New York City III – Unterwegs mit Mary Rosenberg

Was machen Immigranten, wenn sie in dem Land ihrer Bestimmung, ob freiwillig oder unfreiwillig, angekommen sind? Sie suchen sich eine Bleibe, eine Arbeit, versuchen sich zu orientieren und dann legen sie los. Sind einmal die Grundbedürfnisse gestillt und der Erwerb gesichert, dann wägen sie ab. Sie vergleichen das Neue mit dem Alten und Gewohnten aus der Heimat und ziehen die erste Bilanz. Was ist in der neuen Welt besser, was schlechter, worauf freut man sich und was wird wohl immer schwer fallen? Irgendwann beginnt man sich zu arrangieren und versucht, die angenehmen Seiten des neuen Lebens mit den lieb gewonnenen Gewohnheiten des alten zu kombinieren, der Mensch ist und bleibt ein unverbesserlicher Lüstling. Bei den Legionen von Immigranten, die es nach New York verschlug, kann man diesen Prozess sehr gut beobachten und gewinnt dabei Einsichten in das Psychogramm ganzer Völker. Die Italiener etablierten ihre Küche und ihre Familien, die Iren ihre Pubs und ihr Liedgut, die Polen ihre Wurst und ihren Schnaps, die Russen ihre Literatur, die Juden ihre Tradition und die Schwarzen ihre Musik. Die Angelsachsen haben das Sterile mit in die Neue Welt gebracht, was nur durch die heißen Rhythmen der Latinos kompensiert werden konnte. Die Deutschen, die bis 1933 nach New York kamen, hatten es mit ihrem Handwerk und ihrer Küche und den damit verbundenen Zünften und sie gründeten Vereine.

Bei den Deutschen, die im Zusammenhang mit dem Faschismus ihr Land verließen und die es dann nach New York verschlug, war das etwas anders. Erstens kamen sie nicht freiwillig, sondern sie waren auf der Flucht. Zweitens waren es keine Handwerker, sondern entweder Juden oder Intellektuelle oder beides. Und daher stand ihnen auch nicht gleich der Sinn nach Schweinsbraten mit Knödeln, sondern nach guter Literatur.

Mary Rosenberg war Jüdin und Intellektuelle zugleich. Als sie in den dreißiger Jahren ihr Schiff an den Hudsondocks verließ, wurde ihr sehr schnell klar, dass es hier Menschen gab, die am verhungern und in bedrohlichem Zustand waren, sie brauchten nämlich geistige Nahrung. Agil und intelligent wie sie war, kaufte sie gelesene Bücher deutscher Sprache auf und veräußerte sie auf Treffen der deutschen Emigration. Später mietete sie bescheidene Räume und ließ auch das eine oder andere drucken. Nach dem Krieg importierte sie sogar. Während des Krieges sah sie, wenn sie nach dem Ertönen der Ladentür aufblickte, Kunden wie Berthold Brecht, Ernst Bloch, Oskar Maria Graf, Stefan Zweig, George Gross, Will Schaber, Karl Otto Paetel, Franz Jung und wie sie alle hießen, nur Thomas Mann, der kam nicht zu ihr in den Laden. Sie suchten nach Büchern, tauschten Neuigkeiten aus, tranken starken Kaffee, den Mary pausenlos kochte, sprachen über Schicksale und Jobs, Hitler und bezahlbare Wohnungen, den Kuchen vom Bäcker Tannenbaum und den letzten Ausflug nach New Jersey, die neueste Konzert in der Met oder Inszenierungen auf dem Broadway, skurrile Filme aus Hollywood oder die Umtriebe des Herrn McCarthy, das dazu passende Stück von Henry Miller oder den neuen Roman von Franz Werfel oder die Aktivitäten von den Frankfurtern, d.h. Horkheimer

und Adorno, die hier in Amerika Theorien formulierten, die so befremdlich waren. Sie tranken Kaffee, rauchten wie die Schlote und zum Schluss verließen sie Marys Laden mit einem abgegriffenen Faust, einer zerfledderten Dreigroschenoper, einem angekokelten Marx oder einem welligen Schiller unterm Arm. Mary Rosenberg organisierte Bücher, baute eine Werbung auf, kochte Kaffee und inszenierte Lesungen. Sie hielt das Exil literarisch in Schwung, gewährte Kredit, den sie selbst nicht bekam.

Als ich Mary Rosenberg zum ersten Mal besuchte, residierte sie mit ihrem Buchladen im siebten Stock in einem Hochhaus am Columbus Circle, unweit des Central Parks. Der Laden war klein, aber nicht so winzig wie Mary, die mich durch eine dicke Brille mit einem lebendigen Blick ansah und forsch fragte, was ich wolle.

Mich umsehen und mit ihnen sprechen!
Na dann mal los, junger Mann.

Zunächst sah ich mich in dem Buchladen um und war eher enttäuscht. Er hätte in dieser Form in jeder mittleren Stadt der Bundesrepublik gefunden werden können, dasselbe Sortiment und dieselbe Anordnung. Die großen Zeiten des Exils waren vorbei, die Kundschaft bestand nicht mehr aus Literaturproduzenten erster Ordnung, sondern aus wenigen überlebenden Deutschen und amerikanischen Bildungsbürgern, die lesen wollten, was man drüben, über dem großen Teich auch las. Als ich damit begann, Mary Löcher in den Bauch zu fragen über das Exil und die Exilanten, reagierte sie doch etwas unwirsch, ja, ja, natürlich waren sie alle in meinem Laden, der früher drüben am East River war, aber das ist lange her, Gott sei Dank! Von denen hätte sie doch nicht leben können und es wären immer so schreckliche Geschichten gewesen, die da erzählt worden seien, von Deportationen, Selbstmorden und Finanzpleiten. Sie sei froh, dass das alles vorbei sei.

Mary Rosenberg wollte lieber über das Heute lesen, über die Erschließung neuer Kundengruppen und die Etablierung einer neuen Leserschaft in New York, über entsprechendes Marketing und Auftreten. Ich entzog mich der Diskussion nicht und es dauerte nicht lange, bis ich ein Gespräch mit einer New Yorker Buchhändlerin führte, die im Hier und Jetzt lebte und für die Zukunft plante. Wissen Sie was, so unterbrach sie unser Gespräch irgendwann, am besten Sie kommen morgen Abend um Sieben hier vorbei, dann gehen wir in aller Ruhe etwas essen und unterhalten uns dann.

Als ich zum vereinbarten Zeitpunkt vor dem Haus am Columbus Circle stand, kam mir Mary schon entgegen, eleganter gekleidet als am Vortag, ihre glitzernde Brille an einer Goldkette um den Hals gehängt, parfümiert und bester Dinge. Nach einem lauten Hallo bedeutete sie mir, der Wagen müsse gleich kommen, sie habe den Boy schon mal in die Tiefgarage geschickt, damit er vorfahre. Ich müsse wissen, sie sei noch gut unterwegs mit dem Auto, nur das Ein- und Ausparken sei ihr ein Gräuel.

Und schon fuhr der Boy vor, der sich als ein ausgewachsener Afroamerikaner mittleren Alters herausstellte und Mary den Schlüssel des wartenden Autos übergab. Da rief Mary mir auch schon ganz aufgeregt zu, jetzt ginge es los, ich solle schnell einsteigen, während der Boy ihr hinter das Steuer half. Und ehe ich mich versah stotterte ich zusammen mit der alten Dame in ihrem fetten Buick durch die Schluchten von Manhattan, mal kurz vorm Abwürgen, mal Bock springend. Während dessen konversierte Mary in aller Ruhe, als handele es sich bei dieser Achterbahnfahrt um dass selbstverständlichste Ereignis dieser Welt.

Nachdem wir dreimal den Columbus Circle umkreist hatten, fand Mary endlich die Passage nach Osten und es dauerte nicht lange, bis wir in Yorkville waren, auch German Town und während des Krieges von vielen New Yorkern scherzhaft das Vierte Reich genannt, weil man dachte, die dort lebenden Exilanten würden aufgrund ihrer Opposition und Prominenz nach dem Krieg die neue deutsche Regierung stellen. In einer Seitenstraße hielt Mary plötzlich an und sagte mir, jetzt sei ich an der Reihe, es gelte einzuparken. Unter wildem Gehupe der anderen Verkehrsteilnehmer wechselten wir die Seiten und nach einigen Gewöhnungsversuchen gelang es mir, das schaukelnde Monster direkt vor einem Restaurant mit dem Namen Kleine Konditorei einzuparken.

Es handelte sich tatsächlich um eine Restaurant und keine Konditorei, denn wir wurden in einem Raum geleitet, in dem es sehr gut nach Deutscher Küche roch. Mary hatte einen Tisch bestellt, an den uns eine schwarz gekleidete Bedienung geleitete. Mein Einfluss auf die Bestellung war gering, oder genauer gesagt, ich hatte keinen. Mary Rosenberg agierte wie ein Feldwebel, orderte eine Flasche Rotwein, Kasseler Braten, Sauerkraut und Püree und sie dokumentierte schon allein damit, wie amerikanisch sie auf der einen Seite geworden und wie deutsch sie auf der anderen Seite geblieben war.

Nachdem serviert wurde, forderte mich Mary auf, kräftig zuzulangen, sie selbst pickte eher lustlos in der Speise herum und nippte nur ab und zu an ihrem Wasserglas. Mir hingegen ließ sie permanent Fleisch auflegen und goss mir pausenlos Wein nach. Während dadurch meine Konzentration auf immer stärkere Proben gestellt wurde, begann Mary Rosenberg mir ihre Geschichte zu erzählen.

Sie stammte aus dem Fränkischen und kannte aus ihrer Zeit dort sogar noch Henry Kissinger, als er ein kleiner Junge war. Ihr Mann war Wissenschaftler, den die Nazis wegen seines Judentums verfolgt, festgenommen, deportiert und umgebracht hatten. Ihr Mann war so weitsichtig gewesen, seine junge Frau vor den Schergen der Faschisten in Sicherheit zu bringen und so gelangte die Witwe über Marseille und Lissabon auf dem Seeweg Anfang der dreißiger Jahre nach New York City. Sie hatte entfernte Verwandte dort, bei denen sie zunächst Unterschlupf fand, aber nicht lange blieb. Sie wollte auf eigenen Füßen stehen und schnell unabhängig werden. Mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten fand sie schnell Jobs, zumeist in Büros, wo ihr die Schreibmaschinen und Stenokenntnisse halfen. Ihr Englisch war schon nicht

schlecht, als sie hier ankam, schnell wurde es regelrecht elaboriert. Sie machte viele Versuche, in die New Yorker Gesellschaft einzudringen, aber das Exil holte sie immer wieder ein. Sie arbeitete in Hilfsorganisationen, half Neuankömmlingen bei der Wohnungssuche, vermittelte Jobs, gab Rat, übersetzte, korrespondierte, suchte Angehörige und Bekannte und pflegte Kontakte zu vielen Organisationen. Früh fiel ihr auf, dass die Deutschen in der Neuen Welt, die vor den Barbaren hatten fliehen müssen, nach Büchern hungerten.

Da Mary eine Frau der Tat war, überlegte sie nicht lange und begann, einen Buchhandel aufzuziehen. Sie kaufte gebrauchte Bücher auf, ergatterte hier und da ein neues, warb um Unterstützer und es dauerte nicht lange und sie hatte ein erstes Sortiment, mit dem sie auf bestimmten Veranstaltungen der Emigration erschien, sie legte Werbezettel beim New Yorker Aufbau, bei den Hungerküchen und den Wohnungsmaklern aus. Sie machte Hausbesuche bei den etwas besser gestellten Emigranten und so langsam etablierte sich ihr Name als Buchhändlerin. Leben konnte sie davon dennoch lange nicht, sie hatte nebenher Bürojobs bei den unterschiedlichsten Arbeitgebern.

Mit Ende des Krieges änderte sich der Charakter des deutschen Exils schlagartig. Viele, und darunter vor allem Intellektuelle aus den Bereichen Philosophie und Literatur, gingen zurück nach Europa. Die Geschäftsleute und Naturwissenschaftler blieben, weil sie schon längst in die US-Wirtschaft integriert waren. Der Kundenstamm wie die Kundenwünsche änderten sich, Mary Rosenberg konnte zum ersten Mal von ihrer Buchhandlung leben. Die Jahre vergingen, sie wurde zu einer überzeugten Amerikanerin, die anderen Neuamerikanern etwas Nervennahrung aus der alten Heimat beschaffte. Erst in den siebziger und achtziger Jahren kamen junge US-Amerikaner, für die Deutsch eine Fremdsprache war, und interessierten sich für deutsche Literatur im Original.

Und jetzt, jetzt bin ich eine alte Frau und gerade jetzt, da kommt die große Chance, sich hier mit der Buchhandlung so richtig zu etablieren.

Mary sah mich eindringlich an und ich wusste trotz der intensiven Arbeit von Kraut, Kassler und Rotwein, was jetzt kam. Ich könnte so einen jungen Mann wie dich – wir waren schön längst beim Du – jetzt gut gebrauchen. Du bist jung, du bist gebildet, du kannst was vertragen und dich bewegen. Steig doch bei mir ein! Erst als Juniorpartner und in drei bis fünf Jahren als Chef. Die Affidavits für dich dürften kein Problem sein, in der Community sind einige, die für dich bürgen würden. Was meinst du?

Letztendlich kam diese Offerte doch sehr überraschend und da ich in meinem Leben noch nie daran gedacht hatte, Buchhändler zu werden, war ich ziemlich verwirrt, was durch den vielen Rotwein noch verstärkt wurde. Folglich schilderte ich Mary, wie zumindest meine Planung für die nächsten zwei bis drei Jahre aussah, sagte ihr aber zu, mir ihr Angebot in den nächsten Tagen durch den Kopf gehen zu lassen und ihr

Bescheid zu geben. Das war für Mary völlig OK und sie winkte die Bedienung herbei, um zu zahlen. Mit diskreter Geste beglich sie die Rechnung und wir verließen das lokal. Sie wies mich an, auszuparken, was ich artig tat, schwang sich dann ans Steuer und ließ mich auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. Dann sprang der Buick wieder wie eine hungrige Raubkatze nach vorne und griff die New Yorker Nacht an. Kreischend bewegte sich der Wagen nach vorn und Mary fragte mich, ob sie mich wieder am Columbus Circle absetzen könne, was ich bejahte. Als ich mich bei ihr für den schönen Abend beim Aussteigen bedankte, mahnte sie mich noch einmal, es mir gut zu überlegen.

Ich ging die Achte Straße hinunter, es roch nach heißem Asphalt, ein paar Jugendliche schlugen einen unglaublichen Groove auf alten Farbeimern, Straßenhändler boten Zaubergum an, junge Latinas tanzten Samba und während ein Zug der New York Firebrigade an mir vorbei heulte, traf ich eine Entscheidung.