Es ist selten, dass ein kurzer Aufenthalt so aufwühlt und derartig viele Gedanken in Szene setzt. Mir ging es so mit Baltimore. Die viel und meist elegisch besungene ehemalige Metropole Baltimore hat mich sehr beeindruckt. 1984 kamen wir zu viert von einer Reise entlang der amerikanischen Ostküste aus dem Süden Richtung New York mit unserem Oldsmobile gegen Abend in dieser Hafenstadt an. Wie viele amerikanische Großstädte glänzte eine imposante Skyline in der Abendsonne. Und obwohl vieles auf den ersten Blick vom Einzug auch dieser Stadt in die Moderne zeugte, deutete einiges auf etwas hin, das in der Vergangenheit liegt. In Europa verbindet man so etwas nicht selten mit der Formulierung von morbidem Charme, Baltimore verströmte jedoch keinen Charme, sondern das Gefühl von Trauer.
Der einstmals größte Hafen der Welt hatte seinen Zenit mit dem Ende des Sklavenhandels überschritten und der Weg der Stadt führte steil nach unten. Wellen der Industrialisierung hatten nie mehr das zurück gebracht, was wirtschaftliche Prosperität in Boom- und Pionierzeiten zu verströmen vermag. Der Hafen zeigte alles sehr deutlich. Nichts vermittelte den Eindruck der Gegenwart, sondern alles, was an Hafenarchitektur die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich zog, deutete auf die Vergangenheit, den gefühlten und tatsächlich vorhandenen Reichtum, die Macht, die Unbesiegbarkeit, die die florierenden Häfen dem Meer entgegensetzen und die geglaubte Unendlichkeit des Wachstums.
Dort eine Kaimauer, da ein Leuchtturm, alte Pontons, an denen einstmals die ausladende Restaurants des Südens ihre reichhaltigen Speisen einem üppigen Publikum kredenzten, Möwen, die besonders traurig in den Abendhimmel schrien, Lagerhallen, in denen nichts mehr deponiert wurde, Kräne, die nichts mehr hoben und Menschen, die auf öligen Tonnen saßen, rauchten, an Dosenbier nippten und mit trüben Augen aufs Meer blickten. Selbst der Containerhafen, der das maritime Entree zur Neuzeit sein sollte, warf einen langen Schatten, die Container glichen angerosteten Fischkonserven, dessen Haltbarkeitsdatum keinen guten Inhalt mehr zu garantieren vermochte.
Wie es so ist nach langen Reisen, paart sich in einer derartigen Abendstunde die Müdigkeit mit einer großen Bereitwilligkeit zur Melancholie. Dementsprechend war unsere Stimmung, als wir uns auf die Suche nach einer Bleibe machten. Hinzu kam, dass es ein Samstagabend war und alle Anlagen nicht bewirtschaftet wurden. Da wir etwas vom alten Baltimore sehen wollten, mieden wir die trügerisch glitzernde Innenstadt und suchten an deren Saum nach einem kleinen Hotel, von dem aus wir noch etwas Essen gehen konnten.
In den Außenbezirken war der Süden zuhause, alte Villen, von der Seeluft angefressen, winkten mit einem wissenden Lächeln ob der frivolen Geheimnisse, die sie bargen. Eine mehr und mehr um sich greifende Tristesse, gepaart mit einer bis ins Unerträgliche gehenden Schwüle machten die Suche nicht einfacher. Dennoch fanden wir nach nicht allzu langer Zeit ein ganz nettes Hotel, für das wir uns dann auch entschieden.
Bei dem Eigentümer handelte es sich um einen ehemaligen Soldaten der US Army, der einige Jahre in Frankfurt am Main stationiert gewesen war und der uns gleich nach dem Einsammeln unserer Pässe signalisierte, das sei eine grandiose Zeit gewesen, dort in Good Old Germany, was sie freilich alle sagen, denn irgendwie muss man seinem Leben schließlich einen Sinn geben. Durch die von ihm hergestellte Intimität zu den German Fellows herrschte gleich eine familiäre Atmosphäre. Nachdem wir die Zimmer inspiziert und festgestellt hatten, dass diese mit unsrem ersten Eindruck Baltimores korrespondierten, die Betten muffelten ein wenig, man versank in ihnen wie in einer unbewältigten Vergangenheit, das Licht funktionierte selten und der Kühlschrank war kaputt, gab er uns noch einen nicht abzuschlagenden Tipp hinsichtlich eines Speiselokals, das geradezu prädestiniert war für ein großes Essen an einem Samstagabend.
Wir mussten nicht weit fahren und erreichten ein herrschaftliches Haus, gänzlich aus Holz, mit großen Balkons und Ziertürmen, altem Baumbestand vor dem Eingang und einer roten Leuchtreklame, auf der das Gastmahl des Südens angepriesen wurde. Als wir das Etablissement betraten, versanken wir in roten Plüschteppichen und wurden von einem livrierten Kellner in einen Speiseraum geführt, dessen Inszenierung selbst den professionellsten Filmdesignern einiges abverlangt hätte.
Große runde Tische mit schweren, bestickten Decken, auf denen Kerzenlüster standen, ausladende Kronleuchter an den Decken, natürlich rote Stofftapeten mit Goldornamenten an den Wänden, verschnörkelte Spiegel und voluminösen Obstschalen auf den Beistelltischen.
Das Publikum war ein auf einen feierlichen Samstagabend eingestelltes, die Herren trugen Anzüge in Südstaatenschnitt und glänzende schwarze Lackschuhe und die Damen glänzen in einer Garderobe aus vergangener Zeit. Sie trugen rüschige Kleider aus bunten Stoffen, gestärkte weiße Blusen, Perlschmuck in allen Variationen und hier und da funkelte ein dezent getragener Diamant. Es herrschte eine vornehme Ausgelassenheit, man war wer, zeigte es, blieb aber dennoch ganz bescheiden, mit einem Schuss quirligem Bürgerhumor. Es fiel auf, dass die meisten dieser Upperclassvertreter afroamerikanischer Herkunft waren. Das war der Süden nach dem Bürgerkrieg, die Nachkommen derer, die in Baltimores Hafen als Arbeitssklaven auf knarrenden, nach Blut und Urin riechenden Kähnen aus dem fernen Afrika hier einst angeliefert worden waren.
Der mit einer leicht abgeschabten Eleganz auftretende Kellner brachte uns die Speisekarte und machte sich gleich daran, uns den frischen Shellfisch und einige Überraschungen aus der würzigen Küche des alten Südens zu empfehlen, wie er mit einem verschmitzten und zugleich stolzen Lächeln einwarf. Wir waren mit allem einverstanden, wollten wir doch wissen, wie es sich die avancierte Klasse Baltimores an einem Samstagabend ergehen ließ. Es dauerte nicht lange und große Karaffen eisgekühlten Wassers und Weißwein wurden gebracht, als Aperitif gab es aber zunächst einmal einen schweren Port, der uns gleich deine große Behaglichkeit bescherte. Nachdem wir diesen genossen hatten, erschien der Kellner abermals und tischte mit einem Kollegen auf, dass sich die Platte bog.
Vor unseren Augen türmten sich sogenannte Alaska Craps, King Prawns und gedünsteter Catfisch. Dazu gab es Dips, die von der Schwere selbst gemachter Mayonnaise getragen wurden. Hinzu kamen Crispy Chicken Wings, die mit Honig und Chili mariniert worden waren und einen leichten Dunst von frischem Knoblauch vor sich her trugen. Eskortiert wurde das Ganze von körnigem Reis, Mashed Potatoes und mit viel Zwiebeln gedünstetem Gemüse.
Da wir gut im Rhythmus mit den Speisen der anderen Gäste lagen, waren wir bald mit eingetaucht in eine Atmosphäre von Wohlgenuss und angeregter Unterhaltung, hier und da ergab sich ein Wortwechsel mit den Nebentischen und so allmählich hatten wir den Eindruck, auf einer großen Familienfeier zu sein. Durch einen gewaltigen Knall wurden wir auf ein Gewitter aufmerksam und wir sahen aus dem Fenster gewaltige Regenmassen auf die im roten Neonlicht parkenden Limousinen niederprasseln. Ein weiterer Blitzeinschlag sorgte dafür, dass es plötzlich im Speiseraum stockfinster war. Die jüngeren Mädchen begannen aufgeregt zu schreien, während die Erwachsenen laut und lustig rufend dazu rieten, die Köstlichkeiten nicht vom Tisch fliehen und sich nicht beirren zu lassen. Wir befolgten den Rat und genossen die Abwechslung. Und so schnell wie das gewaltige Gewitter gekommen war, verschwand es auch wieder und es ward wieder Licht in unserem kulinarischen Tempel. Es war einfach köstlich und so langsam machte sich die Stimmung breit, die sich anmeldet, wenn alle kritischen Gedanken für einen kurzen Augenblick aus dem Leben weichen und das Jetzt und Hier so strahlt, dass nichts anderes mehr den Blick zu trüben vermag.
Nach dem Essen wurden Whiskey und Zigarren gereicht und die Fenster geöffnet, sodass ein kühles Lüftchen in den Raum eindrang und die Speisegerüche endgültig vertrieb. Das Kunststück, das nur der Genuss einer guten Zigarre nach einem formidablen Essen zu verbringen vermag, nämlich die auftauchenden Gedanken in angenehme, sich verflüchtigende Träume zu verwandeln, wurde vollbracht und es mischten sich die sinnlichen Eindrücke mit den Beobachtungen des späten Nachmittags.
Es drängten sich Bilder auf, die dieses Haus in eines jener Bordelle verwandelten, von denen es vor dem II. Weltkrieg in dieser Stadt noch hunderte, wenn nicht tausende gab und in denen junge Mädchen wie Billy Holiday ihre Kindheit verbrachten. Zwischen der ständigen Kluft sinnlicher Üppigkeit und bitterer Armut und vor dem Hintergrund einer generationenübergreifenden Sklavengeschichte entstanden die Gefühle, die von Blue Notes getragen den ganzen Erdball erobern sollten. Eine Trauer, die niemals mit dem endgültigen Besiegt- und Bezwungensein zu verwechseln ist, hatte in Städten wie Baltimore ihren Rhythmus gefunden und die Gefühlswelten anderer Breitengrade hypnotisierend in ihren Bann gezogen. Der Alltag in seiner Schönheit und seinem Elend war zu einer musikalischen Poesie emporgestiegen, die es verstand, auf unterschiedlichen Ebenen ihre Botschaften zu versenden. Aus allem sprachen die Lust und die Liebe, und aus allem sprach das Wissen um die Vergänglichkeit. Diese Botschaften bedurften keiner geographischen Zuordnung, doch trotzdem wurden sie wie von selbst auch immer wieder mit dem Namen Baltimore in Verbindung gebracht.
Ich fragte mich, ob es ein Wunder sei, dass zum Beispiel Billy Holiday, die wohl sinnlichste, traurigste und genialste Sängerin, die der Jazz jemals hervorgebracht hat, ausgerechnet aus Baltimore war. Und warum kamen in Europa die Beatles ausgerechnet aus Liverpool, dem europäischen Pendant zu Baltimore. Beide Häfen waren zu einer bestimmten Zeit die größten der Welt und beide waren über den Sklavenhandel zu dieser skurilen Blüte gelangt. Beide hatten das gleiche Schicksal erlitten, waren mit dem Ende des Sklavenhandels in den Verfall gestürzt, beide hatten versucht sich an die Industrialisierung zu klammern und beide waren gescheitert.
Das große Glück Baltimores war sein Untergang. Mit der Sklavenbefreiung war die Geldakkumulation schnell aufgebraucht und es dauerte mehr als ein Jahrhundert, um auf den moralischen und materiellen Trümmern eine Zivilgesellschaft aufzubauen, die in starkem Maße von den Nachkommen derer getragen wurde, die für die einstige Blüte und mit ihrer Befreiung für den Verfall – wollend oder nicht – verantwortlich waren. Und sie machten aus dieser Stadt ein lebenswertes Gebilde, das dennoch geprägt war um das Wissen seiner unrühmlichen Geschichte. Meine Nachbarn an den Nebentischen strahlten das aus. Sie hatten den Bürgerstolz derer, die es geschafft haben, aber ihre Blicke gaben zu verstehen, dass sie wussten, vor welchem Leid sich ihre eigene Biographie abgespielt hatte. Sie verkörperten eine Kraft, die tief beeindruckte.
Während wir das Nachwirken des köstlichen Mahls bei angeregter Unterhaltung genossen, setzte sich einer der anwesenden Herren an ein im Raum stehendes Klavier und spielte Weisen, die uns die ganze Geschichte dieses Ortes erzählten. Das war seine Botschaft an die Fremden, und er drehte sich beim Spielen immer wieder zu uns um und zischte uns freundlich immer wieder ein „Listen! Listen“ zu. Und als wäre es bestellt, endete er seine Einlagen mit einer sehr swingenden, virtuosen Version von Randy Newmans Elegie auf Baltimore, wo es so schwer ist, ganz einfach nur zu leben. Wir waren bewegt und fühlten uns geehrt.
Nachdem wir gezahlt und uns verabschiedet hatten, traten wir in die nächtliche Schwüle, die trotz Gewitter wieder dominierte und fuhren durch die nasse Nacht zurück zu unserem Hotel. Es wurde noch turbulent bis zum frühen Morgen, heftige Gewitter, begleitet von ungeheuren Donnerschlägen und wilden Blitzen rissen uns immer wieder aus dem Schlaf. Als wir morgens schließlich aufstanden, hatte die Sonne wieder die Herrschaft übernommen und der Schein hatte die nächtliche Wildheit wieder zugedeckt. Man verlässt Baltimore nicht, ohne ein tiefes Gefühl und unzählige, beunruhigende Gedanken. So ging es auch mir.
