Viele Europäer, die in asiatischen Metropolen leben, klagen darüber, dass sie irgendwann einen gehörigen Koller bekommen. Als Gründe dafür geben sie das ungeheure Treiben der Massen, die Rührigkeit des gesamten Lebens, den dadurch verursachten Lärm, die fremden Speisen, die kollabierende Infrastruktur und den Mangel an Privatheit an. Wir lebten schon einige Jahre in Jakarta und konnten diese Erfahrung nicht teilen. Die Hauptstadt Indonesiens mit ihrer ungeheuren Impulsivität und Lebenskraft, mit ihren atemberaubenden Widersprüchen und den unzähligen Geheimnissen war uns eine wahre Heimat gewesen. Nie verspürten wir so etwas wie Sehnsucht nach dem europäischen Lebensstil. Wir fühlten uns gut und hatten kein Bedürfnis, irgendwohin zu flüchten, um uns von dieser erlebten Spannung zu erholen.
Während der Unruhen und dem Sturz Soehartos waren wir einmal widerwillig nach Kuala Lumpur evakuiert worden und fanden es eher fad und wir hatten Singapur besucht, das uns als gar nicht sonderlich asiatisch enttäuscht hatte. Ungefähr einmal im Jahr flogen wir in die deutsche Heimat, aber mehr wegen der Angehörigen und Freunde und um die üblichen Bank- und Arztkonsultationen zu absolvieren, als aus Heimweh oder gar Flucht vor unserer neuen asiatischen Lebenswelt.
Das einzige, was uns beflügelte, das Auge zwischendurch auch einmal auf die westliche Kulturhemisphäre zu richten, war die Tatsache, dass wir um die zeitliche Begrenzung unseres asiatischen Aufenthaltes wussten und man von Indonesien aus relativ schnell nach Australien kommt, was von Europa aus gesehen jedoch zu einem flugtechnischen Marathon wird. So beschlossen wir den Jahreswechsel 2000/01 im von Jakarta nur drei Flugstunden entfernten australischen Perth zu verbringen.
Perth gehört durch seine geographische Lage und seine Kulturanbindung sicherlich zu den großen Kuriosa dieser Welt. An der Westküste Australiens und am Indischen Ozean gelegen, ist es einige Tausend Seemeilen vom afrikanischen Kontinent und der dortigen Metropole Kapstadt entfernt. Was den australischen Kontinent selbst anbetrifft, so ist es durch tausende Kilometer Wüste von der restlichen Zivilisation Australiens abgeschnitten. Bis nach Adelaide, der nächsten Großstadt, braucht man Tage mit dem Zug und dazwischen liegt das steinige Nichts. Die nächst größere Stadt ist eigentlich das indonesische Surabaya, welches allerdings kein Australier ansteuern würde, um Zivilisationskontakte zu pflegen, dazu ist man zu inzestuös programmiert. Ein Blick auf die Karte genügte, um dieses Kuriosum ausfindig zu machen und insofern waren wir gespannt auf das, was uns in diesem westlichen Niemandsland begegnen würde. Viele Bekannte aus der Expatszene hatten uns zwar schon einiges erzählt und von Perth geschwärmt, aber wir waren im Laufe der Zeit bezüglich derartiger Bewertungen vorsichtig geworden, weil erstens die Geschmäcker verschieden sind und zweitens viele Expats im Laufe ihres Auslandsdaseins sich schnell mit Kulissen und bloßen Hinweisen auf den Westen zufrieden geben, um ihre Sehnsucht nach ein wenig Heimat zu stillen.
Neugierig bestiegen wir also kurz vor Weihnachten das Flugzeug und nach einem auch für indonesische Binnenverhältnisse kurzen Flug von drei Stunden landeten wir im australischen Perth. Die ersten Eindrücke auf und vor dem Flughafen verwunderten uns nicht und deckten sich mit den sinnlich wahrnehmbaren Informationen, die der Reisende von Asien in den Westen in der Regel bekommt. Alles war leerer, die Menschen älter und ein Hauch von Reguliertheit legte sich über jede Aktion. Da wir im australischen Sommer ankamen, hatten wir angenehme Temperaturen, die Luft war trocken und nicht feucht und es herrschte ein grandioses Licht. Wir bestiegen ein Taxi, und gaben die Adresse an, die wir gebucht hatten. Wie wir später zu schätzen lernten hatten wir Glück, auf einen Taxifahrer aus dem Balkan zu treffen, der das Phänomen des Fremdseins kannte und gleich mit uns ein entspanntes, aber informationshaltiges Gespräch führte.
Da unser Domizil nicht direkt in der Stadt Perth, sondern an deren Strand Scarborough lag, hatten wir einige Zeit, uns etwas zu unterhalten. Es ist allgemein bekannt, dass Taxifahrer immer ein gutes Medium sind, um erste Eindrücke zusammeln und Informationen zu bekommen, die jenseits der offiziellen Bulletins liegen. Der, auf den wir trafen, entpuppte sich als ein hellwacher und interessierter Zeitgenosse, der nicht lange hinter dem Berg hielt. Er gab uns einen Überblick über die Situation und das Lebensgefühl der jungen Leute von Perth, die irgendwann alle dem Inselkoller erlagen und durch exzessive Verhaltensweisen ihrem Wunsch nach Flucht Ausdruck verliehen. Er erzählte uns von dem furchtbaren Schicksal der Aborigines, die als Fremde im eigenen Land ein hoffnungsloses Dasein fristeten und er berichtete auch von sich selbst, wie es ihm ergangen war als Einwanderer und das es ihm in vielen Jahren nicht gelungen war, einen Weg in die Gesellschaft zu finden. Während dieser Erzählungen blickten wir auf eine wunderschöne Stadt, die durch sehr geschmackvolle moderne wie durch romantisch wirkende viktorianische Architektur zu bestechen wusste. Hinzu kamen immer wieder große Areale himmlisch anmutender Parkanlagen, in denen ein atemberaubender Baumbestand und sehr viele exotische Vögel hervorstachen. Alles wirkte gediegen, liebevoll und sehr einladend. Die Schilderungen unseres Fahrers passten dazu nicht, doch wir waren offen und hörten uns alles an. Da wir ihm unser Ohr schenkten und ihm durch unsere Fragen signalisierten, dass wir ihn ernst nahmen und interessiert waren, gab er uns auch noch wertvolle Tipps im Hinblick auf Unterkünfte und gute Restauration.
Als wir an unserem gebuchten Domizil ankamen, verabschiedeten wir uns von unserem unentgeltlichen Fremdenführer sehr freundschaftlich und dieser raunte uns noch zu, falls es uns dort nicht gefiele, sollten wir doch für die erste Nacht in das große Hotel am Strand gehen und dann weiter sehen. Und der kluge Mann wusste, was er uns riet. Denn wir trafen auf ein furchtbares Anwesen und eine noch schrecklichere Landlady. Als wir an der Anmeldung klingelten, kam diese beträchtlich alkoholisiert an die Pforte und zeigte uns eine Kaschemme, dass es uns die Sprache verschlug. Da gab es nicht viel zu debattieren, wir bissen in den sauren Apfel einer schlechten Interneterfahrung, nahmen die Koffer in die Hand und liefen einige Hundert Meter bis zu dem uns von dem Taxifahrer empfohlenen großen Hotel, wo wir im zwanzigsten Stock noch ein Zimmer bekamen. Wir ließen uns noch etwas zu essen aufs Zimmer bringen und schliefen traumlos.
Als wir am nächsten Morgen erwachten, blickten wir auf eine atemberaubend schöne Küste und ein quicklebendiges Meer, auf dessen Wellen schon etliche Surfer ritten. Unten im Eingangsbereich befand sich die Frühstückslounge und was wir dort sahen und erlebten, passte eigentlich nicht so ganz in die südliche Hemisphäre. Das Buffet präsentierte das klassische englische Frühstück in seiner ausuferndsten Bandbreite, vom Rührei über gebratenen Speck, mashed potatoes, fettige Bratkartoffeln, soßige Bohnen bis hin zu den sehr eigenwilligen Bratwürsten im zarten Natursaitling. Hinzu kamen Marmeladen und Konfitüren aller Art, Pfannkuchen mit Sirup und Sahne, Bownies, Cookies, Eiscreme, und eigenartige Zuckerperlen.
Als wir den Raum betraten, schlug uns der Duft all dieser offerierten Speisen bereits entgegen und große Gesellschaften saßen um runde Tische, die zum Teil schon den Eindruck eines gewaltigen Schlachtfeldes vermittelten. Uns fiel auf, dass die Menschen hier an kollektivem Übergewicht litten, während wir aus dem Fenster am Strand die sehr sportive Version des homo australicus gesichtet hatten. Obwohl ich noch am Tag zuvor gewohnheitsgemäß in Jakarta meinen Tag mit etwas nasi goreng und Fruchtsäften begonnen hatte, stürtzte ich, nachdem wir uns an einem der wenigen kleineren Tische niedergelassen und Kaffee und Tee bestellt hatten, wie der Pawlow´sche Hund ans Buffet und gab es mir very British. Es musste einfach sein und für einen Moment verstand ich alle meine Tischnachbarn, die dieses Zeremoniell wohl täglich zu zelebrieren schienen.
Nach dem Frühstück checkten wir aus, da das Hotel weder unserem Geschmack noch unseren Vorstellungen des Preises entsprach und suchten uns ein Appartement. Kurz darauf fanden wir auch eines, das sehr modern und geschmackvoll, ruhig und ebenfalls in Strandnähe war. Danach riefen wir Freunde aus Jakarta an, die sich zufällig auch in Perth aufhielten und bereits vor einigen Jahren dort für zwei Jahre residiert hatten. Wir verabredeten uns mit ihnen direkt in Perth im Ortsteil Subiaco. Vorher mieteten wir ein Auto und waren somit mobil.
Unsere Freunde wohnten in einer sehr schönen, in das urbane Umfeld einbezogene Anlage und meine Frau und ich beschlossen, unsere Zeit in Perth aufzuteilen in eine Phase am Strand und eine in der Stadt. Bei dem Treffen erhielten wir viele Informationen über die Sehenswürdigkeiten, der Dos und Do Nots und wir hatten eine angeregte Unterhaltung. Nachdem wir solchermaßen und schnell ein vernünftiges Domizil, ein Fortbewegungsmittel und allerlei Orientierungstipps erhalten hatten, konnten wir sehr entspannt der Zeit, die vor uns lag, entgegen sehen, was wir auch taten. Wir genossen das trockene Klima, die Spaziergänge am Strand und das Licht. Vor allem das Abendlicht vor dem Sonnenuntergang vermittelte eine Wärme und Intensität, wie ich sie nie mehr vorher oder nachher erlebt habe. Saß man in einem Café am Meer und blickte zum Himmel, dachte man, es würden in froher, leicht getragener Stimmung die Vorbereitungen für das Ende der Zeit getroffen. Und alle Objekte, die von dem immer leicht ockerfarbenen Licht getroffen wurden, erhielten eine Aura der inneren Ruhe und Friedfertigkeit. Diese Momente sollten für mich die Höhepunkte meiner Zeit in Perth werden, weil sie etwas Einzigartiges hatten.
In der folgenden Zeit hatten wir genug Gelegenheit, das Treiben zu beobachten und eine Idee davon zu bekommen, nach welchen Schwingungen die Westaustralier ihr Leben ausrichteten, wie sie dachten, funktionierten und kommunizierten. Vieles davon kam uns als Westlern bekannt vor, manches erstaunte uns dann doch und einiges stieß bei uns auf Unverständnis. Zudem wussten wir um einige Bekannte, die wir aus Jakarta hatten, und die sich zur Jahreswende ebenfalls in Perth aufhielten. Sollte wir also das Bedürfnis nach bekannter Gesellschaft haben, so konnten wir uns problemlos bedienen, mussten es aber nicht, was immer zum Vorteil wird, weil die Freiwilligkeit eine Grundlage der Unabhängigkeit bildet. Und um es gleich zu sagen: Wir zogen die Karte kaum, hatten wir doch genug vor und zu erleben. Wir hatten zwei oder drei Treffen, und die eher aus Höflichkeit.
Was das australische Leben anbetraf, so bekamen wir den ersten Hinweis darauf schon am ersten Abend, als wir sehen konnten, was die typische australische Restauranthaltung war. Sie resultiert aus der inneren Logik einer protestantischen Gesetzgebung, die die Regulierung des Wohles von Individuum und Gemeinschaft zu jeder Zeit im allgegenwärtigen Auge hat. In australischen Restaurants ist das Rauchen strikt untersagt und deshalb gehört es zum allgemeinen Usus, nach dem Essen durchaus vor die Tür des Restaurants zu gehen, um eine Zigarette oder einen Zigarillo zu rauchen. Da es aber zum Schutze der Jugend und zur Herstellung der öffentlichen Hygiene strikt untersagt ist, unter freiem Himmel, auf Straßen und Plätzen alkoholische Getränke zu sich zu nehmen, stehen viele Restaurantbesucher, die nach dem Essen rauchen, aber nicht auf einen Schluck Wein oder einen Digestiv verzichten wollen, vor einem unüberbrückbaren Dilemma. Dieses führt zu dem Kuriosum, das Männer wie Frauen, und letztere zum Dinner sehr oft elegant gekleidet, breitbeinig auf der Restaurantschwelle stehen, in der linken Hand ein Glas Wein innerhalb des Restaurants, in der rechten aber die Zigarette auf dem Trottoir. Wollen sie einen Schluck Wein nehmen, so dreht sich ihr Kopf ins Restaurant, ziehen sie an der Zigarette und exhalieren sie, so erscheint er auf der Straße. Mal abgesehen davon, dass wir soeben aus dem in dieser Hinsicht liberal-paradiesischen Asien kamen, so hatte das ganze auch unter dem Aspekt der damaligen europäischen Gewohnheiten etwas Absurdes und Bizarres. So sah man dort elegante und kultivierte Frauen, vom Gesetzgeber verdammt zu Körperhaltungen, die an die Rotlichtzonen hinter den Containerdocks der Welthäfen erinnerten. Sie standen sie sich paarweise gegenüber, spiegelverkehrt, breitbeinig, laut schnatternd, das Weinglas im Lokal, die Zigarette auf der Straße, immer wieder in das Restaurant schreiend, weil dort andere Kommunikanten standen wie andererseits auch auf der Straße, wo sich die exklusiv Rauchenden aufhielten. Das alles wirkte völlig irrsinnig und machte deutlich, zu welchen Kapriolen eine Gesetzgebung in der Lage ist, die regulierend und eindimensional denkt und das menschliche Individuum nicht ganzheitlich sieht. Insgesamt waren diese Beobachtungen die ersten Hinweise auf die Dimensionen der protestantischen Reconquista gegen den eigenen Liberalismus.
Uns erschien das damals völlig fern und eine australische Eskapade, bis wir gut ein Jahr später bei unserer Rückkehr nach Deutschlandeines Besseren gelehrt wurden, als wir wahrnehmen mussten, wie weit der protestantische Fundamentalismus Einzug in das Denken genommen hatte.
Neben dieser Kuriosität fielen uns weitere auf. Wir hatten bereits im Fernsehen Anti-Raucher-Spots gesehen, in denen ein Lungenzug und seine Auswirkungen auf seine organische Umgebung simuliert wurden, um nachher Bilder von bösen und unappetitlichen Missbildungen zu zeigen. Nun fielen uns Schilder an den Straßen auf, auf denen zu lesen war, wer trinke und Auto fahre, sei ein Idiot oder ein Mörder. So war ein weiteres Erlebnis nur folgerichtig. Es gehört zu den Gewohnheiten vieler Australier, die außerhalb der City wohnen, nach der Arbeit mit Kollegen in eine der zahlreichen Bars zu gehen, um einen Drink zu nehmen und etwas zu plaudern. Wie wir sahen, wurde dort nicht selten ziemlich zugelangt. Da allerdings in Australien die Null-Promille-Grenze gilt, war nur klar, dass die Polizei die Gelegenheit nutzte, um an den Ausfallstraßen Alkoholkontrollen vorzunehmen. An einem frühen Abend standen wir auf eben einer solchen Ausfallstraße in einem recht langen Stau und waren uns nicht ganz sicher, um was es ging. Polizisten hielten einen Wagen nach dem anderen an. Als die Reihe an mir war, bat mich eine Polizistin, das Fenster der Fahrerseite zu öffnen. Noch als das Fenster in der Abwärtsbewegung war, drang bereits ihr Arm mit einem Blasröhrchen ein und auf meinen Kopf zu und sie harschte mich von außen an „Blow!“ Das war unmissverständlich und machte mehr als deutlich, dass diese Leute auf keinen Fall von einer Unschuldsvermutung ausgingen. Sei´s drum, ihr schillerndes Rohr stellte nichts fest.
Als wir uns eines Abends zu dem entfernter liegenden Überseehafen Perth´ namens Freemantle aufmachten, erlebten wir hingegen eine andere, äußerst attraktive Welt. Zum einen gibt es nichts schöneres als einen Hafen in diesem Licht in der Abenddämmerung. Zum anderen stellten wir fest, dass es dort eine sehr intakte und gut funktionierende italienische Community gab. Das fing an mit den Fischrestaurants direkt am Wasser, ging über Bocchia-Clubs, deren Mitglied man nur werden konnte, wenn man der italienischen Sprache mächtig war und endete auf der Hauptstraße, genannt der Capuccino-Strip an der South Terrace, in der verschiedene italienische Restaurants Speisen in einer Qualität und Originalität anboten, wie ich es weder vorher noch nachher irgendwo auf der Welt erlebt habe. In einem solchen Restaurant taten wir uns im Freien gut und so wurden wir, als die Dunkelheit der Nacht einzog, Zeugen eines beispiellosen Schauspiels. Die Straße entpuppte sich als die Cruisermeile der Stadt. Plötzlich tauchten alle möglichen amerikanischen Limousinen der Filmgeschichte auf, meistens als Cabriolets, Chevrolets, Buicks, Lincolns, natürlich Corvettes und Ford Mustangs. Sie alle wurden von jungen Männern gefahren, ganz langsam, um der stylischen Pomade im Haar gerecht zu werden. Als Dekor waren junge Frauen dabei, nicht selten im Pettycoat. Das Ganze hatte etwas von einer Inszenierung aus vergangener Zeit, doch es war gelebte Realität und gehörte zum abendlichen Ritual. Auffallend war, dass fast alle, Fahrer wie sonstige Insassen, ganz trendy mit offenen Bier- oder Whiskeyflaschen, die immer wieder die Lippen wechselten, diesen Cruise begleiteten. Und obwohl unübersehbar überall Polizei zu sehen war, störte sich niemand daran und es wurde auch nicht eingegriffen. Anscheinend galt für die Sprösslinge der Oberschicht ein eigenes Gesetz. Wir suchten in dieser Zeit Freemantle öfters abends auf, wegen der italienischen Küche, wegen des märchenhaften Lichts und wegen der Erfahrung, dass auch am Ende der westlichen Welt die Illusion der vielleicht einzige Konsens war, der noch erzielt werden konnte.
Nachts fuhren wir dann in unserer großen japanischen Limousine zurück nach Perth und wir hatten das Gefühl, als befänden wir uns auf dem Mond, fasziniert von der Stille, den tieflagigen Flüstertönen des Windes und dem eigenartigen Gefühl, vieles zu erkennen, bei näherem Hinsehen jedoch festzustellen, dass es nur der Schein war, den wir zu kennen glaubten, dahinter aber kein Sein erkennen konnten.
Wir hatten uns vorgenommen, auf jeden Fall die Insel Rottnest, Rattennest, zu besuchen. Sie war uns aufgrund der Strände und Idylle zudem aufgrund der Fauna, vor allem der nachtaktiven Quokkas, das sind kleine Beuteltiere, die es nur auf dieser Insel zu geben schien, als sehenswert geschildert worden. Also bestiegen wir an einem sonnigen Morgen in Freemantle die Fähre und setzten über nach Rottnest. Dort angekommen, mutete tatsächlich alles sehr schön an, so wie es in den Prospekten gepriesen worden war: Lange Sandstrände, keine Autos, beste Wellen für Segler und Surfer und wunderbare Tauchspots. Was wir nicht wussten und erst dort erfuhren, versetzte uns jedoch einen Schlag. Rottnest war das australische Konzentrationslager für die Aborigines.
Hier wurden die Ureinwohner des gesamten australischen Kontinents in einem Lager interniert. Man verfrachtete sie aus allen Teilen des Landes hierher, meistens mit einer Eisenkugel am Fuß, um sie hier einzusperren und zu brechen. Zigtausende verloren ihr Leben schon auf dem Transport, und noch mehr ließen ihr Leben in Rottnest. Es war ein Holocaust, der in den westlichen Geschichtsbüchern nicht satt fand. Nicht, dass die Menschheitsgeschichte nicht durchzogen wäre von schlimmen Phasen der Unterdrückung und gewaltigen Irrtümern. Und nicht, dass es kaum Völker gäbe, in deren Journalen nicht erhebliche Versäumnisse gegen die Menschlichkeit zu entdecken wären. Und gut, dass irgendwann, zwar immer spät, doch nie zu spät, so etwas wie eine späte Erkenntnis, ja Reue einkehrt, die eine historische Aufarbeitung der eigenen Geschichte einleitet.
Wir stellten fest, dass es in Australien kein Unrechtsbewusstsein gegenüber den Misshandlungen gegen die Aborigines gibt. Schlimmer noch, man fühlt sich anscheinend im Recht. Den Gipfel bildet wohl der Umgang mit den Lagern in Rottnest, denn man hat sie umgebaut zu Feriendomizilen. Dort, wo systematisch und programmatisch Menschen vernichtet wurden, psychisch, physisch und ethnisch, können sich heute die Mitglieder des weißen australischen Mittelstands einen kleinen Abenteuerurlaub buchen und im Kreise ihrer Familien lustige Grillabende veranstalten. Das ganze war so bodenlos, so zivilisationsfern und so inhuman, dass wir die nächst mögliche Fähre nahmen, um zurück ans Festland zu kommen.
Das Thema interessierte uns natürlich mehr und in den nächsten Tagen erfuhren wir einiges über die verschiedenen Wellen der Vernichtung. Die schneeweißen Nachkommen britischer Zuchthäusler hatten seit ihrer Ankunft versucht, die Aborigines zu vernichten, obwohl diese aufgrund ihrer Lebensgewohnheiten nie eine Gefahr darstellten. Mal hatte man sie systematisch abgeschossen, mal landesweit deportiert und mal ihnen alle Kinder abgenommen und in weiße Farmerfamilien gesteckt. Letztere wurden zu einer Lost Generation, die völlig gebrochen an den Rändern der weißen Siedlungsbefestigungen im Wüstensand verendete.
Bis in die Gegenwart sind die Aborigines aller wesentlichen Rechte beraubt, man macht sie zu Wohlfahrtsempfängern und nimmt ihnen weiter die Würde, indem man ihnen verbietet zu arbeiten. Geht man durch die Städte, sieht man sie oft alkoholisiert in den Parks herumliegen, gebrochen. Nie vorher oder danach habe ich Menschen gesehen, deren Blick eine derartige Trostlosigkeit offenbarte.
Ein Jahr zuvor hatten wir bei einem Besuch in Deutschland die Berichterstattung des dortigen Fernsehens zu den olympischen Spielen in Sidney erlebt und noch im Nachhinein stieg in mir die kalte Wut hoch. Australien wurde durchweg als ein wunderbares, tolerantes und liberales Land geschildert, in dem alle nett waren und es ein Glück war, dort leben zu dürfen. Angesichts dieser propagandistischen Höchstleistungen und dem gleichzeitigen Verriss nicht westlicher Gastgeber olympischer Spiele verwundert es nicht mehr, dass der Westen in der restlichen Welt kaum noch Glaubwürdigkeit besitzt. In Asien nennt man ihn deswegen schlichtweg arrogant, was das schlimmste Attribut ist, das man sich einfangen kann.
Doch der australische Kalender hatte keine Veranlassung, stehen zu bleiben und so erlebten wir einen Boxing Day, sprich Weihnachten, das sicherlich zu den Bildern beitrug, die man sich in Europa von diesem Land zu machen beliebt. Am Strand sahen wir Weihnachtsmänner, die surften oder in der Badehose tanzten. Überall gab es lustige Familienpicnics und es herrschte ausgelassene Stimmung. Abends gingen wir gut essen und setzten uns in eine Bar. Alle Menschen waren immer ausnehmend freundlich zu uns, ins Gespräch selbst kamen wir jedoch nie.
Zum einen lag es an der Sprache. Australisch ist das am schlechtesten verständliche Englisch der Welt, es wird in einem höllischen Tempo dahingeschnuddelt und prononciert wie ein hastig eingesaugter Pulpo. Wirt trauten unseren Ohren einfach nicht. In keinem Teil der Welt hatten wir je ein Englisch gehört, das sich dermaßen gegen das Verstehen wehrte und das so wenig Attraktion besaß, als dass man sich Mühe gab, um es zu erwerben. Es hatte allerdings etwas von sozialer Gerechtigkeit. Vom Tellerwäscher bis zum Volljuristen hörten sich alle gleich an, Bildung schien in Bezug auf die Sprachperformance keine Rolle zu spielen. Und wenn man in den Nachrichten den damaligen Präsidenten Howard sah und hörte, hatte man allemal den Eindruck, ein Kapitalverbrecher hätte sich als Staatsoberhaupt verkleidet. Er sprach nicht nur den Slang der Gosse, sondern er dachte auch so, was sich zum Beispiel darin zeigte, dass er asiatische Boatpeople, die in australischen Gewässern aufgetrieben wurden, dehydriert, unterernährt und leicht havariert abdrängen ließ, sodass sie de facto den Haien vorgeworfen wurden.
Zum anderen wurden wir das Gefühl auch nicht los, dass man gar kein Interesse an einer Konversation hatte. Hier, in dieser abgelegenen Welt, aus der die Jungen angeblich entfliehen wollten, fand sich niemand, dem es eine Anstrengung wert gewesen wäre, mit Menschen in Kontakt zu treten, die aus einer anderen Lebenswelt kamen. Wir hatten Urlaub und kamen aus einer der kommunikativsten Metropolen der Welt, wir lächelten milde und gingen unserer Wege.
Doch das schneeweiße Perth hatte in seinem Faible für gebügelte neue Dollars auch etwas frisches Blut in die intimen Gemächer gelassen. Das Blut war zwar frisch, aber es blieb doch ziemlich weiß. Zum einen war nach Ende des Apartheidregimes in Südafrika sehr viel weißes Kapital und auch einige seiner Eigentümer über den Indischen Ozean nach Perth gewandert, zum anderen hatten viele indonesische Chinesen nach den Ausschreitungen um den Sturz Soehartos ihr Vermögen via Singapur ins sichere benachbarte Australien transferiert. Üppige, exorbitant gestaltete und als Hochsicherheitstrakte verwaltete Villen entpuppten sich nicht selten als Residenzen einer dieser Migrantengruppen. Die Möglichkeit, australische Papiere zu bekommen, steht in direktem Zusammenhang mit der Geldsumme, die man mitbringt. Aber es gab auch andere Schicksale.
Das erfuhr ich bei meinen morgendlichen Ausflügen in die Parks. Da zur Jahreswende in Perth Hochsommer herrscht, zog es mich morgens sehr früh in die großen Parks der Stadt. Ich nahm dann immer mein Saxophon mit, um beim Anblick der aufgehenden Sonne und den Lichtspielen auf den Tauflächen zu spielen. Das war gut möglich, weil um diese Zeit außer den beheimateten Papageien kaum Zeitgenossen unterwegs waren. Die Kühle inspirierte und es machte einfach Spaß, je nach Laune ein wenig zu improvisieren. In einem Park im Stadtteil Subiaco tauchte eines Morgens plötzlich ein Vietnamese neben mir auf, der mir zunächst sehr aufmerksam zuhörte und dann sehr geschickt über das Gehörte meine Herkunft zu ermitteln suchte. Es entspann sich ein interessantes Gespräch und ich erfuhr, dass der Mann zu den Boatpeople gehört hatte, die aus Vietnam geflüchtet waren. Er hatte es mit seiner Familie tatsächlich bis nach Australien geschafft und lebte bereits seit achtzehn Jahren in Perth. Das interessierte mich sehr und ich fragte ihn, inwieweit er sich denn eingelebt habe. Er berichtete mir, dass er in den fast zwei Jahrzehnten nie Kontakt in die australische Gesellschaft gefunden habe. Seine Sozialkontakte waren die gleichen, wie am ersten Tag seiner Ankunft, alles beschränkte sich auf die eigene Familie und noch den einen oder anderen Menschen, den das gleiche Schicksal hier ans Ende der Welt verschlagen hatte.
Auf einer anderen morgendlichen Exkursion in einem Park bei Scarborough mit Blick auf das Meer sprach mich ein älterer Herr an, der seinen Hund ausführte. Er entpuppte sich als eingewanderter Ire, der seit vierzig Jahren in Australien war. Als Fernsehtechniker hatte er immer Jobs gehabt, nicht schlecht verdient und materiell eigentlich nie Sorgen, obwohl es andererseits auch nicht so viel war, als dass er hätte einen schwelgerischen Lebensstil an den Tag legen können. Als ich ihn fragte, ob er, wenn er noch einmal vor der Entscheidung stünde, das Gleiche täte, verneinte er. „Es war der größte Fehler meines Lebens.“ Und er nahm seinen Hund und zog weiter seine Runden.
Der Stadtteil Northbridge ist der, in welchem sich Kultur und Unterwelt ein bisschen näher kommen. Hier isst man sehr gut, vor allem Seafood und Asiatisch, wir bevorzugten zumeist ein wunderbares Restaurant mit dem treffenden Namen Fishy Affaires.
An einem Wochenende hatten wir schon morgens am Meer gesehen, dass ein amerikanischer Flugzeugträger angelegt hatte. Abends sahen wir dann in Northbridge einen Film, in dem Frank Sinatra hätte die Hauptrolle spielen können. Die amerikanischen Seeleute hatten Ausgang und erschienen Grüppchenweise in Northbridge, wo sie zunächst Essen gingen und dann auf Brautschau in die vielen Clubs, in denen Big Bands aufspielten. Fly me to the Moon, On the sunny Side of the Street, Basin Street Blues, Stormy Weather waren die Melodien, die aus den verschiedenen Etablissements mit fetten Bläsersätzen zu vernehmen waren. Je später die Stunde, desto mehr ganz in Weiß und schwarze Lackschuhe gekleidete Matrosen bevölkerten Clubs und Viertel, es mussten Tausende sein. Und je mehr der Abend fortschritt, desto betrunkener wurden viele.
Die gut erkennbaren höheren Ränge blieben genauso nüchtern wie die undercover arbeitenden Militärpolizisten, unter deren lässig weit getragenen Hawaiihemden die Peacemaker für alle gut sichtbar hervorlugten. Die ganze Gilde der anglo-sächsisch-weißen Prostitution hatte hervorragende Arbeit geleistet und kaum ein Held des Flugzeugträgers musste die Nacht allein verbringen, sofern er das nicht wollte. Ständig rollten amerikanische Limousinen aus den dreißiger, vierziger und fünfziger Jahren vor den Clubs vor und luden Tanzbekanntschaften ein, um sie möglichst schnell an einen Ort höherer Intensität zu verfrachten. So manch wackeren Seemann sahen wir an diesem Abend zweimal aus einem Club in ein solches Auto steigen, aber mit unterschiedlichen Frauen an der Hand. Andere wiederum lagen irgendwann auf den Grünflächen, vom Alkohol ausgeknockt, und wurden in einer konzertierten Aktion von australischen und amerikanischen Sicherheitskräften ganz unspektakulär entsorgt.
An Silvester gingen wir zunächst gut essen und schlenderten danach durch die Stadt. Auf den Straßen entwickelte sich ein gewisses kulturelles Leben, Straßentheater wie kleine Bands spielten auf und es herrschte eine entspannte und gelöste Stimmung. In den Bars hingegen betranken sich viele systematisch und nach Plan. Also blieben wir auf den Straßen und bewegten uns mit dem Gros der Menge auf einen Park zu, der leicht erhöht liegt, einen Blick auf die City erlaubt und in dem gegen Mitternacht eine Art Massenpicnic stattfand. Wir wollten die Skyline von Perth von hier aus mit dem Feuerwerk erleben. Kurz bevor wir in den Park einbogen, unter Tausenden von Menschen, hier am Ende des Westens, mussten wir ausgerechnet einem deutschen Ehepaar begegnen, das wir aus Jakarta kannten und dessen Temperament keines war. Meine Frau stöhnte nur auf, als der Blickkontakt nicht mehr zu vermeiden war. Als dann bei der Begrüßung uns die Dame auch noch als erstes fragte, ob wir wüssten, wie denn die preußischen Lutheraner nach Australien gekommen seien, blickten wir uns nur noch an und hatten Mitleid miteinander. Die Stimmungskanonen wichen nicht von unseren Fersen und während um Mitternacht der Nachthimmel der südlichen Hemisphäre Funken schlug und Purpur versprühte, fragte mich mein neben mir stehender Nachbar, ob ich wüsste, wer nun die Projektleitung bei der Dezentralisierung in den östlichen Provinzen hätte. Besser kann man natürlich nicht ins Neue Jahr kommen und meine Frau und ich lachten heftig, als wir die beiden abgeschüttelt hatten.
Wir sahen uns noch manches an und genossen die Zeit. Als es an die Abreise ging, wussten wir, dass wir mit Australien noch nicht fertig waren und es noch eine Chance verdient hatte. Andererseits muss ich zugeben, dass ich mich auch richtig wieder auf Jakarta freute. Als mich dort Interessierte fragten, wie es mir ergangen war, kam mir wie von selbst immer wieder eine Metapher in den Sinn. Ich dachte dann an den wirklich wunderschönen Stadtteil Subiaco, der so sehr an das England des 19. Jahrhunderts erinnerte, aber nie hielt, was die Architektur versprach. Australien so schien es mir, war ein von der Architektur gelungenes Opernhaus, in dem allerdings die Sänger fehlten.
