Goldfischessen in Bitung

Es war ein letzter Höhepunkt einer langen, beschwerlichen Reise. In drei Wochen hatten wir mit dem Auto die Insel Sulawesi von der Hafenstadt Ujung Pandang, dem heutigen Makassar, bis nach Manado durchquert. Wir schrieben das Jahr 1998 und das ganze Land Indonesien war in großem Aufruhr. Im Mai war Präsident Suharto nach 32jähriger Herrschaft gestürzt worden und was als einziger großer Befreiungsschlag vernommen worden war, drohte in bestimmten Landesteilen zu kippen in Chaos und Zerstörung. Wir waren in offizieller Mission aus Jakarta, der Hauptstadt, angereist, waren ausgerüstet mit einem Surat Jalan, d.h. einer Bevollmächtigung der Regierung, Bürgermeister und Gouverneure zu besuchen und mit ihnen über Möglichkeiten zu sprechen, wie die neue Regierung das Land unterstützen könnte, um einen Prozess der Demokratisierung und Dezentralisierung in Gang zu setzen und zu begleiten.

Als wir nach drei Wochen die Hafenstadt Manado nach beschwerlicher Reise und insgesamt dreiundzwanzig offiziellen Treffen erreicht hatten, wollten wir uns einige Tage erholen. Doch unser Kommen war auch in der südlichsten Hafenstadt Bitung wahrgenommen worden und der dortige Bürgermeister hatte uns über den Gouverneur von Nord-Sulawesi gebeten, ihm einen Besuch abzustatten. Natürlich nahmen wir die Einladung an.

So fuhren wir noch einmal mit Hadschi, unserem verwegenen Fahrer, der seinen Namen trug, weil er stolz einen Besuch im heiligen Mekka nachweisen konnte und ansonsten auch ein Mensch war, der vieles erlebt hatte. Für die Republik Indonesien hatte er bis in die sechziger Jahre im damaligen Irian Jaya als Guerillero an einem langen, zermürbenden Buschkampf teilgenommen, aus dem die Republik als Sieger, viele ihrer Kämpfer jedoch als traumatisierte Opfer hervorgegangen waren.

Wie immer hatte Hadschi alles gerichtet und Asep, unser Dolmetscher und allgegenwärtiger Reisebegleiter alles bestens inszeniert. Die Reise war im Vergleich zu den hinter uns liegenden Wochen eine angenehme Tour ins Grüne. Nach einigen Stunden über befestigte Straßen waren wir schon in Bitung und fuhren vor dem Rathaus vor. Als wir, d.h. Gero von Harder und ich, in unseren dunkelblauen Anzügen ausstiegen, passierten wir gleich eine Traube von Seeleuten, die auf irgendeine Lizenz oder Erlaubnis warteten, die sie brauchten, um ihrem Gewerbe nachzugehen. Wir blickten in eine Gruppe rauer Gesellen, deren Gesichter von allerlei Abenteuern geprägt waren. Bitung war Indonesiens großer Hafen zum pazifischen Ozean und er diente sehr vielen Seeleuten als Ausgang zu einem regen Schmuggel mit den benachbarten Philippinnen. Die Seeleute begrüßten uns aber nicht unfreundlich und fragten uns sogleich, ob wir von der Bank Dunia, sprich Weltbank kämen und ob wir genügend Geld dabei hätten. Das war auf unserer Reise nicht das erste Mal, waren doch tatsächlich viele Emissäre der Weltbank im Land unterwegs, um gegen das Versprechen, eine bestimmte Politik zu befolgen, überall eine Menge Geld zu hinterlassen.

Als wir das verneinten und sagten, wir seien arme Teufel aus dem fernen Jerman, mussten sie lauthals lachen und klopften uns wohlwollend auf die Schultern. Ich muss gestehen, dass die Freundlichkeit, die diese wilde Horde an den Tag legte, wohl auch daran lag, dass meine Frau in unserer Begleitung war und ihre blonden Haare und ihr großer Wuchs überall in Indonesien für große Aufregung sorgte, gehört eine solche Erscheinung dort zu der Vorstellung aufregender Exotik.

Ähnlich erging es uns dann auch beim Eintritt in das beeindruckend große und luxuriös ausgestattete Büro des Bürgermeisters. Dieser hatte, wie wir erfuhren, in Europa und wohl auch in Deutschland studiert und er begrüßte meine Frau auch gleich mit einem donnernden „Ich liebe dich“, worauf er sich selbstzufrieden auf die Schenkel schlug und uns allen einen Platz anbot. Das Gespräch konnte nicht besser verlaufen. Der Bürgermeister war ein Vertreter der neuen Zeit in Indonesien. Wilde Geschichten über ihn hatten uns schon vorher erreicht und wir wussten, dass er dem alten Regime ein Dorn im Auge gewesen war, dieses ihn aber nie zu fassen bekommen hatte, weil er über eine sehr starke Position und ungeheure Verbindungen in die Pazifikregion verfügte und bei Bedarf auch in der Lage war, das Spiel der Macht mit allen Mitteln mitzuspielen. Ich dachte gleich an die Horde der wilden Gesellen unten im Rathaus und konnte mir gut vorstellen, welchen Part sie bei diesem Spiel gespielt hatten.

Schnell kamen wir überein, wie die Kooperationen mit der neuen Regierung aussehen konnten und wir vereinbarten einige Maßnahmen, um die ganze Sache noch zu beschleunigen. Wie es der Zufall wollte, war gerade eine große Versammlung im Haus, in der über die Umstrukturierungsprozesse der Zukunft beraten wurde und ehe wir uns versahen, saßen wir mit dem Bürgermeister in einem Saal vor mehr als zweihundert Vertretern der Verwaltung auf dem Podium und ich musste mit meinem noch sehr jungen Indonesisch eine kleine Rede halten, die mit regelrechtem Jubel aufgenommen wurde.

Danach verabschiedete sich der Bürgermeister von uns und wies uns eine Delegation zu, die sich um uns zu kümmern hatte, bis wir uns alle wieder zu einem kleinen Freundschaftsessen am frühen Nachmittag träfen, zu dem wir eingeladen wären. So fuhren wir in einem offiziellen Konvoi durch Bitung, besichtigten den Hafen, in dem wir wieder pittoreskes Volk und lausige Kähne bestaunen konnten, um danach noch in einen städtischen Zoo zu fahren, in dem es eine Menge Tiere zu besichtigen gab, die wir noch nie gesehen hatten. Neben allerlei Reptilien und fetten Schlangen waren dies vor allem Nachttiere, die es laut Auskunft des Zoodirektors nirgendwo sonst auf der Welt gab.

Nachdem wir uns alles angesehen hatten, was Bitung nach Meinung der Stadtoberen zu bieten hatte, verließen wir die Stadtgrenze und fuhren durch Reisfelder zu einem Restaurant. Es war wie immer heiß und sehr schwül und als wir an unserem Ziel ankamen und aus den klimatisierten Autos ausstiegen, hatten wir ein Gefühl, als schlüge uns jemand ein nasses, heißes Handtuch ins Gesicht.

Das Restaurant war offen unter einem Pendopo, d.i. ein traditionelles Zeltdach und man erreichte es über einen Steg, weil es auf einem Fischteich lag. Kein Wunder, es handelte sich um ein Fischrestaurant und der Name Ikan Mas verriet auch, dass es sich um Goldfische handelte, die hier serviert wurden und in großen Schwärmen in dem Teich zuhause waren. Goldfische gelten in Indonesien als besondere Delikatesse, sind auch, wie wir später feststellten, sehr schmackhaft, nur wesentlich größer als in deutschen Aquarien.

Unter dem Pendopo war ein großes Tischarrangement aufgebaut und es hatten sich bereits zahlreiche Gäste eingefunden. Wir bekamen unsere Plätze am Kopfende zugewiesen und wurden allen Gästen nacheinander vorgestellt. Es handelte sich um die Nomenklatura von Bitung und während wir einen Eindruck von der Bedeutung der hier versammelten Menschen bekamen, trafen immer noch neue Autos ein, bis zum Schluss der Bürgermeister mit seiner Frau erschien.

Sogleich wurden Tee und Fruchtsäfte sowie Krupuk, das sind indonesische Fischcracker, serviert. Der Bürgermeister war in bester Gastgeberlaune, die Versammelten waren insgesamt in guter Stimmung und wir fühlten uns wohl. Bevor das Essen aufgetragen wurde, gab der Bürgermeister den Kellnern ein Zeichen und er stand auf, blickte bedeutungsvoll in die Runde und begann eine Rede:

„Meine Damen und Herren Anwesende, liebe Gäste aus dem fernen Deutschland,
ich freue mich sehr und bin sehr geehrt, Sie alle hier zu einem bescheidenen Mahl bewirten zu dürfen und ich bin glücklich darüber, dass unsere Freunde aus dem uns traditionell gut gesinnten Deutschland den weiten Weg nach Bitung zurückgelegt haben, um mit uns über weitere Formen der Kooperation zu beraten. Schon heute blicken wir auf Jahre außerordentlicher gemeinsamer Arbeit zurück und ich bin mir sicher, dass unsere gemeinsame Zukunft weiterhin von großen Erfolgen gesäumt werden wird.

Momentan befindet sich unser Land an einem entscheidenden Wendepunkt. Jenes große, weitläufige, ethnisch und kulturell so vielfältiges Gebilde, dass sich Indonesien nennt und vor etwas mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gemeinsam hatte als eine dreihundertjährige Kolonialgeschichte, hat bereits einen langen Weg hinter sich. Wir haben uns erhoben gegen die niederländische Vorherrschaft und durch das Zusammenwirken unserer verschiedenen Völker von Nordsumatra bis Irian Jaya trugen den Sieg davon. Die Republik Indonesien entstand unter großen Geburtswehen, aber wir haben in den wenigen Jahrzehnten viel erreicht. Wir haben eine Nationalsprache, die jeder Mensch beherrscht, wir haben ein allgemeines Schulwesen, wir haben eine Verfassung, die die Vielfalt der Nation garantiert und die die Einheit dennoch gewährleistet.

Dennoch erfuhr unsere junge Geschichte herbe Rückschläge und wir machten bittere Erfahrungen. Nachdem die Regierung unseres Staatsgründers Soekarno an der Zerreißprobe der weltpolitischen Interessen gescheitert war, putschten Generäle mit Unterstützung der USA und Indonesien erlebte nach der Machtübernahme durch den vor wenigen Wochen gestürzten Präsidenten Suharto das schlimmste, was eine Nation erleiden kann!

Bis in jede einzelne Familie herrschte Uneinigkeit und über zwei Millionen Menschen wurden das Opfer von Betrug und Verrat. Seit diesen Ereignissen, die nun über dreißig Jahre zurückliegen, haben wir zwar eine Periode relativer Ruhe erlebt, aber das Trauma ist noch allgegenwärtig und das Land degenerierte Schritt für Schritt hin zu einem korrupten Staat, der nicht mehr das Wohl der Menschen im Blick hat.

Diese Menschen haben sich nun gewehrt. Sie haben den grausamen alten Mann in seine Privatgemächer getrieben und wollen ihr geliebtes Vaterland wieder nach vorne bringen. Ich bin viel in der Welt herumgekommen und ich habe immer wieder mit Freude bei meiner Rückkehr nach Indonesien festgestellt, wie patriotisch die Menschen hier sind. Sie lieben ihr Indonesien wie nichts auf der Welt und sie geben ohne zu zögern ihr letztes Hemd, um ihrem Land zu dienen.

Das ist eine große Verpflichtung für uns alle, die Gott der Allmächtige mit dem Privileg von Macht und Einfluss ausgestattet hat. Jetzt, liebe Gäste, jetzt ist die Stunde, wo wir beweisen müssen, ob wir es wert sind, in unserem Land eine Rolle zu spielen. Wenn wir jetzt nicht handeln und unseren Landsleuten bei dem Neuaufbau den Rücken stärken, dann haben wir kläglich versagt.

Wir haben hier in Bitung viele Pläne, die sich nur dann werden erfüllen können, wenn unser Land mit der Demokratisierung voran schreitet und wir werden alles tun, damit unsere Pläne umgesetzt werden können. Es ist schön und wichtig, Freunde in der Welt zu haben, denen unser Schicksal nicht gleichgültig ist. Es ist uns eine große Ehre, Sie hier heute zu einem bescheidenen Mahl einladen zu können und wir hoffen auf viele Jahre gemeinsamen Weges. Meine Damen und Herren, heute gibt es Goldfisch, der nicht nur Reichtum, sondern auch Glück symbolisiert. Greifen Sie zu und verschmähen Sie nicht das Glück!“

Die ganze Gesellschaft applaudierte ausgelassen, auch wenn einige mit maskenhaften Gesichtern. Es waren wohl diejenigen, denen das, was der Bürgermeister gesprochen hatte, gar nicht schmeckte. Der kluge Mann hatte unseren Besuch dazu genutzt, die Elite seiner Stadt auf den neuen Kurs einzuschwören und eine solche Konstellation, wie sie nun hier auf dem Goldfischteich anzutreffen war, duldete keinen Widerspruch.

Gero von Harder sah mich auffordernd an und ich wusste, was zu tun war. Also stand ich auf und begann meine kurze Replik:

„Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr verehrte hohe Gesellschaft von Bitung,
im Namen unserer Delegation möchte ich mich für die herzliche und warme Aufnahme im schönen Bitung bedanken. Wir sind überwältigt von der Gastfreundschaft, wie man sie wohl auch nur in Indonesien antreffen kann. Wir sind gekommen, um zu fragen, wie wir Sie bei Ihren gewaltigen und anspruchsvollen Vorhaben mit unseren bescheidenen Mitteln unterstützen können. Und wie immer, wenn wir mit diesem Ansinnen in Ihrem Land erscheinen, kommen wir nicht ganz ohne Hintergedanken.

Wir sind aus dem kalten Norden dieser Welt, in der man zählt, kalkuliert, misst und dosiert. Hier, in Ihrem Land, hier sind jedoch die Großmeister der Kommunikation und der Verhandlungsführung und die Sultane der sozialen Kompetenz. Wir sind also auch gekommen, um von Ihnen zu lernen. Bei allen Erfahrungen, die wir bis heute machen durften, haben wir sehen können, wie wunderbar die Symbiose unserer Kooperation sein kann.

Wir wünschen Ihnen, Herr Bürgermeister, dass Sie Ihren Mut, Ihre Energie und Ihre Entschlossenheit noch lange behalten und dass Sie mit Ihrer weit über die Grenzen Bitungs gerühmten Weisheit noch sehr zum Wohle Ihrer Stadt wirken können. Allen Anwesenden sprechen wir unseren Dank aus, uns in dieser Freundschaft aufgenommen zu haben und ich versichere Ihnen, wir werden das Glück, das auf den Tellern auf uns wartet mit großem Appetit verspeisen!“

Ausgelassener Beifall und Gelächter signalisierten mir, die richtigen Worte gefunden zu haben. In diesem Moment wurde dann auch schon aufgetragen und wunderbar drapierte Goldfische, die bereits filetiert und wie Blumengestecke auf dem Teller hochgebunden waren, standen vor uns. Dazu gab es natürlich Reis und eine süße Sojasauce, die kräftig mit Chili angereichert worden war. Ich genoss den Goldfisch in vollen Zügen, meine Frau simulierte vornehm und Gero pickte nur etwas auf dem Teller herum. Die indonesischen Gastgeber ließen nichts aus und es wurde regelrecht in dem fischigen Glück geschwelgt.

Durch meinen mir eigenen Appetit und die Tatsache, dass es mir wirklich ausgezeichnet schmeckte, war ich bald everybodies Darling und die Ehefrau eines Bitungprominenten, die mit einer atemberaubenden Eleganz ihren Goldfisch zum Mund manövrierte, flüsterte mir zu, ich brächte nicht nur das Glück nach Bitung, ich sei das Glück.

Als die Goldfische verspeist waren, kamen die Kellner und warfen die Essensreste einfach über das Geländer zurück in den Goldfischteich, was dort zu wüsten Kämpfen um die Gebeine ihrer ehemaligen Kameraden führte und meine deutschen Begleiter dann doch etwas erbleichen ließ. Wie üblich in Indonesien löste sich die Gesellschaft nach dem Essen in aller Eile auf und kurz darauf saßen wir wieder im Auto und fuhren zurück nach Manado. Als wir dort in schwarzer Nacht ankamen, dachte ich immer noch an den Bürgermeister und nahm mir vor, Bitung im Auge zu behalten. Ich war mir sicher, von dort noch vieles hören zu können, was von Belang war.