Als russischer Botschafter in Malaysia

Ich saß in meinem Büro bei Lembaga Administrasi Negara, wo ich seit sechs Wochen arbeitete. Das Gebäude der ehrwürdigen Regierungsinstitution lag direkt hinter dem Präsidentenpalast im Herzen Jakarta in der Jalan Veteran. Konzentriert auf ein Konzept zur Dezentralisierung der indonesischen Staatsverwaltung, starrte ich auf den Bildschirm meines Computers, als das Telefon klingelte. Es war Ibu Sri, eine Abteilungsleiterin, mit der ich eng zusammenarbeitete. Haben Sie schon mal aus dem Fenster geschaut?, fragte sie mich. Als ich verneinte, drängte sie mich, dies zu tun. Ich traute meinen Augen nicht, als ich herausblickte. Ich sah brennende Autoreifen, einen wild umherfahrenden Panzer, der immer wieder wendete und tausende von aufgebrachten Menschen, die mit allem nach dem Panzer warfen, was sie auftreiben konnten. Am besten, so Ibu Sri, Sie gehen sofort zu ihrem Fahrer und lassen sich auf dem schnellsten Weg nach Hause fahren, wo Sie bitte bleiben. Alles weitere erfahren Sie von mir, gehen Sie nicht aus dem Haus! Und schon legte sie auf. Angesichts der Bilder aus der Jalan Veteran musste ich nicht lange überlegen. Ich packte mein Laptop, schaltete die Klimaanlage aus und lief auf den Hof. Dort fuhren bereits die ersten Busse mit den Beschäftigten in rasantem Tempo ab, mein Fahrer saß bereits im laufenden Wagen und winkte aufgeregt.

Bapak, Bapak, rief er, cepat, cepat, disini terlalu berbahaya, schnell, schnell, mein Herr, hier ist es zu gefährlich. Als Kind Jakartas kannte er die Jalan Tikus, die Mäusestraßen, wie sie hier genannt wurden, Schleichwege also, auf denen wir uns so schnell es ging aus dem Zentrum bewegten. Überall sahen wir, wie Menschen in Panik umher- und vor allem davon liefen. Zum Teil wurde geplündert und überall stiegen Rauchsäulen auf. Obwohl wir immer wieder durch die Kampungs fuhren, dorfähnliche Siedlungen aus Blech und Holz, mit denen sich die indonesische Metropole durchzog, ließ es sich nicht vermeiden, dass wir immer wieder auf oder über eine der großen Protokollstraßen mussten, um weiter zu kommen. Eko, mein Fahrer, erzählte mir, dass im Norden, in Chinatown, Tanjung Priok und am Hafen die Hölle los sei. Überall würde geplündert, Militär sei massiv unterwegs und Kaufhäuser, in denen sich die aufgebrachte Menge bediente, würden wie lebende Fackeln von der Armee in Brand gesetzt. Wir mussten in den Süden, fuhren ein Stück die Jalan Thamrin entlang, wo die großen Hotels waren, die bereits durch eigene Securities abgesichert wurden und bogen dann am Bundaran H.I., wo die britische und deutsche Botschaft residierten, in die Jalan Sudirman ein. Im Gegensatz zu sonst ging es schnell, viele Menschen benutzten schon nicht mehr das Auto. An der katholischen Universität standen auf der einen Seite tausende von Studenten, die Parolen riefen und auf der anderen Seite bis an die Zähne bewaffnetes Militär. Wir schafften es relativ schnell, in den Stadtteil zu kommen, in dem wir wohnten, Kebayoran Lama. Meine Frau schaute bereits CNN. Wir wohnten zu dieser Zeit in einem Apartmenthaus, oben, im letzten Stock und hatten eine große Terrasse, die um den ganzen Wohnbereich herumführte. So konnten wir sehen, wo es brannte, es zog sich ein Ring um das Zentrum, die dicksten Rauchwolken waren tatsächlich in Glodok zu sehen, dem Chinesenviertel. Seltsamerweise waren wir sehr ruhig.

Obwohl ich als Einzelkämpfer über eine deutsche Regierungsinstitution in Indonesien tätig war, übernahm die GTZ die Koordination der Sicherheit der deutschen Expats in öffentlichem Auftrag, was sich als Segen herausstellen sollte. Noch während wir mit angehaltenem Atem die Nachrichten auf CNN verfolgten, lief das erste Fax der GTZ bei uns ein, in welchem wir nützliche Verhaltenshinweise und Ansprechpartner genannt bekamen. Zu unserem Glück war auch noch unsere Nachbarin die Verwaltungsleiterin des GTZ-Büros, und diese klärte uns am Abend über vieles auf.

Was war geschehen? Die Zeit von Präsident Soeharto, der seit 32 Jahren im Amt war und selbst durch einen blutigen Putsch, in dessen Folge 1964 zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen waren, ging an diesem Tag zu Ende. Sein bis in die Haarwurzeln korruptes Familienimperium hatte abgewirtschaftet und das Volk, Teile des Militärs und der Mittelstand wollten nicht mehr. Eine Auslandsreise des Präsidenten nach Kairo hatte dazu geführt, dass von verschiedenen Punkten des Unwillens aus das Feuer entfacht wurde. Wie immer, so möchte ich sagen, und leider in der jungen indonesischen Geschichte üblich, sind das dann die Momente, in denen jeder mit jedem abrechnet und eine überschaubare Arithmetik nicht zustande kommt. Alles wirkt verworren, mysteriös und vor allem sehr blutig. Das Feuer lodert überall, es riecht nach Menschenfleisch und Köpfe werden aufgespießt. An diesem einen Tag im Mai 1998 kamen Tausende in brennenden Kaufhäusern um, fast die gleiche Anzahl chinesischer Frauen wurden im Norden Jakartas von marodierenden Soldaten vergewaltigt, Soldaten schossen auf Soldaten oder auf Studenten. Es war die Hölle auf Erden in einem der schönsten Länder der Welt. Einen kühlen Kopf behielt Jenderal Wiranto, ein ehemaliger Adjutant des fallenden Präsidenten, denn er übernahm die Regie und löste für kurze Zeit den großen Dalang, den Schattenspieler, wie der scheidende Präsident genannt wurde, ab.

Als das Inferno ausbrach, wurde es weltweit zum Tagesthema Nummer Eins und die ausländische Community kam schnell in Bewegung. Wie immer in solchen Fällen, organisierten die USA die sofortige Ausreise ihrer Staatsbürger und die ersten Flugzeuge standen Stunden später bereit. Sie eskortierten ihre Bürger mit einem paramilitärischen Konvoi auf dem gefährlichen Weg zum Flughafen. Kurze Zeit später folgten die Briten, dann die Franzosen, die Niederländer etc. Und die Deutsche Botschaft? Sie gab die Devise aus, es sei alles halb so schlimm und man solle Ruhe bewahren. Der damalige Botschafter war mit der in der Auflösung begriffenen und morbiden Elite nämlich verfilzt und wollte seine Loyalität beweisen. So kam es, dass wir uns von unserem Dach aus fünf Tage lang ein brennendes Jakarta ansehen durften. Allerdings, so muss ich hinzufügen, es fehlte uns an nichts. Das lag aber nicht an der Deutschen Botschaft, sondern an den Indonesiern direkt im benachbarten Kampung, an unserem Fahrer Eko, der uns täglich unter Lebensgefahr besuchte und Reis mitbrachte und an Ibu Sri, die immer wieder anrief und sich nach unserem Befinden erkundigte. Und, was die Informationen seitens der GTZ anbetraf, die ein famoses Krisenmanagement hinlegte, trotz der Deutschen Botschaft.

Irgendwann setzte sich wohl beim Auswärtigen Amt in Berlin die Erkenntnis durch, dass es ein zu großes Risiko sei, das deutsche Personal weiterhin als Schutzschild für den stürzenden Mammon zu missbrauchen. Und so bekam die GTZ nach einer Woche das Go, uns zu evakuieren. Alles verlief ruhig, wir fuhren in einem Konvoi zum Flughafen Soekarno Hatta, wo es furchtbar hektisch zuging, weil viele Chinesen um ihr Leben kämpften und für ein Ticket nach Singapur jeden Preis zahlten. Da bereits alle anderen Expats ins nahe gelegene, sichere Ausland evakuiert worden waren, ging nichts mehr nach Singapur, weil dort alle Hotels ausgebucht waren, flogen wir spät in der Nacht in die malaiische Metropole Kuala Lumpur. Dort wurden wir am Flughafen am frühen Morgen vom dortigen Deutschen Botschafter und seinem Staff in Empfang genommen und auf verschiedene Hotels verteilt. Wir landeten im Hotel Radisson direkt im Zentrum der Hauptsstadt, gegenüber den Twin Towers. Trotz der frühen Stunde gab der Deutsche Botschafter dort noch einen Empfang für uns, bot seine Hilfe an und machte den Eindruck, als wolle er sich für seinen in Jakarta residierenden Kollegen entschuldigen. Irgendwann sanken wir ohnmächtig in unsere Luxusbetten und träumten gar nichts mehr.

Von unserem Flugzeug waren ca. 60 Personen in das Radisson Hotel in Kuala Lumpur kontingentiert worden. Beim Frühstück trafen wir uns alle beim Buffet und die Atmosphäre war aufgeladen. Die vielen unterschiedlichen Experten hatten in allen Teilen Indonesiens gearbeitet und hielten den Kontakt zu ihren Projekten und Häusern. Die Gerüchteküche brodelte, dort war die Lage ruhig, an anderer Stelle wurde von einem Massaker berichtet und woanders wieder war geplündert worden. Zudem gab es fast stündlich Nachrichten aus Deutschland, vom Auswärtigen Amt und den einzelnen Entsendeorganisationen. Ich hatte morgens um 8.00 Uhr bereits einen Anruf von einem Freund und Barbesitzer, der seinen Jazzclub morgens um 3.00 Uhr geschlossen und mich dann angerufen hatte. Woher er wusste, wo ich mich aufhielt, blieb immer ein Rätsel. Zum Teil waren wir alle sehr aufgeladen, andererseits ging einem dieses furchtbare Geschnatter auch auf die Nerven. Meine Frau und ich beschlossen, uns Kuala Lumpur anzusehen und wir verließen nach dem Frühstück das Hotel Richtung Twin Towers. Das Zentrum Kuala Lumpurs ähnelt von seiner Regulierung dem Singapurs und folglich hat es mit einer asiatischen Metropole wenig zu tun. Überdimensionierte Shopping Malls, in denen die Edelmarken dieser Welt zu Preisen wie überall in der Welt in exklusiven Boutiquen anzusehen sind. Während vor allem die Frauen der einheimischen Eliten aus Zeitvertreib mit Dienern im Schlepptau diese Läden leer kaufen, gehen diejenigen, die es sich nicht leisten können dorthin, weil diese Malls gut klimatisiert sind und sie frönen der Disziplin des Window Shopping, d.h. sie drücken sich an den Schaufenstern die Nasen platt und träumen von dem Tag, an dem sie sich das alles auch leisten können. Auf den Straßen standen überall Verbotsschilder und die entsprechend drakonischen Strafen, wenn man irgendwo rauchte oder eine Zigarette oder ein Kaugummi weg warf. Es herrschte noch der Präsident Mahatir, der autokratisch das Land regierte und mit einer gelenkten Wirtschaftsentwicklung und strengen Sanktionen das Land nach vorne zu bringen glaubte. Die Liberalität, von anderen Anarchie genannt, die das Straßenbild in Jakarta vermittelte, war in Kuala

Lumpur mit keiner Geste zu finden. Wir kehrten relativ schnell gelangweilt in unser Hotel zurück, wo uns erneut eine Welle von Gerüchten entgegen schlug. Ich ging aufs Zimmer und ich rief meinen Auftraggeber in Frankfurt an. Dort bekam ich von der für mich zuständigen Frau den Hinweis, dass wir zunächst in Kuala Lumpur bleiben sollten, da man auf eine Beruhigung der Lage in Jakarta hoffe. Man wolle zunächst eine Woche bis zehn Tage abwarten und nicht voreilig alle Berater nach Deutschland zurück holen. Danach rief ich meinen Kollegen Gero von Harder in Indonesien an, unser Mann in Jakarta, wie wir ihn scherzhaft nannten. Er war geblieben, weil er de facto als permanent resident galt. Aufgrund seiner guten Kontakte zur indonesischen Nomenklatura war er zusammen mit seiner achtzigjährigen Mutter, die zu Besuch war, in einer spektakulären Aktion aus seinem Viertel in Jakarta, in dem es heftig zuging, von Militärs heraus geholt und nach Pangandaran am Indischen Ozean gerettet worden. Er besaß dort eine gute Infrastruktur und riet mir, da es seiner Ansicht nach noch mindestens zehn Tage bis zu einer offiziellen Entscheidung aus dem Auswärtigen Amt dauern würde, so schnell wie möglich mein Bündel zu packen und aus dem sterilen Kuala Lumpur zu verschwinden. Er empfahl mir die Insel Penang vor der thailändischen Grenze.

Wir saßen in der Lobby und unterhielten uns mit dem Pädagogen Dr. Klaus Weber und seiner Familie, die wir vor einigen Monaten in Jakarta bei einem kurios verlaufenden Gespräch auf einem Empfang kennen gelernt hatten, in dem wir fest stellten, dass wir alle Patienten beim gleichen Zahnarzt in Mannheim waren. Im Laufe des Gespräches erzählte ich von meiner Unterhaltung mit von Harder und Klaus und vor allem seine Töchter waren gleich von der Idee begeistert, auf eine Insel zu fahren und dort abzuwarten, wie man sich in Deutschland entschied. Nun rief ich meine indonesischen Kollegen an, die schließlich am besten informiert waren, da sie das Machtgeflecht in Jakarta am besten kannten. Ich rief Muhammad Idris an, einen von mir sehr geschätzten Direktor meiner Organisation, die direkt den Präsidenten beriet, der aber mit mir schon in einem Vorgespräch zu meiner Tätigkeit über die Notwendigkeiten für die Zeit danach diskutiert hatte. Er war ein Mann aus Makassar und gehörte zu einer überaus einflussreichen Lobby in dem Riesenreich. Bapak Idris machte eine klare Ansage: Heute Nacht hat der ehemalige Gouverneur Ali Sadikin ein Blutbad verhindert und die Generäle Wiranto und vor allem Prabowo zur Räson gebracht. Die Lage wird sich ohne Präsidenten Soeharto in den nächsten ein bis zwei Woche stabilisieren, seine Zeit ist vorbei. Fliegen Sie bitte nicht nach Deutschland und kommen Sie, sobald es Ihre Regierung Ihnen erlaubt, zurück, wir werden viel zu tun haben, um unser Land zu dezentralisieren und zu demokratisieren.

Mit dieser Information schlenderte ich nun zum Manager des Radisson Hotels, einem jungen, sehr professionell wirkenden Österreicher. Er interessierte sich sehr für das Erlebte in Indonesien, bestellte Tee und wir hatten ein langes Gespräch, in dem ich auch einiges über Malaysia erfuhr, was ich in der Presse nicht hätte lesen können. Als ich ihm berichtete, dass ich die Zeit nutzen und vielleicht etwas vom Land sehen wolle, bot er sogleich seine Hilfe an. Er empfahl auch ein Hotel auf der Insel Penang

und bot sich an, meine Frau und mich dort anzumelden und für einen Mietwagen zu sorgen. Also trafen wir uns wieder in der Lobby und unterhielten uns mit Webers, die noch zwei Tage warten, dann aber uns nach Penang folgen wollten. Meine Frau und ich beschlossen, am nächsten Morgen zu fahren.

Nach dem Frühstück bestiegen wir eine recht brauchbare Limousine der Firma Proton, Made in Malaysia, und machten uns auf den Weg. Wir fuhren direkt auf die Autobahn Richtung Norden und kamen zügig voran. Während der Fahrt sahen wir, dass das ganze Land zugunsten von riesigen Palmölplantagen gerodet worden war und von der ursprünglichen Landschaft war nicht mehr viel zu sehen. Wir hatten den Eindruck, als hätten Technokraten den gesamten Dschungel dem Erdboden gleichgemacht und nur noch das gepflanzt, was derzeit auf dem Weltmarkt zu einem einträglichen Preis verkauft werden konnte. Aber alles wirkte trotz seiner Symmetrie und Akribie irgendwie trostlos und marode und wir konnten geradezu spüren, dass Malaysia wie seine südostasiatischen Nachbarstaaten auch in eine tiefe Krise gestürzt war. Der Börsenhype war einem gewaltigen Crash gewichen und auch das Fell des malaiischen Tigers war sehr stumpf geworden.

Gegen Mittag machten wir auf einer Autobahnraststätte halt und erlebten eine Feindseligkeit, die beängstigend wirkte. Wir bekamen schlechtes Essen und wurden vom Personal argwöhnisch beäugt. Später erfuhren wir, dass wir in einer Region angehalten hatten, in der noch die Scharia als Rechtsform galt und ein extremer, intoleranter Islam das Leben regelte. Da wirkte es wie eine Befreiung, als wir abends endlich auf der Insel Penang ankamen, die schon in Zeiten des britischen Kolonialismus von Reisenden aus der ganzen Welt aufgrund ihrer Mondänität großes Ansehen genossen hatte. Zwar korrespondierte das Weltläufige in der Architektur überhaupt nicht mit den Bauten aus der neuen malaiischen Zeit, die mehr an die siebziger Jahre der DDR erinnerten, aber die Natur sprach ein mächtiges Wort mit und machte vieles wieder gut.

Wir hielten direkt am Meer vor einem großen, regelrecht üppigen und modernen Hotel und gingen zur Rezeption. Kami disini langsung dari Ibu Kota Kuala Lumpur y ingin salamkan Anda dari Bapak Pimpinang dari Hotel Radisson. Ich berichtete auf Malaii von der Empfehlung des Radissonchefs aus Kuala Lumpur und wir wurden sehr herzlich als die erwarteten Gäste from the Embassy empfangen. Wir dachten uns nichts bei der Erwähnung der Botschaft, waren wir doch als Gäste des Deutschen Botschafters im Radisson in Kuala Lumpur dort gebucht worden. Wir nahmen unseren Schlüssel in Empfang und staunten nicht schlecht, als wir in uns in einer riesigen Suite mit Empfangs- Arbeits- und Wohnbereich sowie einem atemberaubenden Meerblick wieder fanden. Da wir aber den Preis, der für unsere Verhältnisse durchaus bezahlbar war, kannten, fassten wir das als ein Resultat der Finanzkrise auf und nahmen den Umstand dankbar an. Also richteten wir uns ein und machten uns etwas frisch. Ich rief Gero an, der nichts Neues aus Indonesien berichten konnte und so gingen wir hinunter zum Abendessen. Das Personal war überaus freundlich und das Hotel verdächtig leer, so dass wir den

Eindruck gewannen, die Freude über neue Gäste wäre das Motiv für diese ausgesuchte, an die Grenze der für unsere Verhältnisse verdaubaren Aufmerksamkeit. Wir nahmen es hin, aßen eine Menge exotischen Fisch und machten danach noch einen Strandspaziergang. Recht zufrieden gingen wir dann in unser fürstliches Gemach, blickten noch einmal aufs Meer und löschten das Licht.

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zum Frühstücksraum, wurde ich stutzig, als mich eine der überaus hübschen Kellnerinnen gleich in Empfang nahm und Mister Ambassador, we have already arranged the most convenient place for you and your wife. Ich war so perplex, dass ich mich von der Kleinen an einen üppig gedeckten Tisch mit Meerblick auf die Terrasse führen ließ. Meine Frau kam etwas später und war ganz angetan von dem Service. Als ich ihr jedoch erzählte, was vorgefallen war, blickte sie mich ernst an und riet mir, das Missverständnis bitte sofort zu bereinigen. Obwohl mir nicht danach war, genoss ich zunächst den gebratenen Reis mit King Prawns, die geräucherten kleinen Fische, die in den Tropen immer edlen Fruchtsäfte und den starken, pechschwarzen Kaffee und lauschte dazu den Affen, die nicht weit von uns entfernt in den Palmen und Stromleitungen herum sprangen und ihr morgendliches Gezeter abhielten. Als sichtbar wurde, dass sich unser Frühstück dem Ende näherte, kam die kleine seidengewandete Kellnerin wieder an den Tisch, Mister Ambassador, is there anything else I can do for you? Als ich sie fragte, ob ich den Direktor des Hotels sprechen könne, war sie sehr erschrocken und fragte, ob etwas nicht zur Zufriedenheit des Herrn Botschafter erfolgt sei. Ich beruhigte sie mit meinem ganzen Charme, schwärmte vom Zimmer, von den Speisen und besonders von ihrem tadellosen Service und zwinkerte ihr zu, es handele sich quasi um eine kleine politische Angelegenheit, die ich mit dem Herrn Direktor in aller Diskretion zu besprechen hätte. Sehr erleichtert sicherte sie mir zu, den Kontakt sofort herzustellen.

Kurz darauf fand das Treffen statt und ich saß mit einem älteren Chinesen in seinem Kontor mit dicken Teppichen, großen Möbeln aus Tropenholz und einer bis zum Zähneklappern herunter gekühlten Klimaanlage. Wir befanden uns in Asien und bevor dort ein Gespräch zum Kern dringt, unterhält man sich in entspannter Atmosphäre bei einer guten Tasse Tee über das gegenseitige Befinden, die Familie, das Wetter, das Land, die Wirtschaft und die Kultur. Das taten wir denn auch recht exzessiv. Irgendwann kam ich dann auf mein Problem zu sprechen und bedeutete meinem Gegenüber, dass wohl eine Verkettung von Kommunikationsunschärfen dazu geführt hätte, mich für den Deutschen Botschafter zu halten, was allerdings nicht der Fall sei. Wissend nickte der chinesische Hoteldirektor, lächelte das asiatische Lächeln und gab mir als Rückmeldung, ich sei ein kluger Mann, dem man anmerke, wie diplomatisch und diskret er mit der Welt umgehe. Die Botschaft sei bei ihm angekommen und ich solle mir keine Sorgen machen. Dementsprechend erleichtert ging ich zurück in unsere Gemächer, berichtete meiner Frau von der Klärung und machte meine Rundrufe nach Indonesien und Deutschland. In Indonesien waren die blutigen Auseinandersetzungen auf den Straßen zu Ende, aber es herrschte Ausgangssperre und hinter den Kulissen wurde verhandelt. Meine deutsche

Ansprechpartnerin hingegen machte mir die Hölle heiß, weil ich ohne Erlaubnis Kuala Lumpur verlassen hätte. Dass ich in ständigem Kontakt mit meiner indonesischen Organisation stand und in dessen Einverständnis handelte, besänftigte sie nicht, obwohl ich offiziell Beschäftigter einer indonesischen Regierungsinstitution war.
Nach dem Telefonat gingen wir zunächst an die Rezeption und teilten mit, dass wir für den Nachmittag Freunde erwarteten, die aus Kuala Lumpur einträfen und machten uns an den Strand zum Schwimmen und blieben dort den ganzen Tag.

Als wir am frühen Abend von unsrem Zimmer kamen, lief Familie Weber freudig auf uns zu und Klaus fragte mich lauthals, was denn hier passiert sei, sie seien als Gäste des russischen Botschafters Willkommen geheißen worden. Nun war ich völlig perplex. In der Folge wurde ich immer vom Personal mit einem lauten Hallo begrüßt, worauf dann zwinkernd ein leises Mister Ambassador folgte, als hätten wir ein gemeinsames Geheimnis. Ich konnte mir das alles nur so erklären, als dass der chinesische Hoteldirektor meine Botschaft so aufgefasst hatte, dass ich hier incognito weilen wollte, weil ich entweder meine Ruhe haben wollte oder in geheimer Mission unterwegs war. Warum aus mir plötzlich der russische Botschafter geworden war, konnten wir uns alle nicht erklären. Meine Frau mutmaßte gleich es sei mein Körperbau oder der grimmige Blick, Webers meinten, mein westfälisches R gleiche dem russischen.

Wie dem auch sei, während die anderen sich köstlich amüsierten, wurde ich zunehmend ungehalten und so langsam baute sich auch die Befürchtung auf, das ganze Spiel könne sich zu einem furchtbaren Desaster ausweiten. Was, wenn irgendwann die malaiische Polizei auftauchte und meine Legitimation sehen wollte? Ich stellte mir bereits vor, wie ich in einem fauligen Kerker lag und monatelang auf einen Prozess wegen schweren Betrugs und Irreführung der malaiischen Behörden wartete und nach dem Absitzen meiner dortigen Haft nach Russland ausgeliefert würde, um bis an das Ende meiner Tage in Sibirien Zwangsarbeit zu leisten. In der Folge legte ich Wert darauf, dass wir früh morgens das Hotel verließen und abends erst zurückkehrten. Wir sahen uns alles auf der Insel an, was es zu sehen gab und aßen ständig in irgendwelchen indischen oder pakistanischen Garküchen am Straßenrand. Doch wenn wir abends ins Hotel zurückkehrten, stand das Personal schon im Pulk vor der Eingangstür, nahm uns das Gepäck ab, begleitete uns auf die Zimmer und fragte andauernd, ob der Herr Botschafter irgendwelche Wünsche habe.

Eines abends kam der chinesische Direktor und bat mich an einen Tisch, an dem die ganzen lokalen Honoratioren saßen, zumeist chinesische Geschäftsleute, die sich mit dem Ihrer Exzellenz, dem russischen Botschafter, über die Planungen seines Landes in der Region und die allgemeine wirtschaftliche Entwicklung unterhalten wollten. Der Hotelchef zwinkerte mir wissend zu und mir blieb nichts anderes übrig, als die Rolle zu spielen, so meinte ich zumindest, weil ich den armen Mann nicht im Regen stehen lassen wollte. Die finanzkräftigen Herren hingen immer an meinen Lippen, wenn ich in die Kiste der geopolitischen Floskeln griff und die Welt- und Regionallage aus meiner Sicht beschrieb. Ich prophezeite dem Land Malaysia eine schnelle Erholung von der Finanzkrise und rekurrierte auf den derzeitigen eigenen

Slogan der dortigen Regierung The Bull is bouncing back! Und gab vor allem einen exzellenten Ausblick für die Insel Penang. Man war überaus angetan und lobte die Weitsicht des Herrn Botschafter. Champagner und sogar eisgekühlter russischer Wodka wurden aufgefahren und der Abend endete in ausgezeichneter Stimmung. Völlig durchgedreht ging ich auf mein Zimmer, duschte kalt und legte mich ins Bett, fand jedoch keinen Schlaf. Bei jedem Motorengeräusch, das ich von der Küstenstraße her hörte, dachte ich an den malaiischen Geheimdienst, der jetzt käme, um mir dreistem Hochstapler so richtig heimzuleuchten. Als ich morgens aufstand, war ich völlig durchgeschwitzt und bekam regelrechte Fieberphantasien. Die anderen rieten mir, cool zu bleiben, was leicht gesagt, aber schwer getan war, vor allem, wenn ich schon beim Frühstück gefragt wurde, Mister Ambassador, is it convenient for you that we serve the scambled eggs with king prawns now or do you prefer to wait and have coffee and juice beforehand?

Es war ein Kreuz. Ich wurde paranoid und ungeduldig. Nun rief ich zweimal täglich in Frankfurt, Jakarta, Kuala Lumpur und Pangandaran an, um zu erfahren, wie es denn stünde mit der Entscheidungsfindung. Und das mit einer Emphase, dass sogar meine Ansprechpartnerin in Frankfurt zu witzeln begann, warum ich denn so dränge, ich sei doch auf einer herrlichen Ferieninsel. Nach einigen Tagen war klar, dass wir nicht nach Deutschland zurück beordert würden, sondern man nun auf den geeigneten Zeitpunkt warte, wann wir zurück nach Indonesien könnten. Irgendwann kam allerdings der Zeitpunkt, da wurde mir alles egal. Zu oft hatte ich in meiner Phantasie den Absturz durchlebt, sodass ich nun sogar meinen Status genoss. Webers nahmen die Geschichte nie sonderlich ernst und Klaus schrie manchmal am Strand, ob der Herr Botschafter mit ihm im Meer schwimmen gehe. Abends schritt ich dann würdevoll mit meiner Zigarre an den Tischen vorbei, an denen sich alle verbeugten und tuschelten.

Doch meine dennoch immer wieder verspürte Pein hatte bald ein Ende, wir bekamen das Go vom Auswärtigen Amt, nach Indonesien zurück reisen zu können. Ich telefonierte sogleich mit dem Sicherheitsbeauftragten in Kuala Lumpur, der mir sagte, wann unsere Maschine ging. Wir packten und zahlten an der Rezeption. Bevor wir das Hotel verlassen wollten, erschien der Direktor mit dem gesamten Hotelpersonal zu einem kleinen Farewell. Es gab einen Fruchtsaft und eine Rede seinerseits, in der er sich lauthals, so dass es alle anwesenden Gäste hören konnten, für die Ehre des Besuchs des russischen Botschafters und seiner Begleitung bedankte und auf ein baldiges Wiedersehen hoffte. Dann war die Reihe an mir. Ich ließ mich, wahrscheinlich aus Erleichterung, dass diese ganze Mär nun vorbei war, nicht lumpen. Ich bedankte mich für die exorbitante Gastfreundschaft, den unvergessenen Service und die Herzlichkeit, mit der wir empfangen und behandelt worden waren, bescheinigte dem Hotel, der Insel wie dem Land brillante Perspektiven und erwähnte, in wie vielem auch mein Land von dieser Professionalität noch lernen könne. Die Rede kam wie erwartet gut an und mit Blumen im Arm bestiegen wir unsere Autos. Als wir der Höflichkeit genüge getan hatten, brauste ich mit einem Kick down vom Parkplatz und blickte mich nicht mehr um.

Von der Rückfahrt nach Kuala Lumpur weiß ich nur noch, dass meine Frau mich ständig ermahnte, nicht so zu rasen. Dort angekommen, gaben wir schnell den Wagen ab und machten uns auf zum Flughafen, von wo die Maschine am frühen Abend losging. Das fast serienmäßige Gerumpel über Sumatra erschien mir wie eine Meditation über die Sicherheit und als wir in Jakarta landeten, war ich ein glücklicher Mensch. Im Taxi rauschten wir durch diesen uns bereits ans Herz gegangenen Moloch, an der Ampel standen junge Männer, die Gitarre spielten und von den Winds of Change sangen. Unsere Neugier über das, was hier passiert war, wuchs mit jeder Sekunde und die Vorfreude auf den Neuaufbau mit meinen indonesischen Kollegen kannte keine Grenzen. Bei offenem Fenster schrie ich immer wieder unseren Slogan Jackie, cintamu!, eine Codierung von Jakarta, ich liebe dich, die ganze Last fiel von mir ab, der Taxifahrer bot mir eine Kretekzigarette an und beim Inhalieren wusste ich, jetzt fing das Leben an und der russische Botschafter ruhte im Affentempel von Penang.