feldern als auch in den seelischen Tiefen, konnte nicht ohne Folgen bleiben. Größe und Mut, Risikobereitschaft und vielleicht auch die manchmal nötige Tollheit, um die Welt zu verändern, all das wird nur noch in der Fieberwelt geduldet, da sind sich auch alle schnell einig, da baden wir nur allzu gern im Lustbad der Macht. Die großen Sympathien aus deutschen Landen reichen nicht umsonst vom Mackie Messer der Dreigroschenoper bis zum Mr. Wolf in Pulp Fiction.

Im so genannten wahren Leben aber, das regiert das Mittelmaß, die Garantie vor dem Risiko, da werden Versicherungs- und Haftungsfragen die alles dominierenden Themen, da leckt der Mainstream jede Wunde und das Verwegene hat keine Chance. Kein Wunder, dass so manch rebellischer Geist erheblich ins Schlingern gerät, bevor er mit diesem Licht- und Schattenspiel umzugehen versteht.

Die Handlungsmaximen einer jeden Generation werden aus dem historischen Bewusstsein abgeleitet, dessen sie sich zurechnet. Zum ersten Mal in der Geschichte stehen wir vor Situationen, in denen Generationen nicht mehr fähig sind, dieses notwendige und vielleicht auch verschwommene Etwas zu definieren. Sie wissen nicht mehr, woher sie kommen, wo sie stehen und wohin sie wollen. Sie kennen nicht ihre Relativität in dem großen geschichtlichen Zusammenhang. Sie haben sich noch nie die Frage gestellt, wofür es sich zu sterben und wofür es sich zu leben lohnt. Sie sind nicht in der Lage, sich zu fragen, was ihr heutiges Tun in der Zukunft zu bewirken vermag. Diese wenigen, jedoch essentiellen Fragen sind es, die einen Korridor zum historischen Bewusstsein öffnen, die Fähigkeit, zwischen Erinnerung und Zukunftsvision die eigene Existenz kritisch zu orten und zu reflektieren.

Ohne dieses Instrument degeneriert die Humanexistenz zum Amöbenhaften, wird das Sein beliebig und das Bewusstsein unerheblich. Wenn wir also die Zustände so besorgt zu sehen haben, wie dieses hier geschieht, dann müssen wir uns die Frage stellen, wie es dazu kommt. Zum Teil liegt die Erklärung vor, die psychologischen Ursachen sind in der perpetuierten Traumatisierung zu finden, die existentiellen im Verlust einer emanzipatorischen Vision, die ja gerade eine Folge dessen ist, was wir beklagen.

Das Problem ist der Unwille, Macht zu erwerben und auszuüben. Obwohl er dazu beitragen könnte, die miese Rezeption durch den Faschismus zu klären, sei der Name Nietzsche hier erst gar nicht bemüht, da die Corporate Identity des neudemokratischen Deutschland sich vor allem durch Tabus bestimmt.

Aber lassen wir doch einfach zu, dass Macht zumindest etwas positiv Ambivalentes in sich birgt. Etymologisch unverdächtig von Machen deriviert, ist es eine Beschreibung, die die Potenz zur Aktion erfasst, die das Individuum oder die Gruppe befähigt, etwas zu tun, wovon es oder sie überzeugt sind oder, besser noch im emanzipatorischen Kontext, eine Tat zu begehen, die von Repressivität befreit. Was kann schlecht sein, einen solchen Willen zu haben, außer dass er die Nebel einer ungeklärten Vergangenheit schnell vertreiben würde?

Fragen wir, um den Missklang an mögliche asiatische Despotien a priori auszuschließen, fragen wir angelsächsische Völker, ob sie der Auffassung wären, die Macht sei etwas schlechtes an sich, wir ernteten bestenfalls unverständliche Blicke. Der in Deutschland und im deutschen Gemüt beheimatete Unwille, die Macht als ein Werkzeug zu begreifen, dessen Besitz unter emanzipatorischen Gesichtspunkten erstrebenswert ist, ist der Schlüssel zu der Erklärung, warum die Kinder Germanistans keine Bücher mehr lesen wollen.

Der erwähnte, alte, aber immer noch zutreffende Slogan der Sozialdemokratie, Wissen ist Macht, im Sinne einer Möglichkeit, sich Zugang zu verschaffen, der erreicht die Menschen nicht mehr in der intellektuellen und psychischen Verfassung, in der sie sich befinden. Für sie ist es degoutant, sich um Macht zu bemühen, denn sie erleben die Macht nur repressiv und degeneriert. Und weil es so ist, darum sind auch die Zugänge zu den Arealen der Verwirklichung so suspekt.

Es herrscht eine pathologische Angst im Lande, wenn es darum geht, nach Macht zu streben und deshalb finden wir auch kaum noch einen Willen, Bildung zu erwerben. Denn Bildung ermöglicht es, sich zu einem historischen Bewusstsein aufzuschwingen, Bildung ermöglicht es, sein Leben aktiv gestalten zu können und emanzipatorische Schritte zu gehen.

Der Kampf, vor dem die Gesellschaft momentan steht, ist der entscheidendste der Neuzeit. Die Revolutionen und Kriege des letzten Jahrhunderts waren auch Zeichen großer Vitalität der Völker, sie folgten positiven Idealen wie verheerenden Irrwegen, aber sie besaßen – für sich – eine Definition ihrer selbst und eine Vision ihrer jeweiligen Zukunft. Sollte der Kampf um einen demokratisch begründeten Bildungszugang verloren werden, dann stehen wir vor einer langen Perspektive der Geschichtslosigkeit. Es wird Friedhofsruhe einkehren, die universalen Themen der Existenz werden ohne ihre antagonistischen Pendants auskommen müssen, Herrschaft und Hass, Krieg und Neid, Missgunst und Eifersucht werden die Existenz von Generationen vergällen.

In solchen Situationen bemühte Heinrich Heine den Olymp. Vor allem jene Szene scheint angebracht, in der die Götter bei viel Sinneslust und Kurzweil, bei Nektar und Ambrosia nackt durcheinander liegen. Nur eine Frau ist darunter, die mit einem Panzer bekleidet ist und Schwert und Schild bei sich trägt: Es ist die Göttin der Weisheit.