Der Melting Pot, gewaltig und pittoresk, irrwitzig und sanft, verschroben und ziseliert, luzide und verwaschen, verlangt von dem Eindringling ausgeprägteste Toleranz. Wer das Überschaubare, Schlüssige oder wieder Erkennbare sucht, der sollte sich dort nicht hin begeben. New York City gehörte im Jahr 1984 noch zu den ersten Adressen für diejenigen, die sich in den wohl geordneten Quartieren dieser Welt langweilten, denen die Übersichtlichkeit ein Gräuel und das Tradierte eine Zumutung war. Mit den größten Hoffnungen auf unbeschränkte Freiheit und das Ausleben jenseits gesellschaftlich tabuisierter Grenzen bewaffnet, reisten bereits seit 150 Jahren die Outcasts dieses Planeten an, zunächst mit dem Schiff, später mit dem Flugzeug. Das es hart werden würde wussten sie und diejenigen, die es geschafft hatten, sangen diese Lehre in die Welt. If you can make it there, you can make it anywhere war aber gleichzeitig die neue Droge, die versprach, immunisiert zu werden gegen jede Unbill auf der Welt, egal wo. New York City, das Irrenhaus, die Brandruine, die Lustmaschine blieb erste Adresse für den unruhigen Geist.
Dennoch kam es häufig vor, dass die Pilger zum Big Apple sich die Augen reiben mussten, bevor es so richtig losging. An den Immigrationsschaltern bekamen sie zum ersten mal das Fell über die Ohren gezogen, wenn sie meinten, sie reisten in ein Land der Libertinage ein und müssten schon auf dem Flughafen den Verhaltensformen der Zivilisation entsagen. Zumeist afroamerikanische Immigration Officer schnarrten sie dann an und wiesen sie zurecht. Russische Taxifahrer beschissen sie nach Strich und Faden und die Hotels waren unbezahlbar und wenn nicht, Kakerlakenburgen mit angeschlossenem Bordellbetrieb und einer gleichzeitigen Residenz kleiner Schieber und Dealer. Die Betten waren hart und stanken, das Frühstück war pappig und Fett, der Kaffee hatte das Aroma von Spülwasser und die Menschen waren schnell und schroff. Wer da nicht gefestigt war, konnte ganz rapide einbrechen und einer gewaltigen Depression verfallen.
Wir trieben uns in dieser Stadt gezielt herum und kamen nicht ausschließlich, um das Abenteuer zu suchen. Wir hatten Anlaufpunkte, Adressen und Ansprechpartner, die sich in dem Moloch auskannten, von denen wir etwas wollten und die eine Menge zu sagen hatten. Insofern erlebten wir vieles nicht in der Dimension der Desillusionierung, sondern registrierten es als Härte, die uns zur Bewunderung jener trieb, die es tatsächlich geschafft hatten und geblieben waren. Sie waren für uns die Helden, nicht die Stadt an sich, mit ihrem ganzen Wirrwar, mit ihrer ekelhaften Ungerechtigkeit, mit ihrer Kriminalität, die viele ein- und Exklusivität, die viele ausschloss. Freudig besuchten wir die Veteranen der Immigration, führten lange Gespräche mit ihnen, registrierten genau ihre Spleens, ihre Verletzungen und Verdrängungen und empfanden ihre Narben wie Auszeichnungen aus einem großen Krieg. Schnell hatten wir den Eindruck gewonnen, dass New York City harte, ganz harte Arbeit war, dass es Disziplin wie nirgends sonst auf der Welt forderte, ebenso wie Charakterstärke, ungeheure Nehmerqualitäten und eine Überdosis Lebenswille. Für den seichten Charakter der Libertinage, so merkten wir schnell, war dies kein Pflaster.
Dennoch waren wir jung, glaubten an das Gute im Menschen und hatten unsere Ideale, sodass auch wir von den schroffen Formen des New Yorker Alltags manchmal abgestoßen wurden.
Wie überall auf der Welt gab es sogenannte Ketten in New York City. Morgens gingen wir meist zu Howard Johnson´s, wo wir zu einem vernünftigen Preis frühstücken konnten und vor allem die Pancakes genossen, die so sättigend waren, dass sie bis zum Abend vorhielten. Unsere bevorzugte Filiale lag direkt am Times Square, sodass wir während unserer Frühstückszeremonie immer einen wunderbaren Blick auf das Treiben hatten, schon mal Franz Beckenbauer mit einer reizenden Asiatin am Fenster vorbei flanierte oder einer der fliegenden Händler, bei gutem Wetter für Sonnenbrillen, bei schlechtem schnell auf Regenschirme umschaltend, von einem wütenden Konkurrenten attackiert wurde oder ein jüdischer Diamantenhändler mit Schillerlocken verdächtig trällernd eine Plastiktüte durch die Luft wirbelte. Dort stopften wir uns mit dem dazu gehörenden Ahornsirup und Litern Kaffee voll und planten den Tag. Je nachdem, was wir vorhatten und ob sich unsere Wege trennten, mittags gab es oft eine New York Pretzel von einem der fahrenden Stände, aber spätestens am frühen Abend traf man sich, und zwar bei Blarney´s.
Blarney´s war eine durch und durch irische Pubkette, die über ganz Manhattan verteilt ihre Dependancen hatte und eben wirkte, wie ein richtig schöner irischer Pub. Es gab große und es gab kleine, in de einen war das Publikum eher upper, in der anderen eher lower class. Gemeinsam hatten sie im Dekor die irischen Farben, viele Flaschen Paddy und Bushmills im Regal, Giunness vom Fass und viele rote und rotblonde Gäste. Und alle, in denen wir verkehrten hatten einen dicken Ölschinken an der Wand, mit einem lachenden, Zuversicht ausstrahlenden John F. Kennedy auf einem Schaukelstuhl auf einer Holzveranda sitzend und aufs Meer blickend. Der legendäre Präsident des jüngeren amerikanischen Traums hatte irische Wurzeln und machte ihn folgerichtig zu einem edlen Sohn der grünen Insel.
Wenn man Blarney´s betrat, durchschritt man im Zeitraum eines Augenaufschlags den Atlantik und erreicht Irland, wie es immer war. Ein wildes, biergenährtes Geschrei umgab einen sogleich, der Zigarretten- und Zigarrenqualm verhinderte während der ersten Schritte noch die freie Sicht auf den Tresen und der Groove kam von einer Musik, der zumeist von Banjos und Stiefelabsätzen geschlagen wurde. Selbst der Akzent der ersten Wortfetzen, die man aufnahm, ließ Gäste aus Dublin, Waterford oder Cork und nicht aus Manhattan, Bookleen oder Queens vermuten. Auf den vielen Bildschirmen in Blickhöhe liefen andauern Pferde- oder Hunderennen und immer wieder flogen ausgefranste Dollarscheine von der einen zur anderen Hand, weil eifrig gewettet wurde. Wer Irland mochte, der mochte Blarney´s und wer Blarney´s mochte, der hatte akzeptiert, dass Irland ein Teil New Yorks war und vielleicht zusammen mit einigen italienischen Enklaven zu den westlichsten Bollwerken des Katholizismus in der protestantischen Welt der Vereinigten Staaten von Amerika zählte. Bei Blarney´s soff und zockte das alte Europa, es sang seine dreckigen Lieder und rülpste laut, wenn es zurück torkelte in die Straßenschluchten von Manhattan.
Der Sommer 1984 schlug in New York City mit voller Wucht zu, permanent 36 bis 38 Grad Celsius, eine Luftfeuchtigkeit von 80-90 Prozent, ein Präsident Reagan, der im Herbst für eine zweite Amtszeit kandidierte und die Olympiade im eigenen Land, genauer gesagt in Los Angeles. Das Zusammenwirken dieser Faktoren führte dazu, dass bereits in den späten Nachmittagsstunden die Bars überfüllt waren, weil dort die Klimaanlagen auf Hochtouren liefen, man eisgekühlte Getränke serviert bekam und zudem noch, ohne sich groß unterhalten zu müssen, auf die Bildschirme starren und sich ansehen konnte, wie die Jungs und Mädels aus den USA eine Goldmedaille nach der anderen abräumten.
An einem solchen Nachmittag trafen wir uns in einem Blarney´s an der Westside, nicht weit vom Hudson River, um das zu tun, was alle dort taten. Wir tranken im Schutze der Kühle unsere ersten Biere und sahen uns an, wie patriotisch die amerikanischen Medaillengewinner, meist eingehüllt in die Fahne des Landes, bei Ehrenrunden die Ovationen des Publikums entgegen nahmen. Immer, wenn so etwas geschah, klang aus dem sich immer mehr füllenden Raum ein zustimmendes He did it, um dann recht laut und impulsiv den Barkeeper anzumaulen, er solle sich ein Beispiel an den Athleten nehmen und ein bisschen schneller die Bestellungen ausführen. Dieser reagierte mit wütenden Beschimpfungen, den Bestellern steige anscheinend der Anblick dieser Scheißflagge mehr ins Hirn als das Bier oder der Gin.
Wir mochten diese Atmosphäre, schien sie uns doch sehr entspannt und grundehrlich, ohne die Manierismen und Etikette einer Weltmetropole. Der ländlich irische Stil und Witz lag und imponierte uns, war er uns doch allzu bekannt aus heimatlichen Gefilden. Während ich mit meinem Freund an der Theke zunächst den erlebten Tag besprach und wir dann doch ziemlich herum blödelten, sahen wir aus den Augenwinkeln, dass unsere Damenbegleitung sich weiter hinten prächtig untereinander unterhielt und wie fast immer, nach kurzer Zeit schon in Herrenbegleitung war, die ihnen aufmunternd zuprostete und irgendwelche Snowballs und Screwdriver ausgab.
Manfred und ich hatten es von den Chancen Ronald Reagans und dem Einfluss der Olympiade auf seine Umfragewerte. Wir hielten die ganze Sache für eine sehr durchsichtige Propagandainszenierung, damit dieser Hardliner und Kriegstreiber aus Kalifornien eine zweite Amtszeit in den Sack bekam. Nach jeder an US-Athleten verliehenen Goldmedaille sah man in einem Spot den Präsidenten, wie er die Hand aufs Herz legte und sehnsüchtig hinauf zu einer Stars and Stripes-Fahne blickte. Auf uns wirkte das abgeschmackt und wir verdrehten nur die Augen.
Irgendwie war es aber einer jener ausgehenden Tage, wo man zufrieden auf den ausklingenden Tag blickt, sich im Kühlen an den Sonnenstrahlen auf der Straße ergötzt und so gute Laune hat, dass man mehr und öfters eine Bestellung aufgibt, als der Durst es nötig hätte. Den anderen im Blarney´s ging es nicht anders, denn die Keeper kamen trotz der AC ziemlich ins Schwitzen.
Wir hatten bereits eineinhalb bis zwei Stunden in der Bar verbracht und uns in immer wildere Gespräche verstrickt, als wir feststellten, dass unsere beiden Damen mehr und mehr von einem pechschwarzen Afroamerikaner in ein äußerst intensives Gespräch gezogen wurden. Es wurde zuweilen so laut, dass der irische Kellner den Bruder aufforderte, sein Organ zu bändigen.
Manfred und ich begannen Interesse an dem Gespräch zu entwickeln. Gott sei Dank stellten wir recht schnell fest, dass es keinesfalls feindseligen Charakter hatte, weil mindestens eine der beiden Frauen des öfteren lauthals und herzlich lachte. Und uns fiel ebenfalls auf, dass die Cocktails für unsere Begleitung in kürzer werdenden Intervallen geordert wurden. Der Gesprächspartner lief zunehmend zur Höchstform auf, riss Witze, die gut ankamen und genehmigte sich auch eine Menge scharfer Getränke, sodass der irische Keeper ihn mit einem höhnischen Halte ein Auge auf dein Maß, Bruder, zu Verlangsamung des Konsums anhielt.
Manfred und ich wechselten das eine oder andere Wort mit anderen Gästen an der Bar, wobei uns ein schweigsamer Eskimo auffiel, der den Gesprächspartner unserer Frauen glasig anstarrte und immer irgendetwas nicht sonderlich Freundliches labial von sich gab, dass wir nicht identifizieren konnten. Ein anderer, der sich mit DiFonzo vorstellte, erzählte von der alten Allianz zwischen Italienern und Iren, die eigentlich die Wiege der amerikanischen Zivilisation darstelle. Mister DiFonzo vertrug anscheinend den Grappa besser als den Gin, denn er lallte gewaltig und seine Thesen stießen bei den Gästen irischer Domäne nur auf lautes Gelächter und ein dröhnendes Oh, shit! Als dann noch auf dem Bildschirm ein Puerto Ricaner eine Goldmedaille für die USA gewann, war es ganz aus, die Freude war nicht groß, von überall her kamen böse Hinweise, die ganze Olympiade wäre scheiße, es sei eine Blamage, diese halbkriminellen Arschlöcher da hinzuschicken und die Medaillen abräumen zu lassen. Das sei das einzige, wozu diese windigen Zeitgenossen taugten, sie lägen den ganzen Tag faul in der Ecke herum, würden vollgedopt dumm glotzen und jetzt dort die große patriotische Nummer abziehen. Eigentlich sei es an der Zeit, dass der ganze Unsinn endlich vorbei sei und man sich mal wieder in Ruhe einen guten Boxkampf ansehen könne, vor allem der Butcher, ein junger Ire aus New York, gäbe allen Anlass zur Hoffnung.
Wir glaubten so langsam nicht mehr, was wir da so alles hörten und verfielen dem schleichenden Wahnsinn, als wir den Troubadour unserer beiden Damen immer mehr über die fucking Jews herziehen hörten. Er sei aus Oklahoma, so schrie er nunmehr lauthals in die Runde, und das Judenpack hätte mit seinen miesen Grundstücksspekulationen ganz Oklahoma kaputt gemacht. Der Barkeeper, von dem wir mittlerweile wussten, dass er noch gar nicht lange in New York war, aus dem schönen Galway kam und selbst bei größter Toleranz als Illegaler bezeichnet werden musste, schrie den armen Bruder aus Oklahoma nun an, er solle endlich den Rand halten. Ich sag nur eins, schrie dieser zurück, die scheiß Juden reißen sich alles unter den Nagel, auch euer verficktes Irland ist bald dran.
Das hätte der gute Mann besser nicht gesagt, denn plötzlich war es totenstill im Blarney´s. Als selbst unsere Frauen von der armen Seele weg sprangen, merkte er trotz des vielen Gins, dass er etwas grundlegend Falsches gesagt hatte. Das einzige, was zu hören war, war die Berichtertattung von den Screens und ein fast geheultes Mamma Mia von Mister DiFonzo.
Unser Mann aus Galway nahm ein Glas, stellte es auf die Bar, füllte es mit Gin und winkte den Mann aus Oklahoma heran. Trink das Bruder, das ist dein Farewell, und dann verschwinde hier und lass dich nie wieder blicken. Der arme Mann war folgsam, schüttete den Gin in sich herein und torkelte aus dem Lokal.
Während der Geräuschpegel der Gespräche wieder anschwoll, sah uns der Keeper an und fragte uns, was wir eigentlich mit dem dämlichen Nigger hier gewollt hätten. Wir machten auch nicht mehr lange, sammelten unsere Frauen auf, zahlten und gingen hinaus auf die Straße, es war eine feucht heiße Nacht, im Melting Pot.
