New York City II – Hätte Chruschtschow doch Harry Ascher gefragt

Menschliche Schicksale haben ihren eigenen Verlauf. Ist es bei den einen so, dass sie am Ende ihres Lebens auf einen aktiven Aktionsradius von vielleicht einem Kilometer zurück blicken, so hat es andere um den halben Erdball getrieben. Selten ist so etwas geplant, meistens sind es kleine Momente, in denen der Verlauf und der Verbleib von Jahrzehnten entschieden werden. Im Nachhinein tendieren die Menschen zwar dazu, diese Momente und die völlig aus dem Unbewussten getroffenen Entscheidungen zu heroisieren oder zu genialisieren, bei näherer Betrachtung kommt man aber meistens zu dem Schluss, dass das alles gar nicht reflektiert war, eher dem Affekt oder einem dummen Zufall entsprach.

Manchmal ist es aber auch so, dass der Affekt und der dumme Zufall zum Massenphänomen werden, und zwar dann, wenn eine Gesellschaft sich kollektiv so verhält wie ein unreflektiertes Individuum. Dann wird es meistens unschön, weil die Folgen eben nicht auf einen einzelnen Menschen beschränkt sind, sondern ein ganzes Volk betreffen. Das nennt man dann ein historisches Desaster, in dessen Folge wiederum viele Menschen etwas machen müssen, was sie gar nicht geplant hatten, es aber notwendig wird, genau das zu tun, weil man sonst nicht überlebt.

In der deutschen Exilforschung der siebziger und frühen achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts war ein starker Trend, alle, die infolge der faschistischen Diktatur ins Exil gegangen waren, als geniale Strategen, Antifaschisten und das eigentlich andere und bessere Deutschland zu bezeichnen. Ich befasste mich zu jener Zeit mit dem bayrischen Schriftsteller Oskar Maria Graf, der 1933 nach Wien, 1934 nach Brünn und 1938 nach New York gegangen war, wo er bis zu seinem Tod im Jahre 1967 auch blieb. Von Graf wusste ich, dass er ein wilder, undogmatischer Zeitgenosse gewesen war, ein Rebell par exzellence, aber heroisch oder gewollt waren seine Fluchten nicht gewesen. Eher widerwillig hatte er München und Wien verlassen, die süddeutsche Lebensart war ihm Programm und die bayrischen Umgangsformen sollte er bis an sein Lebensende vermissen.

Ich begann mich für das wahre Leben im Exil zu interessieren, jenseits der Konferenzen und Deklarationen. Mich interessierte, wie kam ein z.B. in Deutschland etablierter Schriftsteller auf einem fremden Kontinent in eine fremde Stadt, deren Sprache er nicht sprach und wo ihn niemand kannte. Was machte er dort, mit wem trieb er sich herum, wovon lebte er und was hielt ihn seelisch am Leben. Oskar Maria Graf gehörte zu den Schriftstellern aus der mündlichen Erzähltradition, d.h. in der Regel verarbeitete er das, was er selbst erlebt hatte, auf die eine oder andere Weise zu Romanen oder Erzählungen. Seine Zeit in Deutschland war produktiv, in Brünn hatte er die Muße für seinen größten Roman, aber in New York wurde es schwierig. Obwohl er in den dort verbrachten 29 Jahren noch zahlreiche Bücher schrieb, handelte nur eins von den dortigen Erlebnissen, alle anderen speisten sich von der Erinnerung, und ein Roman beschäftigte sich mit der Zukunft. Der New Yorker Roman hatte den Titel „Die Flucht ins Mittelmäßige“ und handelte vom Elend der

Exilierten in New York. Hauptfigur ist, wie sollte es anders sein, ein Schriftsteller, der kein Publikum mehr hat, oder, der um ein kleines in der Gemeinde des Exils kämpft. Der Roman beginnt mit einer Szene in einem Penthouse mit Blick auf den Centralpark zur einen und zum Hudson River auf der anderen Seite. In dem Penthouse wohnte ein ehemaliger jüdischer Prager Kommunist und im Exil zum Konvertiten und Reklamefachmann Gemauserten zusammen mit seiner ebenfalls jüdischen Frau und Ballettlehrerin. Er gab Abende, an denen sich die deutsche Emigration traf und der Schriftsteller aus seinen neuen Werken las.

Nachdem ich heraus gefunden hatte, dass es sich bei dem Gastgeberehepaar um die tatsächlich existierenden Harry und Lea Ascher handelte und diese sogar noch in dem Penthouse lebten, wollte ich mit ihnen sprechen. Der New Yorker Aufbau, die bis in die achtziger Jahre hinein aktive Zeitung des deutschen Exils, half mir bei vielem und gab mir auch die Telefonnummer von Harry Ascher.

Das war zwar nicht so einfach, weil ich zunächst eine äußerst rau wirkende Sekretärin, die alle nur Hilde nannten, für meine Sache gewinnen musste. Mrs. Hilde rauchte Kette und berlinerte, dass es in den Ohren knarzte. Na, Kleener, wat willste? Wills ma nach dat olle Exil kieken, wa? Wenn ik da behülflich sein soll, musste ma beim näksten Mal aber Sülze von mein Lieblingsmetzger aus Moabit mütbringen, wa? Ich versprach Hilde das Blaue vom Himmel und gackernd rückte sie die Informationen raus.

Als ich Harry Ascher anrief, erkundigte er sich mit einem breiten New Yorker Akzent nach meinem Ansinnen, und als ihm klar war, worum es ging, dröhnte ein kurzes „Sure“ in mein Ohr und wir machten einen Termin aus. An dem vereinbarten Abend stand ich zur verabredeten Zeit vor einem Apartmenthaus aus den sechziger Jahren. Als ich mich über die Gegensprechanlage identifiziert hatte, ging der Türdrücker auf und ich fuhr mit dem Aufzug bis aufs Dach. Die Aschers lebten dort in einem Zweieinhalbzimmerapartment, um das rings herum nur Dachfläche war, auf der man herumlaufen konnte. Ich wurde herein gebeten und ein älterer Herr, den ich als typischen Amerikaner bezeichnet hätte, bot mir einen Platz an. Er war in Begleitung einer ebenfalls älteren Frau, die sehr europäisch wirkte. Harry Ascher war zum amerikanischen Geschäftsmann geworden, seine Frau Lea hielt es mit dem Ballett.
Ich saß den beiden gegenüber und nach einigen Bekanntmachungsfloskeln und konversatorischen Freundlichkeiten legte Harry bereits los und begann zu erzählen.

Er erzählte von Prag, wo er aufwuchs, von Wien, wo er als Kommunist politisch tätig war und von seinem Weg nach New York, auf dem er sein ganzes europäisches Leben verloren habe. Mit einem No, Harry, mischte sich Lea ein, weil sie das nicht so sah, aber er wischte den Einwand mit einer weiten Handbewegung weg und bedeutete, wie meschugge doch die ganze europäische Linke gewesen sei, von ihren Forderungen angefangen, über ihre diktatorischen Parteistatuten bis hin zu ihrem völligen Versagen gegenüber dem deutschen Faschismus. Aber, so Harry, er sei kein Revanchist und auch nicht verbittert, eigentlich interessiere ihn das alles gar nicht mehr, er sei schon Jahrzehnte Amerikaner und hier zuhause.

Lea hatte während der ersten Suada Harrys das Wohnzimmer, übrigens sehr funktional und amerikanisch, verlassen und kehrte nun mit einem Tablett voller Schnittchen zurück, das sie zwischen uns mit einem freundlichen Kopfnicken und Es ist alles koscher auf einen Teewagen zwischen uns stellte. Dann erhob sich noch mal Harry, ging in die Küche und kam mit zwei Dosen Budweiser zurück, die er zischend aufriss und mir eine davon hinhielt.

Ja, der Oskar, fuhr er fort. Schad, dass er ist so früh gegangen von uns, aber hat er gelebt schnell, viel Zigaretten, viel Bier und viel Frauen, aber schreiben konnt er ja, nur hier in New York, da war er leider falsch. Und es folgte eine sehr nüchterne, erbarmungslose und dennoch von Sympathie geprägte Analyse zunächst des Schriftstellers im Exil und dann des Exilierten an sich. Beim Schriftsteller war Harrys Mitgefühl, weil er wusste, dass mit dem Verlust des Berufsfeldes auch die Identität verschwand.

Bei allen anderen aber war er hart. Man muss nämlich wissen, so Harry, dass denjenigen, die in den dreißiger Jahren hierher kamen, doch gar nichts Besseres hat geschehen können. Heraus aus dem miefigen, krisengeschüttelten Europa in diese Weltmetropole, wo du alles machen konntest. Kennst du die Stelle, so fragte er mich, in Manhattan Transfer von John Dos Passos, wo das junge Paar auf einer Parkbank am Battery Park sitzt und er ihr erklärt, warum New York ihre Stadt ist, bei allen Schwierigkeiten, bei aller Härte, bei aller Brutalität! Weil New York alles schätzt, was nützlich ist und weil es keine Tabus gibt, die dich lähmen.

Viele kamen hier ins Exil mit einem Auftreten wie verkannte Konzertpianisten, sie verlangten, dass man sie kannte und verehrte und sie verkannten, dass das hier eine andere Welt ist, die ihre eigenen Größen hat und das in New York keiner von selbst groß wird. Du musst dich erst durch die amerikanische Provinz beißen, bis du hier eine Chance bekommst und wenn du sie bekommst, so triffst du hier auf die härteste Konkurrenz der ganzen Welt. Und viele, die mit uns kamen, kamen bereits aus einem Europa, dass hier keiner mehr verstand und auch nicht verstehen wollte. Die New Yorker sahen nicht mehr auf Europa, sie machten ihr eigenes Ding und das ziemlich gut. Viele Exilierte, die heute noch hier sind, haben das nie kapiert, weil sie einfach meschugge sind. Das ist hier kein Ort für den Hochmut, das ist ein Ort für harte Menschen, die nicht winseln, wenn sie eins ausgewischt kriegen.

Als ich endlich in New York war, nach einer langen Reise mit dem Schiff, ohne Geld in der Tasche, ohne zu wissen, was jetzt kommen würde und ich im Hafen an den Tisch zum Immigration Officer kommen musste, und ich Angst hatte, ich würde wieder abgewiesen, weißt du, was er gemacht hat? Er nahm meine Hände in die seinen, betrachtete sie genau und fragte dann „political reasons?“ und als ich nickte, bereits mit Tränen in den Augen, weil ich so am Ende war, da nahm er mich in seine Arme und streichelte meinen Kopf und flüsterte Welcome in America. Das musst du dir vorstellen, er hat sich meine Hände angesehen und wusste, ich war kein Arbeiter, der hier zu Job und Geld kommen wollte!

Well, aber als wir hier ankamen, wusste ich zumindest sehr schnell, dass das mit der ganzen Hitlerei nicht mehr lange dauern konnte. Und weißt du warum, noch in der Nacht nach der Kriegserklärung begannen die Konvois hier am Hudson Drive Richtung Hafen zu rollen, Panzer, Kriegsmaterial, alles, was du dir denken kannst,
alles aus dem Hinterland und diese Konvois wurden mehr als anderthalb Jahre nicht für eine Minute unterbrochen. Kannst du dir das vorstellen, eineinhalb Jahre, vierundzwanzig Stunden am Tag, Material für diesen Krieg gegen Hitler. Ich habe es von hier oben gehört und wusste, das ist das Aus für die Nazis. Aber ich war da schon raus, ich wollte damals schon nicht mehr zurück. Weißt du, ich bin nicht sentimental, Lea und ich sind vor den Nazis geflohen, weil wir Juden sind und ich Kommunist war, wir wollten unser Leben leben, und das haben uns die Nazis verwehrt. Wir sind hier gut aufgenommen worden, wir haben nichts erwartet und
wir haben es geschafft. Wir sind New Yorker geworden und wir sind Amerikaner geworden. Wir sind jetzt fast fünfzig Jahre hier, unsere Kinder sind hier geboren, wir haben hier eine wirtschaftliche Existenz und hier sind unsere Röntgenbilder, so what?

Harry Ascher war ein Pragmatiker und seine Gesellschaft tat sehr gut, wenn man sich im leidvollen Tal der Exilliteratur bewegte. Im folgenden erhielt ich viele nützliche Hinweise, wie ich an wen heran käme, wer noch lebte und bei wem schon lange nichts mehr zu finden war. Harry gab mir aber auch Tipps für New York, nannte mir interessante Plätze und Stätten und war sehr schnell ein väterlicher Freund.

Als ich ihn Jahre später noch einmal besuchte war Lea bereits in einem Pflegeheim. Ich nahm meine spätere Frau mit, damit sie diesen Mann noch kennen lernte. Harry Ascher war sehr gebrechlich geworden, ging am Stock und forderte uns auf, für uns selbst zu sorgen. Und wieder erlebten wir einen Parcourritt durch das zwanzigste Jahrhundert und eine Hommage an die Neue Welt. Irgendwann rief er Renate zu sich, sie möge ihm aufhelfen. Dann hakte er sich bei ihr ein und ging mit ihr aufs Dach. Und schon begann er mit seinem Stock in die eine, dann in die andere Richtung zu zeigen. Hier, schöne Frau, im Dakotahaus, da ist nicht nur John Lennon, da unten am Eingang, erschossen worden, nein, in dem Apartment da, da hat Leonard Bernstein gewohnt. Und da drüben, siehst du, dort in dem Hotel, da ist immer Toscanini abgestiegen, wenn er hier in New York war und dort unten, hier um die Ecke, da haben sie die West Side Story gedreht…

Da lief er umher, ein Greis, eingehakt bei einer großen Blonden, und gewann ihr Herz im Sturm, weil er so begeistern konnte. Der Prager, der über Wien hierher gekommen war, der das alles gar nicht geplant hatte, aber das Leben so genommen hatte, wie es sich ihm zeigte. Das hier war sein New York, für das er immer noch brannte. Und sein Stock mit dem Silberknauf schweifte über Manhatten, als wolle er es segnen und von dem Nikita Chruschtschow einmal gesagt hatte, selbst ein Stein könne hier schwermütig werden. Chruschtschow wusste nicht, wovon er sprach, er hätte Harry Ascher fragen sollen!