Der Grenzbeamte von Del Rio

Hunderte Meilen, große Städte wie Dallas, Austin und San Antonio lagen bereits hinter uns und nun ging es nach Bracketville. Dort hatte Andrea Ende der Achtziger für ein Jahr als Lehrerin gearbeitet und nach fünfzehn Jahren wollte sie wieder einmal ihre Schule in Bracketville und die ehemaligen Kollegen besuchen. Damals war sie im Rahmen einer Art Unterstützungsprogramms der Bundesregierung für die marode Volksbildung entlang des Rio Grande dorthin verschlagen worden, hatte tatsächlich die wildesten Geschichten erlebt, von doppelköpfigen Schlangen und Eifersuchtsschießereien in Klassenzimmern bis hin zu Lebensbedingungen, die euphemistisch als Abenteuer pur zu beschreiben waren.

Doch wir schrieben nun das Jahr 2004 und konnten Zeugen einer atemberaubenden Entwicklung werden. Die großen Städte hatten uns bereits beeindruckt, zeugten sie doch von großer Modernität, einer spürbaren positiven Sozialdynamik und verrieten sie kaum noch etwas von den desolaten Zuständen, die aus den damaligen Beschreibungen Andreas, die übrigens sehr erfolgreich in der Frankfurter Rundschau gedruckt worden waren, noch aus den Filmen um Drogenkartelle und abgedrehte Desperados, die ein Szenario staubigen Schurkentums, abrissreifer Häuser und nicht funktionierender Wasserleitungen schufen.

Als wir im wirklich fernab gelegenen Bracketville ankamen, nahmen wir zunächst ein Zimmer in einem alten Militärfort, das zum Hotel umfunktioniert worden war und fuhren danach zur Schule. Obwohl bereits sechs Uhr abends, waren alle Lehrer noch anwesend und die ehemalige Kollegin wurde mit einem großen Hallo empfangen. Die Schule machte einen hervorragenden Eindruck, sowohl baulich, von der technischen Ausstattung her und besonders was die pädagogische Arbeit mit den Kindern anbetraf. Andrea war außer sich, denn sie konnte kaum glauben, was sie sah und sich in den letzten fünfzehn Jahren alles zum Guten verändert hatte.

Die Lehrer erzählten, dass ein großer Ruck durch Bracketville und die ganze Region gegangen sei und immer größeres bürgerschaftliches Engagement dazu beigetragen habe, die Bildungssituation so positiv zu verändern. Ansässige Unternehmen belieferten Schulen mit technischem Equipment, schrieben Preise aus, viele Bürger übernähmen Patenschaften für schwierige Schülerinnen und Schüler oder vergäben Stipendien. Es ei wie ein Wunder, aber die ganze Region profitiere von einem großen Umdenken der Gesellschaft in Bezug auf die Bildung. Auch die Regierung habe umgedacht, die nicht mehr zu haltende Position, man befinde sich in den USA und es gäbe nur eine Unterrichtssprache, und die sei Englisch, sei fallen gelassen worden. Man setze auf Bilingualität und habe sogar hispanische Gymnasien erlaubt, was zur Herausbildung eines hispano-amerikanischen Mittelstands geführt habe, der sich als Turbo für die wirtschaftliche Entwicklung und die positiven Wirkungen der North American Free Trade Association auf amerikanischer wie mexikanischer Seite geführt hätte.

Tief beeindruckt verabschiedeten wir uns aus der Schule und Andrea verabredete sich mit einigen Lehrern für den folgenden Tag. Wir fuhren zurück zum Fort, wo auch ein Restaurant war und genossen nach einem Gewitter einen halbwegs kühlen Abend am Rande der Wüste.

Am nächsten Tag ging Andrea ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen nach, während wir anderen uns die Zeit mit Lesen und Schwimmen vertrieben. Für den Abend hatten wir geplant, im nahe gelegenen Del Rio über die Grenze nach Mexico zu gehen und dort den Grenzort anzusehen.

Am späten Nachmittag kam Andrea zurück und es war bereits dunkel, als wir uns auf den Weg nach Del Rio machten. Wir waren ungefähr eine halbe Stunde unterwegs und hatten bereits einige Schlangen überfahren, als wir die roten Lichter einer Patrouille der Border Control sahen. Solche Kontrollen gehörten zur Tagesordnung, entlang des Rio Grande sind die Quoten der illegalen Einwanderer besonders hoch und der Versuch der Regierung, durch rigorose Kontrollen dem Einhalt zu bieten, sind zwar erfolglos, sie gehören aber wohl zur Aufrechterhaltung der Illusion der eigenen Handlungsfähigkeit.

Natürlich wurden wir angehalten, wie immer blieben die Hände schön auf dem Lenkrad, während die anderen sehr langsam und sichtbar die Pässe Richtung Fahrerfenster reichten. Wir lösten mit unseren deutschen Pässen immer etwas Ratlosigkeit aus, weil die meisten Beamten mit diesen roten Dingern aus dem wer weiß wo liegenden Germany nicht viel anfangen konnten. Doch dieses Mal hatten wir etwas Glück, weil der uns kontaktierende Officer uns gleich als Guys aus Good Old Germany identifizierte und uns erzählte, er sei für zwei Jahre in Idar-Oberstein stationiert und es sei eine tolle Zeit gewesen. Als ich ihn fragte, ob er denn Diamanten gefunden und mitgenommen hätte, lachte er laut auf und gab uns ohne großes Brimborium die Pässe zurück, ohne nicht zu vergessen uns zu ermahnen, drüben in Mexico auf uns aufzupassen.

Da wir einen Leihwagen hatten, war es geraten, den auf der amerikanischen Seite zu lassen. Als wir die Grenze anfuhren, stellten wir das Gefährt auf einem Parkplatz ab und suchten ein Taxi, was nicht ganz so einfach war. Schließlich fanden wir eine ziemlich klapperige mexikanische Kiste und verhandelten mit dem Fahrer über den Preis. Er war horrend, aber was sollten wir machen. Also zwangen wir uns hinein und kamen uns vor wir in einem fahrenden Christbaum. Es funkelte hier und da, mal rot, mal blau, mal grün, ein überdimensionaler heiliger Christopherus baumelte von dem zerschlagenen Rückspiegel herunter, auf dem Armaturenbrett standen gleich mehrere blinkende Madonnen, die eine von Guadeloupe, die andere von Acapulco und sonst woher. Aus dem Radio schrabbelte klarinettendurchdrängte Marriacimusik und der Fahrer war reichlich unrasiert und hatte eine fürchterlich stinkende Kippe im Mundwinkel. Manfred, der auf dem Rücksitz saß, fing gleich sehr aggressiv an zu stänkern und meinte nur, es sei Gott sei Dank nicht weit bis über den Fluss und es wundere ihn überhaupt nicht, dass es mit den Katholikenkanaillen da drüben nicht vorwärts gehe.

Der amerikanische Grenzer war nicht allzu pedantisch und der mexikanische schlief, sodass wir in wenigen Minuten in einer anderen Welt waren. Der Taxifahrer setzte uns an einem verlassenen Platz ab und machte sich ohne Gruß gleich aus dem Staub.

Der Ort wirkte nicht nur wegen der hereingebrochenen Nacht dunkel und verlassen. Es schien, als hätten alle das Licht ausgeknipst. Hier und da sah man wenig Vertrauen erweckende Gestalten von einem Eck ins andere huschen, und ab und zu traf man auf herumkrakeelende junge Amerikaner, die sichtlich von Bier und Tequila gezeichnet waren und sich in irgendwelchen Bordellen auszutoben gedachten. Wir liefen etwas desillusioniert durch die leeren Straßen und sahen den Erfolg unserer Expedition doch schon gefährdet, als wir ein ehemals prächtiges Gebäude erblickten, das wohl das erste Restaurant am Ort sein sollte. Wir schritten auf die halb verfallene Villa im Kolonialstil zu und erblickten von außen einen hell erleuchteten Speisesaal, der gut besucht war.

Also betraten wir das Restaurant und ein Kellner in einer äußerst speckigen Uniform empfing uns sogleich mit einem durchtrieben servilen Lächeln, fragte uns in einem erbärmlichen Englisch, ob wir zu speisen gedenken und führte uns dann zu einem Tisch, dessen Decke sehr lädiert und mit Löchern fallen gelassener Zigaretten ornamentiert war. Die Stühle waren steil und unbequem, die mächtigen Kronleuchter warfen ein talgiges Licht. Während unsere Damen wie immer die Fassung wahrten, begann es schon bei Manfred zu rumoren und er warf die ersten defätistischen Bemerkungen ein, die immer darauf hinaus liefen, dass man besser auf der anderen Seite in Texas geblieben wäre und sich dort einem zünftigen BBQ verschrieben hätte. Andrea, wie immer Dame von Welt, lächelte den Kellner gelassen an und sprach in freundlichem Ton, so mehr für uns alle, wir sollten doch einfach mal sehen, was passiert.

Nachdem der Kellner uns mit den Speisekarten alleine gelassen hatte, wählten wir recht treffsicher Tortillas, mit scharfem Rindfleisch gefüllte Enchiladas, Empanadas, Avocadocreme und Nachos. Der Kellner kam, wir bestellten das Ganze und natürlich Bier, das er in Karaffen bringen wollte, doch Manfred intervenierte fast schreiend, ihm seien Flaschen doch lieber, wenn es ginge San Miguel, und weil das der Fall war, hellte sich sein Gesicht ein wenig auf. Die Getränke waren schnell gebracht und nach dem ersten großen Schluck machte sich doch mehr Gelassenheit breit und wir hatten auch ein Auge auf die anderen Gäste. So wie es aussah, waren noch einige amerikanische Geschäftsleute unterwegs, die sich über große Steaks hermachten und sich sichtlich wohl fühlten. Hier und da sah man auch eher gesetzte Paare amerikanisch-mexikanischer Zusammensetzung, d.h. große, schwergewichtige amerikanische Männer mit einem gutmütigen Gesichtsausdruck und zierliche, mit stolzer Zurückhaltung dasitzende mexikanische Frauen. Alles in allem also eher vertrauenserweckend, mäßig, bürgerlich und völlig unspektakulär. Die Eindrücke führten dazu, dass Manfred sichtlich entspannte und damit begann, alles in einem leicht süffisanten, zynischen Lichte zu betrachten.

Unsere Unterhaltung durchquerte also eher angenehme, etwas wortwitzige Zonen, als der Kellner wieder erschien und reichlich auftischte. Gut gelaunt begannen wir, uns die Texmexmahlzeit einzuverleiben. Es war, wie zu erwarten, nicht das große Erlebnis, aber insgesamt konnte man es doch mit etwas Genuss essen. Unsere Stimmung war dennoch gerettet und Manfred ließ sich immer wieder mal ein Fläschchen Bier bringen. Die auch bei ihm zusehends gelöste Stimmung sorgte dafür, dass er begann, in der ihm eigenen Weise einen Vortrag zu halten über die Welt, mit der wir uns hier, an der Grenze zwischen den USA und Mexiko, konfrontiert sahen.

„Das, was ihr hier seht, ist die große Frontlinie zwischen dem protestantischen Amerika und dem katholischen Mexiko. Und, Gerd, da siehst du es mal wieder: Hier die große Leistungsethik, die gute Organisation, das Streben nach Verbesserung und Glück, und dort, beziehungsweise hier und heute Abend, eine der abgeschlunztesten Formen des Katholizismus. Fatalismus, Dreck, Rückständigkeit und die ständige Bereitschaft, zu lügen und zu betrügen. Und sag mir jetzt nicht, der Katholizimus sei die Versöhnung des christlichen Menschen mit dem irdischen Dasein. Das glaubst du doch selbst nicht! Die können ja nicht mal kochen. Drüben in Texas, bei den Protestanten, haben wir bis jetzt immer wesentlich besser gegessen.“

Während Manfred sich, immer wieder unterbrochen von Kauen und einem großen Schluck Bier, in seine Suada hineinsteigerte, verdrehten die beiden Frauen gelassen und unauffällig die Augen, während ich als angesprochener mir ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Das bewirkte, wie ich aus jahrelanger Erfahrung wusste, dass sich Manfreds Engagement und die Schärfe seiner Argumente nur noch steigern konnten. Und natürlich sollte ich Recht behalten. Denn nach dem ersten Lachen meinerseits kam gleich die Steigerung.

„Und das schlimmste ist der zynische Fatalismus von dem ganzen Katholenpack. Statt der Realität ins Auge zu sehen, stecken sie sich ihren fettigen Fraß ins unreflektierte Maul und grinsen dämlich. So geht natürlich der ganze Westen den Bach runter. Ihr habt ja in Dallas gesehen, das die USA momentan jede Menge Soldaten in den Irak schicken, um den genauso verkommenen Muselmännern den Marsch zu blasen. Und zwar am Boden. Keine klinisch sauberen Aktionen aus der Luft, nein, die Neger aus Alabama halten den Arsch hin, damit die schlunzigen Katholiken ihre heile Vorstellung von einer friedvollen Welt weiter in den Äther lallen können. Und im Grunde sind diese verfickten Katholiken genauso wie die Muselkutten, einfach nur faules zynisches Pack, dass sich gern an den Früchten der Arbeit anderer ergötzt.“

„Und somit“, erwiderte ich immer noch gut gelaunt, „haben wir eine gestochen scharfe Analyse weltpolitischer Dimension, warum das Essen in diesem Etablissement erstens zu fett und zweitens schlecht gewürzt ist. Und, vielleicht zu eurer aller Überraschung, ich gebe Manfred vollkommen Recht. Hätten wir den Protestantismus nicht gehabt, dann hätte die Weltgeschichte den Kolonialismus nie gesehen, sondern wir wären leistungsethisch direkt in den Kapitalismus gesprungen und die Welt sähe heute ganz anders, mehr aufgeklärt und weniger despotisch aus. Die holländische Kolonialepisode in Südostasien mit ihrer verheerenden protestantischen Plünderungsethik klammern wir mal aus, so was kommt vor, die Weltgeschichte ist kein Buchhaltungsprogramm.“

Mehr hatte ich nicht zu tun, denn Manfred merkte, dass er zwar nicht ganz, aber immerhin ein wenig ernst genommen wurde und deshalb wich die Aggressivität aus dem Dialog und der Humor fand wieder seinen Weg zurück. Das Bier hingegen, deklamierte er jetzt schon äußerst laut, ist von katholischer Hand immer besser als von protestantischer gebraut und hielt dabei die leere Flasche hoch, sodass der Kellner reagieren konnte.

Durch diese Signale wurde die Stimmung wieder gelöster und die Anspannung wich in Sekundenschnelle aus den Gesichtern unserer Begleiterinnen. Unser Essen ging dem Ende zu und eine wohlige Ruhe begann sich gerade auszubreiten, als wir aus einem Nebenraum heftiges Schreien und Klatschen vernahmen. Ich nutzte die Gelegenheit, um mich zur Toilette zu begeben. Mein Weg führte in besagten Nebenraum, der sich als die eigentliche Bar des Hausees herausstellte, die einen eigenen Zugang von der Straße hatte. Vom Restaurant aus musste man an der Bar vorbei, wenn man die Toilette aufsuchen wollte und das war wohl bewusst so arrangiert worden, denn ich ertappte einen der gesetzteren Herren aus dem Restaurant, der sich, by the way, einen schnellen Tequila genehmigte. Das gehörte wohl dazu, denn die ganze Geschichte ging sehr schnell vonstatten: Auf dem Weg zum Klo die Order, auf dem Rückweg Herunterkippen und Zahlen. Neben dem Toilettenlaufpublikum waren noch einige krakeelende junge Amerikaner in der Bar, die zum Teil von jungen Mexikanerinnen begleitet wurden. Als ich von der Toilette zurück in die Bar kam, tanzte eine der jungen Damen auf der Theke und zog sich gerade die Bluse über den Kopf, um ihre wohlgeformten Brüste zur Schau zu stellen. Die jungen Amerikaner schrieen wie am Spieß und donnerten ständig zum Takt der Musik mit ihren Farmerhänden auf die Theke.

Als ich zurück an den Tisch kam, sah mich Manfred mit lechzend neugierigem Blick an und fragte, was denn da los sei. Ich erklärte ihm, nebenan sei die Bar und dort würde momentan zufällig eine katholische Messe gelesen, und schon war er aufgestanden und, wie er vorgab, Richtung Toilette verschwunden. Kaum hatten mich die Frauen gefragt, was denn dort los sei, brach von dort ein ohrenbetäubender Lärm los und mir war klar, was sich dort abspielte. Ich hingegen faselte etwas von total durchgeknallten Amerikanern, die sich hier wohl austobten, und man gab sich zufrieden.

Da Manfreds Toilettenbesuch länger als erwartet dauerte, bedeuteten wir dem Kellner, dass wir zu zahlen gedächten. Und trotz unserer Diskussionen brachte der uns bald darauf eine moderate, mit absoluter Korrektheit aufgeführte Rechnung, die wir anstandslos bezahlten und zu der wir ein ansehnliches Trinkgeld legten.

Als Manfred wieder auftauchte, saßen wir schon beim Café und ich hatte mir eine Zigarre angesteckt. Auf die Frage seiner Frau, was denn los gewesen sei, lallte er irgend etwas von dem fetten Papistenfraß, der seinen Darm sehr gebeutelt hätte. Trotz seiner sichtlichen Angeschlagenheit, die sich allerdings nicht in schlechter Laune ausdrückte, hielt ihn nicht mehr viel an diesem Ort und er drängte zum Aufbruch. Trotz Zigarre sperrte ich mich nicht dagegen, weil ich mit allem rechnete und irgendwelche Verwicklungen mit ominösen Geschäftsführern oder Prostituierten in diesem Lokal nicht unbedingt auf uns zukommen sehen wollte.

Draußen angekommen, wirkte alles noch dunkler und trister und so war es kein Wunder, dass wir nach einigen hundert Metern des geplanten Spaziergangs beschlossen, nach einem Taxi Ausschau zu halten und zurück über die Grenze nach Texas fahren zu wollen. Es dauerte noch einige Zeit, bis wir fündig wurden und wieder stiegen wir in einen scheppernden, nach ranzigem Öl, Zigarettenasche und scharfen Schnaps riechenden fahrenden Weihnachtsbaum, dessen Chauffeur uns versprach, zum doppelten Preis wie auf dem Hinweg ins Gringoland zu fahren.

Wieder ging es knarrenderweise durch die dunklen, schlechten Straßen, wieder schrabbelte aus dem Radio eine wie auch immer geartete Rhythmik und es war zu verspüren, dass irgendwie alle froh waren, wenn wir die USA erreichten. Als wir uns der hell erleuchteten amerikanischen Grenze näherten, war es dort relativ ruhig. Der Taxifahrer hielt am Schalterhäuschen, wo ihm allerdings sehr harsch bedeutet wurde, rechts an die Seite zu fahren, seine Fahrgäste abzusetzen und schleunigst wieder Richtung Mexiko zu verschwinden. So wurden wir abgesetzt und ein Uniformierter forderte uns auf, ihm zu folgen. Das sah alles nicht gut aus und Manfred begann auch sogleich, unseren Plan, nach Mexiko zu fahren, im Nachhinein abermals zu verdammen.

Wir wurden in das Grenzgebäude geführt, wo eine sehr gedrückte Atmosphäre herrschte. Einige Mexikaner wurden durchsucht und erhielten barsche Anweisungen. Wir mussten unsere Pässe abgeben und auf einer Bank Platz nehmen. Ein Grenzbeamter mexikanischen Aussehens rief uns kurz darauf mit einem arroganten, zynischen Kopfnicken zu sich und erklärte, unsere Dokumente müssten überprüft werden und wir hätten zu warten. Sein Namensschild verriet, dass er Calderon hieß. Als wir auf dem Weg zurück zur Bank waren, raunte ich Manfred zu, dass wir es mit einem Latino zu tun hätten. Jetzt war es an mir, ihm ein bisschen die Meinung zu geigen.

„So, mein Freund, jetzt kommt die Rechnung. Weißt du eigentlich, dass die neu integrierten Immigranten immer die Schlimmsten sind? Über die Bedeutung der amerikanischen Uniformen muss ich dir ja wohl keinen Vortrag halten. Die sind so eng geschnitten, weil sie klar machen, dass die Staatsmacht die zweite Haut ist. Das heißt totale Identifikation! Nicht wie bei uns, wo bewusst schlecht sitzende Uniformen gewählt werden, damit man sich klar macht, dass der Träger eine Rolle wahrnimmt. Hier ist die Person der Staat!“

„Und dieser Calderon, der wird uns jetzt so richtig den Gringomarsch blasen, darauf kannst du Gift nehmen! Der weiß bestimmt auch schon, was du da in der Bar gemacht hast. Der zeigt dir jetzt, was pursuit of happiness ist, wahrscheinlich bist du der erste, den er mit hinters Haus zur Leibesvisitation nimmt. Ich wünsch dir gute Nerven und eine Mondfinsternis.“

Mein Freund war leichenblass, was durch das grelle Neonlicht noch unterstrichen wurde. Ich sah ihm an, dass er mit der Entscheidung kämpfte, entweder hier den Aufstand zu proben oder sich seinem Schicksal zu ergeben. Da ich aus den Augenwinkeln beobachten konnte, wie ein niederrangiger Offizier Senor Calderon unsere Ausweispapiere mit einem Kopfschütteln zurückgab, dieser jedoch gar nicht darauf reagierte, wusste ich, was uns noch bevorstand.

„Und glaub jetzt bloß nicht, du kannst hier mit einem protestantischen Veitstanz etwas erreichen. Darauf wartet der Junge da vorne nur. Dann visitiert nicht nur er dich, sondern sein ganzer Chicanoclan bis zum ersten Hahnenschrei. Dann wird es richtig lustig. Vielleicht wird dein Kadaver dann auch in ein paar Tagen aus dem Rio Grande gezogen und keiner kann sich erklären, wie das passiert ist. Das Land ist groß, die Grenze lang. Und weißt du, was das Schlimmste ist? Im Gegensatz zu unseren Frauen und mir sieht man dir auf hundert Meter an, dass du eine protestantische Weißnase bist. Der denkt du bist verwandt mit diesen Ostküstenpissern, die mit ihrer Arroganz und ihrem grenzenlosen Snobismus die Nase über die Chicanos rümpfen und so tun, als seien das keine Menschen: Auch wenn unser Mister Calderon jetzt eine gut passende, schöne Uniform trägt, wenn er einen amerikanischen Pass und eine Versicherungsnummer besitzt, wenn er ein kleines Reihenhäuschen für seine reizende Frau und die beiden Kinder hat und letztere vielleicht sogar in Andreas Schule in Bracketville eine gute Bildung erhalten und selbst wenn ihn die Gringonachbarn sogar mit zum Baseball nehmen: Glaubst du, dieser Mister Calderon wird jemals vergessen, welchen Preis er dafür bezahlt hat? Glaubst du, er hat vergessen, wie viel er auf den Tisch gelegt hat, um über den schlammigen Rio Grande zu kommen, wie viele Teller er gewaschen, wie viel Schläge er bekommen, wie viel Schmach ihm entgegen schlug und wie viel Entwürdigung seine Frau im schönen Amerika ertragen musste? Und immer wieder waren das Typen, die ihm und seiner Familie so etwas zufügten, die so aussahen wie du! Große, hagere Männer mit ihren grauen Killeraugen, kalt wie Fische, falsch wie Hyänen und brutal wie Krokodile. Der hat sich sein ganzes Leben lang imprägniert gegen die Anwürfe von Typen wie dir, der hat sich den Arsch aufgerissen und alles gefressen, damit er hier und heute Abend sitzt und so einen wie dich vor die Flinte kriegt. Glaub mir, mein Freund, für Mister Calderon ist heute Judgement Day!“

Es war still geworden im Raum, wir waren die einzigen, die noch da saßen und warteten. Die Uhr zeigte kurz vor Eins an, der Zeiger rückte mit südländischer Bräsigkeit langsam, aber stetig voran. Manfreds Augen waren geschlossen, er war schneeweiß, aber ich wusste, er köchelte vor sich hin. Mir hingegen ging es richtig gut, auch wenn mir Gebaren und Visage von Herrn Calderon alles andere als sympathisch waren.

Es war klar, dass Mister Calderon uns einfach nur schmoren lassen wollte. Der Passcheck hatte nichts ergeben und die Dokumente lagen schon seit einer Stunde auf seinem Schreibtisch. Er hingegen genoss die Situation. Er ging Routinegeschäften nach, füllte hier ein Formular aus, knallte dort einen Stempel auf ein Dokument, ordnete immer wieder seinen Schreibtisch, sah auf die Uhr, holte sich einen Kaffee, telefonierte und rang sich dabei sogar ab und zu ein Lächeln ab. Nur wenn er in unsere Richtung sah, begegnete uns ein abweisender, zynischer Blick.

So verging noch einige Zeit, bis endlich der anscheinend ranghöchste Offizier das Gebäude betrat. Groß, etwas übergewichtig, das graue Haar eines ehemals Rothaarigen und durch sein Namensschild als ein waschechter irischer O´Hara zu entziffern. Nachdem dieser seine Runde gemacht und alles inspiziert hatte, nickte er Calderon fragend in unsere Richtung, woraus dieser sehr devot auf unsere Pässe wies und etwas von Check nuschelte. O´Hara nahm sofort unsere Dokumente, blätterte sie durch und rief uns zu sich.

Er bedauere die Unannehmlichkeiten, die die strengen Auflagen der momentanen Situation uns bereitet hätten, blickte dabei sehr streng auf Herrn Calderon, nun wünsche er uns eine gute Nacht und einen angenehmen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Wir bedankten uns, verließen das Gebäude und liefen den halben Kilometer bis zu unserem Auto. Auf der Rückfahrt nach Bracketville, mit offenen Fenstern durch die texanische Nacht, stellte ich nur noch für das Reiseprotokoll fest, dass ein irischer Katholik nicht nur unseren protestantischen Zyniker gerettet, sondern auch den katholischen Assimilado in seine Schranken gewiesen habe.

Als wir zu unserem Fort zurückkamen, setzten sich Manfred und ich noch etwas nach draußen. Es war warm, hier und da hörten wir Coyoten schreien, und der Wind spielte Melodien, die wir noch nicht kannten.