Fiesta in Ondarroa

Im Jahr davor hatten wir es schon einmal versucht. Wie viele unseres Alters zog es uns Mitte der siebziger Jahre an die französische Atlantikküste. Campingplätze wie der in Mimizan Plage waren das Ziel. Dort konnte man in den Nadelwäldern direkt hinter den Dünen alles machen, wonach das Herz begehrte. Wir waren 1976 zu dritt dorthin unterwegs und hatten zwei Wochen dort verbracht. Tags am Strand gelegen, nachts in den Cafés und Bars des Ortes das Leben genossen, viel Pastis getrunken, den Frauen nachgestellt und uns mit Meeresfrüchten vollgestopft. Wir hatten mit unseres gleichen so manche Nacht durch gestritten, endlose Debatten geführt und waren uns ziemlich wichtig vorgekommen. Es war einfach grandios, mit einer blonden Katharina aus Berlin bis morgens am Strand zu sitzen, sich näher zu kommen und über den imperialistischen Krieg zu diskutieren.

Nach zwei oder drei Wochen hatte das sich dann aber auch und ich fuhr mit meinen beiden Freunden weiter nach Hendaye, der Grenzstadt zu Spanien auf der französischen Seite. Die Cafés und Bars waren dort besser, die Chancen bei Frauen dafür schlechter, hingegen das Essen wesentlich besser. Wie das Leben so spielt, Vor- und Nachteile hielten sich die Waage, nur dass uns eine andere Proportion besser gefallen hätte. Eines Abends beschlossen wir dann, in den spanischen Grenzort Irun zu fahren, um dort unser Glück zu probieren.

Der Ort war eine einzige Enttäuschung. Er stank nach den Abgasen der vielen LKWs, die die Grenze überquerten, es gab dunkle Zollstationen und eine reichlich finster drein blickende Guardia Civil. Mit ihren eigenartigen Helmen, die an eine Regenrinne im Nacken erinnerten, muteten sie durchaus komisch an, wenn man sich aber einmal in einem Wachgebäude derselben aufgehalten hatte, verging einem der Hang zum Spotten. Man glaubte sofort dem Ruf, den sie genossen. Und der war schlecht, sehr schlecht.

Der Abend in Irun bestand aus einem mäßigen Abendessen in einem kleinen Hotel, das von einer Frau serviert wurde, die an eine strenge Gouvernante erinnerte und der wir alle drei sofort bescheinigten, sie sympathisiere aus vollem Herzen mit der Franco-Diktatur. Das alles desillusionierte uns derartig, dass wir nach dem franquistischen Abendmahl beschlossen, uns in einer Taverne voll laufen zu lassen und ziemlich angeschlagen mit dem Renault R4 mitten in der Nacht unser Quartier in Hendaye wieder aufzusuchen.

So verging dieser Sommer, wir erlebten die erste Kühle des Septembers und irgendwann packten wir unsere Sachen und fuhren entlang der Pyrenäen Richtung Mittelmeer, wo wir noch für einige Tage in Montpellier hielten, um dann steil nach Norden zurück nach Deutschland zu fahren. Alles in allem ein schöner Sommer, geprägt von der Zuversicht der Jugend, ein angenehmes Leben stünde jedem zu und der Weg durch dasselbe sei von einem solchen geprägt.

Im Jahr darauf führte mich der Weg mit zwei anderen Freunden wieder nach Mimizan Plage, aber wir hatten uns vorher fest vorgenommen, dort nur eine oder zwei Wochen zu verbringen und dann weiter zu fahren, nach Spanien, genauer gesagt, ins spanische Baskenland. Mimizan war wie im Jahr davor, die Französinnen gefielen uns besser als die Deutschen, aber sie waren auch unerreichbarer, weil sie einer romantischen Sinnlichkeit verhaftet waren, die wir nicht begriffen und die wir nicht bedienen konnten.

Nach einem kurzen Stopp in Hendaye, wegen der dort einzigartigen Meerspinnen, die ich nur jedem empfehlen kann, der etwas auf seine Gaumenfreuden hält, traten wir die Reise über die Grenze an und ließen Irun so schnell wie möglich hinter uns. Wir fuhren auf der Küstenstraße weiter Richtung San Sebastian und wurden schnell neugierig. Die Menschen, auf die wir stießen, waren von denen im benachbarten Frankreich gänzlich unterschieden. Sie wirkten härter, aber auch freundlicher, gefährlicher, entschlossener, aber auch sanfter. Schon einfachste Begegnungen gaben uns die Gewissheit, dass hier etwas zu erforschen war, das sich lohnte.

San Sebastian riss gleich an meinem Herzen. Zunächst die Lage: In einer Meeresbucht gelegen mit einer vor gelagerten Insel, auf der eine monumentale Marienfigur den Seeleuten den Weg wies. Ein Stadtstrand, an dem sich Tausende tummelten, die alle in der Stadt wohnten. An der Kaimauer reihte sich eine Bar an die andere, in der die Tapa-Kultur Feste feierte. Die Theken waren umsäumt von den wildesten Gestalten, verwegenen Seeleuten, eleganten Frauen, Geschäftsmännern, einfachen Händlern und denen, die es wohl in allen Häfen der Welt gibt und die nicht so falsch als Strandgut bezeichnet werden. Und direkt in bester Lage das Hotel Londres, von dessen Terrasse man das ganze Panorama im Blick hatte. Aufgrund unserer verfügbaren Geldmittel verschlug es uns aber nicht dorthin, sondern in eine Bar namens El Rincon, in welcher die Schinken der Region alle an der Decke hingen und von den vielen Zigaretten und Zigarren der Besucher aufs intensivste geräuchert wurden. Dort taten wir uns nach der Reise gut, wir genossen Schinken und Wein und kamen in beste Stimmung. Mir wurde sehr schnell klar, dass diese Stadt in meinem Leben noch eine Rollen spielen wurde, aber wir wollten weiter. So fuhren wir am Nachmittag wieder auf die Küstenstraße, passierten den Ort Deva und fuhren weiter bis in den Abend, wo wir kurz hinter der Ortschaft Motrico den Berg hinauf fuhren, um zu zelten.

Wir trafen es gut. Oben auf dem Berg war ein Bauernhof mit einer Bar und man erlaubte uns, dort die Zelte aufzuschlagen. Wir blickten über Kuhwiesen hinab auf den Atlantik, bekamen riesige Rinderkoteletts, die in Knoblauch, frischen Kräutern und Olivenöl mariniert und dann gegrillt wurden und tranken guten Rioja, der bekanntlich einen leichten Nachgeschmack von Inquisition hat.

Der Wirt namens José Louis erzählte uns bei Espresso und Brandy, wir sollten den Abend nutzen und noch in den nächsten Ort namens Ondarroa fahren, weil dort genau an diesem Abend die Fiesta beginne, die insgesamt eine Woche dauere.

Obwohl wir ziemlich müde waren, ließen wir uns das nicht zweimal sagen und machten uns auf den Weg. Wir fuhren noch circa 10 Kilometer am Meer entlang, bis wir auf eine Bucht stießen, in der Ondarroa lag. Auf den ersten Blick wirkte die Stadt eher hässlich und industriell. Fisch- und Konservenfabriken lagen am Ortseingang und im Hafen lagen in erster Linie Fischerboote, die rostig und verölt aussahen. Wir stellten unser Auto irgendwo ab und begaben uns in das Zentrum, um doch noch irgendwo einen Kaffee zu trinken und danach nach dem zu suchen, was uns als Fiesta angekündigt worden war.

Wir gingen in eine Bar an einem Platz unweit der Kaimauer. Dort konnten wir beobachten, wie Trauben von fünf, zehn oder mehr Männern in das Lokal kamen, einen Wein bestellten, der in ganz kleinen Gläsern serviert wurde, die zudem nur zur Hälfte oder gar einem Drittel gefüllt waren. Sie scherzten untereinander und mit dem Wirt, tranken wirklich nur den einen Schluck und hielten sich nicht lange auf, warfen einen geringen Pesetenbetrag auf die Theke aus Mahagoniholz und verschwanden genauso schnell wie sie gekommen waren. Kaum hatten sie die Bar verlassen, erschien die nächste Gruppe und verhielt sich genauso.

Als wir die Bar verließen, waren der Platz und die Straßen überfüllt und wir glaubten, in eine politische Demonstration geraten zu sein. Tausende von Menschen, meistens in blauen Arbeitsanzügen, die fast allesamt ein rotes Halstuch und die bekannte Baskenmütze trugen, marschierten mit Transparenten durch die Straßen und skandierten Parolen. Zunächst dachten wir, José Louis hätte uns in eine Falle geschickt, weil das alles auf keinen Fall wie eine Fiesta anmutete, sondern wie eine ernste, todernste Sache. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass es sich um eine Mischung aus einer politischen Demonstration und einer Eröffnungszeremonie der Fiesta handelte. Reden wurden geschwungen, Kanonenböller abgefeuert und immer wieder Parolen skandiert, die immer wieder Independencia, Autonomia, Euskadi und was auch noch immer zum Inhalt hatten. Überall wurde Wein gereicht, immer wieder zogen große Menschentrauben in die Bars, sangen, skandierten und tranken.

Wir waren gleich eingesogen von der bunten, eigenartig anmutenden Menge. Wo wir auch auftauchten, wurden wir mit einbezogen, immer wieder reichte man uns Weinflaschen oder Ziegenbeutel, die mit vino tinto gefüllt waren. Und es dauerte nicht lange und wir waren in Begleitung junger, gut aussehender Frauen, die uns bei der Hand nahmen und von einer Bar in die nächste, von einem Hinterhof in den darauf folgenden, an die Kaimauer, in ein Restaurant oder wo auch immer hin führten. Ich erinnere mich noch, dass wir irgendwann in einer Bucht um Lagerfeuer herum tanzten, sangen und ab und zu ins Meer sprangen. Wahrscheinlich fiel in diese Zeit auch ein kurzer Schlaf, aber morgens um Acht waren wir wieder an der Kaimauer und wurden Augenzeugen, wie die Männer vor einem Stier herliefen und meistens über die Mauer ins Meer sprangen, wenn er ihnen zu nahe kam.

Und einer meiner Freunde und ich, angetrunken und in solchen Spielchen ungeübt, versuchten es natürlich auch, nur mit dem Anfängerfehler, dass wir nicht über die Kaimauer sprangen, sondern uns in einen Hauseingang flüchteten, wohin uns ein aufgebrachter Stier auch prompt folgte. Hätten nicht einige beherzte Menschenfreunde aus dem Baskenland denselben kräftig am Schwanz gezogen und das Hinterteil traktiert, hätte er uns wohl fulminant auf die Hörner genommen und unsere Fiesta wäre zu einem schnellen, unrühmlichen Ende gekommen.

Am späten Vormittag kehrten wir angeschlagen, aber doch sehr glücklich auf José Louis Hof zurück, wo wir von seiner Frau Begonia noch eine kräftige Tortilla zum Frühstück bekamen. Danach verschwanden wir in den Zelten und schliefen bis zum späten Nachmittag.

Als wir aufwachten, gingen wir über die Kuhwiese ans Meer und schwammen, aßen in Begonias Küche Schinken und Bergkäse, genossen den schwärzesten Kaffee, den man sich denken kann und machten uns wieder auf den Weg nach Ondarroa, wo die Fiesta nie aufhörte und folglich bei unserem Erscheinen in vollem Gange war.
Unsere neuen Bekannten waren auch schon da und so, als wären wir die ältesten Freunde der Welt, zogen wir wieder gemeinsam durch den Ort, an schon bekannte und neue Stellen, lernten immer mehr Menschen kennen und nach zwei Nächten gehörten wir schon richtig dazu.

Eine baskische Fiesta dauert sieben Tage. Wir ließen nichts aus, es war ein rauschhafter Traum. Ich habe viele Jahre lang diese Fiestas mit gefeiert, bis mich mein Leben in andere Winkel der Welt trieb. Diesen Enthusiasmus, diese Lebensfreude, dieses Feuer, diese ungeheure Wucht, dieser Trotz und diese einzigartige Liebeserklärung an die Gemeinschaft habe ich nie wieder gefunden. Nichts wirkte wie gekünstelte Konvention, nichts aufgesetzt und nichts falsch. Es war also kein Wunder, das wir uns fühlten wie die Könige.

Am vierten Tag der Fiesta, an dem es regnete und kühl war, nahm mich Lucia, die ich seit zwei Tagen kannte, bei der Hand und sagte mir, sie müsse sich mal bei ihren Eltern zeigen und ich solle mit kommen. Wir fuhren mit dem Auto ins Landesinnere, durch menschenleere Dörfer und über schlechte Straßen bis wir in Lucias Stadt kamen. Es war Guernica!

Plötzlich war ich hellwach. Ich kannte Picassos großartiges Werk, sein Thema und seine Geschichte und nun war ich, der Nachkomme derer, die mit der Legion Condor in dieser Stadt dieses Verbrechen angerichtet hatten, mitten in der Stadt, die als Fanal für das Unrecht stand. Und es kam noch schlimmer. Wir fuhren an Schulen vorbei, an deren Wände die Kinder Motive aus Picassos Bild gemalt hatten oder man sah deutsche Flugzeuge über der brennenden Stadt mit schreienden, fliehenden Menschen.

Als wir ausstiegen war mir schon ganz flau. Bevor wir zu Lucias Familie gingen, zeigte sie mir noch in einem Park die santo roble, die heilige Eiche. Sie war es wohl, warum die Deutschen Guernica zum Ziel genommen hatten, aber sie hatte unbeschadet überlebt. Die Eiche ist das Symbol der baskischen Unabhängigkeit, seit dem Mittelalter schworen dort die Autonomisten die Unabhängigkeit des Baskenlandes. Und das tun sie bis zum heutigen Tag.

In der Familie angekommen, die sich sehr normal ausnahm, wurde ich mit freundlicher Distanz aufgenommen und mit skeptischen Blicken verfolgt, als wir zusammen aßen. Danach nahm mich der Patron zur Seite und fragte mich, was ich gesehen hätte und wie ich dazu stehe, was in seiner Stadt passiert sei. Ich erklärte mir meine bescheidene Sicht, auch, was der Faschismus in Deutschland angerichtet hatte. Er glaubte mir und akzeptierte mich. Als Lucia ihre Angelegenheiten geregelt hatte und wir uns verabschiedeten, sagte mir ihr Vater nur, er freue sich, wenn ich einmal wieder käme und die Mutter steckte mir einen baskischen Kuchen zu. Wir fuhren schweigend zurück nach Ondarroa. Lucia sprach mich auch in der Folgezeit nie auf unsere Exkursion in ihren Heimatort an, aber wir kamen uns emotional näher und ich erkannte, dass Erlebnisse oft mehr bewirken als viele Worte.

Die Fiesta nahm ihren Lauf und wir mischten bis zum finalen Kanonenschuss kräftig mit. Danach kurierten wir uns auf unserem Berg bei José Louis und Begonia aus. Sonntags verwandelte sich das Anwesen in ein riesiges Areal von Picknickern. Hunderte von Autos, vollgestopft mit Großfamilien, Tortillapfannen, Weinflaschen, Schinken, Käse, Grills, Gaskochern, Zigaretten und Zigarren rollten über den Schotterweg, suchten sich ein Plätzchen an einem Baum und bauten ihr Domizil auf, um auf den Golf von Biscaya zu blicken, sich den Bauch voll zu schlagen, immer ein bisschen am Wein oder Brandy zu nippen und zwischen schreienden Kindern dem Himmel die Welt zu erklären. José Louis stellte uns vielen verwegenen Menschen vor und wir erfuhren sehr viel über das Baskenland, seine Geschichte und den Unabhängigkeitskampf.

Uns mutete das alles sehr skurril an, hatten wir doch die Berichterstattung in Deutschlands Medien im Ohr, wonach alles, was nach einer baskischen Unabhängigkeit strebte, ein Auswurf terroristischer Wirrköpfe war. Und hier saßen Bauern, Fischer, Ladenbesitzer, Automechaniker und Dorfschullehrer und bekannten sich mit sehr ansehnlichen Manieren zu dem Ziel eines freien, unabhängigen Baskenlandes.

Und so erfuhren wir wie die spanische Zentralregierung mit dem Baskenland und seinen Bewohnern umging, dass nirgendwo so viele und so hohe Steuern bezahlt wurden wie hier, dass es verboten war, die baskische Sprache zu sprechen, dass die Guardia Civil Geschäftsleute erpresste, dass das Tragen baskischer Symbole strafbar war und das Hissen der baskischen Fahne, der Ikurrina, auch schon einmal dazu führe, dass man erschossen werde. Und sie forderten uns auf, bei unseren Ausflügen doch in Bars und Restaurants nach dem Schild Ausschau zu halten, auf dem prohibido cantar stehe. Und es war tatsächlich so, die Zentralregierung hatte ein Gesetz verfügt, dass es verboten sei, in der Öffentlichkeit zu singen. Ich muss dazu sagen, dass ich nie mehr in einer Gegend war, wo soviel und so inbrünstig in der Öffentlichkeit gesungen wurde.

Eine weitere Exkursion führte uns in das nicht ferne Küstenstädtchen Deva, wo auch eine Fiesta im Gange war. Die Atmosphäre dort war etwas düster, es schien so, als sei die ganze Feier von irgendetwas überschattet. Als wir zum Beispiel in einer Bar waren, in der sich die Menschen drängten, tranken, sangen, aßen und recht ausgelassen wirkten, betraten drei Soldaten von der Guardia Civil das Lokal, und mit einem Schlag herrschte Stille, alle ließen ihre Speisen und Getränke stehen und in wenigen Sekunden war niemand mehr zugegen als die drei Soldaten.

Wir erlebten noch viele Dinge in der Folgezeit, die alle als einzelne, kleine Episoden schon ihren Wert hatten, zusammen aber ein Mosaik ergaben, das einfach das weitere Interesse wecken musste. José Louis, Begonia und deren beiden Kinder, Marie Juana und José Marie, hatten uns in ihr Herz geschlossen und als wir uns verabschiedeten, fiel das allen schwer.

Ich fuhr mit meinen beiden Freunden über die Pyrenäen noch bis zum Mittelmeer, wo wir einem regelrechten Kulturschock unterlagen, als wir mit dem Massentourismus konfrontiert wurden. Dort hielt es uns folglich nicht lange und wir kehrten über Frankreich zurück nach Deutschland.

Mich ließ das Erlebte nicht mehr los. Ich lief in die Bibliothek und holte mir Bücher über das Baskenland. Ich las über die Geschichte, die Sprache, die verschiedenen Regierungsformen und den Unabhängigkeitskampf. Je mehr ich mich mit dem Thema befasste, so sicherer war ich mir, dass ich mit meiner Unbefangenheit und Naivität in ein politisches Wespennest der neueren europäischen Geschichte geraten war. Kein Wunder, dass ich die darauf folgenden Jahre immer wieder ins Baskenland fuhr. Mein Hauptstandort blieb jedes Mal Ondarroa, meine Freundschaft zu der Bauernfamilie wuchs und ich merkte bald, was sich in dieser Region abspielte. San Sebastian imponierte durch seine Weltoffenheit, Bilbao durch seine industrielle Ausstrahlung, Guernica und Pamplona durch ihren Mythos, aber der Bauch, in dem alles verarbeitet und in Energie umgewandelt wurde, der Bauch war Ondarroa. Dort, wo niemand damit rechnete, wurden die Schäden zusammen gezählt, die man von der Zentralregierung aus dem baskischen Widerstand zufügte, dort wurden die Pläne gemacht, wie man sich zur Wehr setzen wollte und dort waren die Arbeiter, Fischer, Kleinunternehmer und Bauern, die das Ganze trugen.

So wunderte es nicht, dass Ralph Giordano Jahre später in einer exzellent recherchierten und gut aufbereiteten Reportage über ETA Ondarroa als die eigentliche Kommandozentrale identifizierte.

Bis heute haftet jeder Diskussion um die baskische Frage, wie das Thema meist euphemistisch genannt wird, das Tabu an, über Terrorismus könne man nicht diskutieren, sondern man müsse ihn verachten. Wenn dem so ist, was ich bejahe, dann sollten aber die Fakten auf den Tisch und jegliche Form von Staatsterrorismus nicht außer Acht gelassen werden.

Angefangen von den uniformierten Plünderformationen, die im Namen von Republik und Krone alle Gewerbetreibenden der Region erpresste, den Foltermethoden, angewandt gegen die Zivilbevölkerung, den gezielten Todesschüssen auf Oppositionelle, der Einschleusung von Drogen in die Universitäten von an Sebastian und Bilbao und den inszenierten Bombenanschlägen gegen Zivilisten, die ETA in die Schuhe geschoben wurden.

Um es gleich zu sagen: ETA hat genauso gehandelt und es ist genauso grausam und furchtbar. Und es gibt kein Aber! Entscheidend scheint mir zu sein, dass eine nationale Frage, und um diese handelt es sich zweifelsohne, keine Chance einer Vernunft geleiteten Diskussion erhalten hat. Ein bipolares System der Gewalt überschattete das Baskenland über Jahrzehnte und es gab nie den Versuch, die Anliegen der von einer breiten ethnischen Mehrheit getragenen Bevölkerung zur Kenntnis zu nehmen.

Das Bizarre dieser Tabuisierung zeigt sich in diesen Tagen bei der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo gegenüber Serbien. Vom thematischen Kern sind beide Fälle völlig verschieden und die Absurdität europäischer Politik am Beispiel des Balkans ist hier nicht das Zentrum der Betrachtung. Aber dass nun ausgerechnet Spanien den einzig vernünftigen und von einer europäisch-demokratischen Kultur getragenen Standpunkt gegenüber dem Kosovo einnimmt, nämlich gegen seine Abtrennung von Serbien zu votieren, verliert seine ganze Glaubwürdigkeit, weil er von einem atavistisch-franquistischen Reflex getragen wird, weil er der Furcht entspringt, eine Zustimmung zur Unabhängigkeit des Kosovo könne die Kräfte des Baskenlandes wieder stärken, die eine Unabhängigkeit von Spanien forderten.

So seltsam generiert sich die die Geschichte im Zeitalter der Globalisierung. Als filtere man bewusst die vernünftige Analyse politischer, wirtschaftlicher, sozialer und nationaler Interessen aus der Gemengelage heraus, um sich auf Tagesinteressen zufällig dominierender Lobbys und launiger Mehrheiten in internationalen Organisationen zu verständigen.

Wenn ich heute solche Nachrichten lese, denke ich oft an Ondarroa und die dort lebenden Menschen. Ich glaube kaum, dass sie sich von der Qualität eines derartigen politischen Diskurses beeindrucken lassen. Sie haben die jüngere Geschichte selbst erlebt und gesehen, wo Ursachen und Wirkungen zu sehen sind. Vielleicht sind sie der Illusionen beraubt, die sie einmal hatten, als sie glaubten, ein unabhängiges Baskenland sei in Reichweite und selbiges würde all ihre Probleme lösen. Sie werden aber sehr genau durchschauen, welches die Motive derer sind, die sich ihrem nach wie vor ungebrochenen Freiheitswillen in den Weg stellen.

Und in Ondarroa werden die Schiffe nach wie vor nachts auslaufen, um die Bonitos zu fangen, manche Fischer werden mit leichten Booten in der benachbarten französischen Bucht vor Hendaye illegal auf die Jagd nach den schmackhaften Meeresspinnen gehen und dort Schießereien auslösen und José Louis, der hoffentlich noch rüstig genug ist, wird abends das Gewehr schultern und in den Berg gehen, um etwas zu jagen. Und wenn er zurück kommt, dann sitzt er vor seinem Kamin, hoch oben über dem Golf von Biskaya, wird ausgiebig speisen, seinen Rotwein trinken und danach eine gute Zigarre rauchen, und er wird verschmitzt aufs Meer blicken, wo er seine Zuversicht sucht, die er auf mysteriöse Weise immer wieder findet.