Es gibt Orte, die bei der ersten Wahrnehmung nicht viel hermachen, von denen man glaubt, sie seien uninteressant und eher zufällig und ihre Wirkung auf das Umfeld von keiner Bedeutung. Lässt man sie nicht einfach aus dem Blickfeld wieder entweichen, sondern ehrt sie durch einen intensiveren Blick, obwohl sie es eigentlich nicht verdient haben, dann entwickeln manche Orte dieser Art eine Magie, die bis ins Herz dringt. Man geht näher heran, man tritt in ihn herein, und immer noch passieren Dinge, die weder schön noch geheuer sind, und dennoch fühlt man sich wie von einer unsichtbaren Hand angezogen und nicht mehr losgelassen. Und je mehr man sich dem Abenteuer hingibt, desto mehr ist man ihm verfallen und irgendwann übt dieser Ort eine Faszination aus, die vieles überstrahlt.
Mir ging es mit dem Club The Bitter End im Village, genauer gesagt in der Bleeker Street so. Stand man dem Club gegenüber auf der Straße, so glaubte man den Namen sofort, denn von außen wirkte er wie die allerletzte Adresse. Tatsächlich lag das Bitter End am Ende einer Straße mit vielen Clubs und tatsächlich war er der letzte Ort, der sich an eine wie auch immer geartete Öffentlichkeit wandte. Danach kamen nur noch dunkle Wohnblocks, zerschlagene Straßenlaternen und irgendwann hörte man dann nur noch den schwarzsilbernen East River rauschen. Das Reklameschild, auf dem der Name in grünen Neonlettern flackerte, hing schief, die Fenster zum Souterrain, in dem sich der Club befand, waren eisenvergittert und die ankommenden Gäste wurden von Gestalten gemustert, die andernorts nur den Wunsch nach der sofortigen Präsenz des FBI ausgelöst hätten.
In den achtziger Jahren, vor allen den späten, begab sich New York in eine neue Ära. Das ganze Revoltenpublikum der siebziger Jahre sowie die alte, tradierte Unterwelt bekamen das sehr deutliche Gefühl, dass sie nicht mehr so willkommen waren. Ein Bürgermeister wie Ed Koch wollte die Kriminalität in der Stadt bekämpfen und ging dabei ganzheitlich vor, d.h. er versuchte die Sümpfe trocken zu legen, aus denen Gewaltkriminalität und Drogenkonsum gekrochen kamen. So wurde der Tod der 42. Straße, dem Rotlichtzentrum Manhattans ebenso eingeläutet wie die schleichende Sanierung von Greenwich Village, um Wohnraum für die coffeinfreien Yuppies zu schaffen und die vielen kleinen Junkies los zu werden. Einher mit den administrativen Maßnahmen ging ein Machtwechsel in der Unterwelt, die italienische Mafia wurde immer mehr verdrängt von chinesischen Gangs und es gab nicht wenige saturierte New Yorker, die sich nach den guten, alten Zeiten der Mafia zurücksehnten, weil die Brutalität und Rigorosität der chinesischen Gangs alles sprengte, was man sich bis dahin hatte vorstellen können.
Die ganze Stadt diskutierte zu dieser Zeit heftig über die Zukunft. Die einen wollten mehr Sicherheit und gerne dafür den Preis strikterer Kontrolle und weniger Farbe bezahlen, die anderen wollten den Melting Pot am leben halten, plädierten für noch mehr Liberalität und waren bereit, darüber die Sorgen vieler New Yorker Bürger zu ignorieren.
Die Frage nach der Zukunft des Big Apple war Tagesthema und es verging auch kein Tag, an dem man nicht irgendwo, bei welcher Gelegenheit auch immer, in ein Gespräch verwickelt worden war, in dem sie eine Rolle gespielt hätte. Jede Aktion der Stadtverwaltung wurde kritisch beäugt, es knisterte gewaltig an der Oberfläche und die Zeichen standen auf Sturm.
Die Mechanismen, die wirken, wenn etwas in Gährung ist, wirken vielfältig, sie reichen bis in die Profanität des Alltags und bringen zuweilen Wunderliches zutage, aber es gibt auch zuverlässige Konstanten. Eine der zuverlässigsten Größen New Yorks war immer die Musik das wurde auch in dieser Zeit deutlich. Überall drang sie aus den Häusern und von den Straßen, und es gab auch in ihrer Sphäre kaum eine Zeit, in der nicht soviel zu Ende ging, soviel Neues entstand und so eigenartige Verbindungen auftraten. Die New Yorker Musikszene brodelte gewaltig, auch wenn das aus der Ferne gar nicht so aussah.
Im schwarzen Harlem etablierten sich die Hip Hop und Rap-Klänge, der Groove blieb, aber die Poesie der Straßenrebellen nahm Einzug in den neuen Sound und löste die tradierten Textchiffren ab, die kaum noch etwas aussagten. Die neue Musik Harlems war Ausdruck dafür, dass man sich zu Wort meldete, und zwar sehr deutlich, ohne ästhetische Camouflage. Spanish Harlem kam zu einem völlig neuen Bewusstsein. Die Latinorhythmen donnerten Tag und Nacht über den Harlem River, die Zeiten des romantisierenden Musicals, in dem die Integration in der Neuen Welt gefeiert wurden, war längst passé, Rumba und Meringue waren out und Salsa wie Samba wurden so stark, dass sie im Pop, Blues und Rock ihren Einfluss sichern konnten. Im Jazz der Stadt, der durch den Bebop Weltgeschichte geschrieben hatte, kamen Akteure einer neuen Generation zum Zug, die auf den etablierten Purismus pfiffen und ihrerseits dem Genre mit dem Funk einen neuen Pulsschlag verliehen.
Auf den Straßen wurde musiziert und getanzt, und zwar flächendeckend. Die Latinos von Queens bis nach Spanish Harlem und die Bronx, die Schwarzen von Harlem bis in die Bronx und ins Village, die Jazzer über ganz Manhattan und Brooklyn. Am Times Square und am Washington Square trafen sie sich alle, da kamen dann noch die Iren, Italiener und Mexikaner dazu und man hatte dort jeden Abend den Eindruck, direkt am Nabel der Musikwelt zu verweilen.
Greenwich Village war nicht die Wiege des Neuen, aber das Bollwerk gegen die Nivellierung. Es war das Forum für alles, was entstand und dort wurde zu einem Gutteil entschieden, was sich durchsetzen würde und was nicht. Die Clubszene war eher handgemacht, kaum etwas extravagantes, sondern die schon fast inszenierte Normalität zeugte von einem immensen Selbstbewusstsein. Manche Clubs lebten vom Namen aus den Zeiten eines Jimi Hendrix und Bob Dylon, was eine Art Clubtourismus zur Folge hatte und jene Clubs eher davon abhielt, innovative Wege einzuschlagen. Interessanter waren da dann die kleinen, unscheinbaren Spots, wo man für fünf Dollar hereinkam und Bands spielten, die neu in der Stadt ankamen und deren Marktwert noch nicht beziffert war.
Das Bitter End war ein solcher Club. Irgendwann hatte ich mich dorthin verirrt und ich war ihm sofort verfallen. Im Grunde handelte es sich um ein Kellerloch, das sehr an einen Jugendclub der siebziger Jahre auch in der deutschen Provinz erinnerte. Überall brannten Kerzen, nette, hübsche, aber völlig unprofessionelle Bedienungen brachten einem das Flaschenbier und auf der Bühne erschienen blutjunge Musiker, die zunächst mal erzählten, woher sie kamen und wie der Weg nach New York verlaufen war.
So verlief und verläuft bis heute die Qualitätsprüfung in den USA. Kommt eine Band aus Kansas City oder St. Louis, dann muss sie eine Referenz von mindestens zwanzig Städten in mindestens zehn Staaten aufweisen, wo sie bereits gespielt hat und für gut befunden wurde, bevor sie auch nur in dem letzten Bums in New York City die Erlaubnis bekommt, sich in die Nähe der hauseigenen Bühne zu begeben. Als eigentliche Referenzen galten aber nur New Orleans, Memphis und Chicago, der Rest wurde nicht so ernst genommen und eine zu starke Präsenz an der Westküste war schon fast ein Malus.
Dann saß man im Bitter End, das eigentlich für viele der Anfang sein sollte, nippte an seinem Budweiser, taxierte die Gestalten im Publikum und dann erschien ein Junge auf der Bühne und erzählte vom Chitlin Circus, den sie gerade hinter sich hätten, eine legendäre Bandroute durch die Südstaaten, aber eigentlich kämen sie oben von den Lakes, aber jetzt endlich wären sie hier, und das zähle. Und dann brach ein Orkan los, ein gewaltiger Rock blies fast die Kerzen aus und dazu knarzten trockene, unbarmherzige Gitarrenriffe, die wie die Gesichtslinien der Rebellion in persona wirkten. Und der Junge sang mit ehrlicher Empörung gegen den ganzen Mainstream und die Langeweile an, schlitzte die Bäuche der Satten auf und warf sie den Fischen zum Fraß ins Meer vor.
Oder eine kleine Latina erschien auf der Bühne, sichtlich nervös, und bat immer wieder Madre Mia um Beistand, das mache ihr hier alles zuschaffen, denn davon hinge doch soviel ab, und dann riss sie einem mit ihrer Stimme das Herz entzwei, weil sie einfach den Nerv traf, genau da, wo die Liebe die Arterie der Romantik berührt und man froh war, dass nur die Kerzen brannten. Begleitet wurde sie von einem unrasierten, tätowierten Bullen am Klavier, und der heulte beim Spielen und man sah ihm an, dass er die Kleine bereits vergötterte.
Zu einer anderen Gelegenheit wiederum traten ein paar Jungs aus Harlem auf und verrapten Muddy Waters, dass man Herzrasen bekam und an die Unsterblichkeit des Blues glaubte, obwohl das alles ganz anders klang. Die Jungs wirkten so selbstsicher, als predigten sie das Wort des Herrn und sie traten so auf, weil es für sie das weiße Village war, dem sie zeigen wollten, wo die Seele in New York eigentlich zuhause war. Sie spielten hier für die schönen Blonden aus der Welt des WASPs, und sie spielten mit dem unauslöschlichen Instinkt der Machos, weil sie den doch etwas verstört dreinblickenden jungen Frauen sehr deutlich herüberbrachten, dass sie sie meucheln würden, wenn sie sie nicht liebten. Und wie sie sie liebten, denn es wurde eine jener Nächte, die man nie mehr im Leben vergisst.
Das Bitter End war nicht der einzige Club dieser Art, aber es war sicherlich der markanteste. Kein Abend konnte voraus geplant werden, jeder Abend verlief anders, mal war es heiß, mal eiskalt, mal anstößig, mal melancholisch, mal obszön und mal exotisch, nur langweilig, langweilig wurde es im Bitter End nie. Und nach ein paar Besuchen war auch klar, dass es ein Leben in Manhattan ohne Bitter End gar nicht geben konnte. Und diese Wahrheit hatte aufgrund des Namens sogar eine poetische Dimension.
Noch nach mehr als zwei Jahrzehnten sind die Erinnerungen an New York an diesen kleinen, von außen eher unscheinbaren Club in starkem Masse gebunden. Es liegt schlicht daran, dass der Geist der damaligen Zeit, das Lebensgefühl und die Bewegungsrichtung einer ganzen Gesellschaft dort auf den Bühnenbrettern zum Ausdruck kam. Im Bitter End wusste man, was sich durchsetzen würde und im Bitter End wusste man ebenso genau, was zu Ende ging und keine Zukunft mehr hatte. Und manche Frau gab ihrem Freund den Laufpass mit den Worten, beim nächsten Mal würde sie nie wieder auf etwas setzen, was im Bitter End begonnen habe. Und am nächsten Abend schon brach sie ihren Schwur, weil sie von der Atmosphäre und den Menschen dort nicht loskam.
Der einzige Trost, der bleibt, wenn man gehen muss aus einer Stadt, in der man einen derartigen Club entdeckt hat, ist dass man die Gewissheit haben kann, woanders wieder etwas zu finden, wo man sein Dasein und das Leben an sich erneut zelebrieren kann. Die große Kunst großer Clubs besteht darin, den Hauch der Geschichte auf ein paar Quadratmetern einzufangen, ihn das kleine Publikum spüren zu lassen und es damit zu inspirieren. Dafür gibt es keine Gebrauchsanweisungen, das ist eine Dimension, die eher an hohe Kunst oder Magie erinnert. Dazu gehört viel Wissen um Gastronomie, um Personal, um Arrangement, um Psychologie, um Politik und natürlich auch Musik. Und dazu gehört eine Besessenheit, die sich nicht in wirtschaftlichen Dimensionen abgleichen lässt.
Die großen Helden dieser Clubs sind ihre Besitzer, die etwas Großartiges schaffen, ohne je dafür bezahlt zu werden, die wie die Maniaks an ihrer Clubidee arbeiten, die sich die Nächte um die Ohren schlagen, die weltweit den ignoranten Ordnungsbehörden trotzen, die Musiker aus den Knästen oder Ausnüchterungszellen holen, die morgens um drei Instrumentenbauer aus den Betten klingeln, verletzte Gäste zu eben solcher Stunde noch mit dem eigenen alten Auto in die Notaufnahme fahren oder der Kellnerin, die beklaut worden war, ihr letztes Geld pumpen, damit sie aufhört zu weinen.
Wenn dann so ein Augenblick ist und eine Band den Blick in das Kosmische gewährt, dann sieht man sie, wie sie hinter der Bar stehen, mit leuchtenden Augen, voller Freude und Dankbarkeit, dass sie so etwas mit schaffen durften. Die Clubbesitzer, die so etwas kreieren wie das Bitter End sind große Magier und ohne sie wäre die Welt bedeutend ärmer!
Meinen letzten Abend im New York jener Zeit verbrachte ich im Bitter End. Ich war furchtbar traurig, einige wussten, dass ich nicht mehr kommen würde. Die Mädels spendierten mir viel Budweiser, der Barbesitzer dankte mir, dass ich durch meine Anwesenheit zum Erfolg so mancher Veranstaltung beigetragen hätte. Das war alles sehr nett, aber es half mir wenig. Ich hing da wie ein Schluck Wasser und hatte einen Kloß im Hals. Irgendwann ging eine Kellnerin zur Bühne und redete mit der Band, die Electric Blues spielte, und wies dabei immer wieder auf mich. Und schon sprach der Gitarrist und Sänger ins Mikrophon, dass der nächste Song für einen Freund sei, der für einige Zeit verreise. Und dann legten sie los und spielten Be careful with a fool! Mir ging es schlagartig besser, das war New York wie es leibte und lebte und das war das Bitter End, dass ich nie vergessen werde.

Aufklärung ist sehr, sehr wichtig!! Wahre Musik muss unterstützt werden!